29. Oktober 2004 · Quelle: MAZ

Gegen das Vergessen

Im März will ich nicht ster­ben”, sagt er uner­wartet und lacht uns fröh­lich
an. “Warum?”, frage ich über­rascht. Ver­schmitzt und mit leuch­t­en­den Augen
antwortet der 83-jährige Artur Rad­van­sky: “Da reise ich seit Jahren mit
meinem Enkel in die franzö­sis­che Schweiz zum Ski­fahren auf der schwarzen
Piste! Ich liebe meine neuen kurzen Bret­ter!”

Als er davon erzählte, standen wir auf dem Gelände des ehe­ma­li­gen
Frauenkonzen­tra­tionslagers Ravens­brück. Hin­ter dem östlichen Zaun befand
sich damals ein Arbeit­slager, in dem über 20 000 Män­ner schuften mussten.
Der das sagt, weiß, warum er das Leben jede Sekunde auskostet. Artur ist
Jude und wurde von den Nazis zwis­chen 1939 bis 1945 als tschechis­ch­er
Zwangsar­beit­er in sechs deutsche Konzen­tra­tionslager ver­schleppt. Dieser
Mann ist ein leben­des Wun­der, an dem die Schüler und Lehrer der Realschule
“An der Polz” unlängst für wenige Stun­den teil­haben durften.

Daneben scheint die Lebens­geschichte von Michaela Vid­lako­va fast kindlich,
wenn die tschechis­che Jüdin erzählt, wie das Schick­sal ihr und den Eltern im
Lager There­sien­stadt mit­spielte. Nur durch gegen­seit­ige Hil­fe, Wach­samkeit
und Über­lebenswillen kon­nten sie und die Eltern diese deutsche Hölle auf
tschechis­chem Boden über­ste­hen. Artur Rad­van­sky berichtete: “Als
Inhaftiert­er des Män­ner­lagers im KZ Ravens­brück arbeit­ete ich als Mau­r­er.
Wir soll­ten ein Haus für straf­fäl­lige Kinder und Jugendliche bauen. Damals
sagte mein Meis­ter zu mir, ich solle seine Sachen vom Gerüst holen. Also
ging ich hin­auf, um seinen Anweisun­gen zu fol­gen. Oben merk­te ich, wie sich
das Gerüst langsam von der Mauer ent­fer­nte und ich mitkippte. Ich sprang
also vom Gerüst ab und fiel auf einen drei Meter hohen Sand­berg.”

Artur Rad­van­sky zog plöt­zlich beim Erzählen seine Hose hoch und zeigte uns
eine große Narbe am linken Schienen­bein. “Anfangs war es nur abgescheuerte
Haut, dann habe ich mich infiziert und zum Schluss war es dann eine große,
entzün­dete und eit­ernde Wunde. Es hat ewig gedauert, bis diese ver­heilt war,
denn für jüdis­che Häftlinge gab es kaum medi­zinis­che Ver­sorgung.”

So unver­mit­telt, haut­nah, stürzen die Erin­nerun­gen aus dem ehe­ma­li­gen
Häftling, dass Michaela geduldig den Faden der Ereignisse hält, denn die
Berichte der bei­den sind kaum zu fassen.

Wie kon­nten Men­schen — Deutsche, das Volk der Denker und Poet­en — der­art
unmen­schlich sein? Ich bin unsich­er, sagt Tobias am näch­sten Tag, wie die
Rei­hen­folge des Gesprächs ver­lief, denn Arturs Erin­nerun­gen über­schnit­ten
sich im Gespräch, ich schreib ein­fach mal auf, was ich noch weiß! Artur war
von der SS nach Buchen­wald, Ravens­brück, Sach­sen­hausen, Auschwitz und
Mau­thausen ver­schleppt wor­den und jedes Lager hat eigene Geschicht­en in sein
Gedächt­nis gegraben.

Er berichtete davon, dass SS-Män­ner an ihm vor­beiliefen und ihm seine Mütze,
die er uns zeigte, weg­war­fen, dabei gle­ichzeit­ig den Befehl gaben: “Los, heb
deine Mütze auf!” Reine Schikane.

Als dann der Häftling seine Mütze wieder holen musste, wurde er wegen
Fluchtver­suchs angeschossen. Die SS- Sol­dat­en haben Abze­ichen oder Orden
bekom­men, wenn sie ver­hin­derten, dass ein Arbeit­er entkom­men kon­nte.

Eine andere Sto­ry, die bei mir hän­gen blieb, erlebte Artur in der Nähe von
Auschwitz. Dort wurde ein Bor­dell für die Wach­leute der SS erbaut. Den
pol­nis­chen Häftlin­gen, Frauen, erzählte man, dass, wenn sie dort fünf Monate
hingin­gen, sie freige­lassen wür­den. Die meis­ten Frauen über­lebten das nicht.

Eine sein­er Geschicht­en hat Trauer in mir geweckt. Artur musste mit unge­fähr
zwanzig Häftlin­gen nach der Arbeit bei Frost auf einem Ack­er schlafen. Sie
hat­ten wegen der Kälte dicht an dicht beieinan­der gele­gen. Aber als er
mor­gens aufwachte, war ein­er sein­er Kol­le­gen nicht mehr aufge­s­tanden. Er war
trotz Umdrehens und Platzwech­sels der Häftlinge vom Rand in die Mitte der
Gruppe während der Nacht erfroren.

Artur meinte, dass man im KZ Auschwitz seine Würde ver­lor und seinen Namen,
da jed­er eine Num­mer ein­tä­towiert bekam. Viele Häftlinge sind später an
ein­er Blutvergif­tung gestor­ben, da ca. 2000 Men­schen mit ein­er Fed­er
gestochen wur­den. In anderen Lagern erhielt man eine Num­mer, die so
über­lebenswichtig wurde, dass Artur bis heute alle seine Num­mern aus den
ver­schiede­nen KZ auch nach 60 Jahren noch weiß.

Als ein neuer Häftlingstrans­port ins Lager kam, beobachtet Artur aus dem
zweit­en Stock eines Haus­es, an dem er mauerte, wie ein Sol­dat ein­er Frau das
Kind, das unge­fähr vier Monate alt war, aus den Armen riss, es an den
Beinchen fasste und dann das Baby vor den Augen der Mut­ter gegen die Wand
schleud­erte. Die Mut­ter sprang dem Sol­dat­en an den Hals und wurde deswe­gen
erschossen.

Neben der schw­eren Arbeit und den stun­den­lan­gen Ste­hap­pellen kamen sehr
viele Häftlinge auch bei den Märschen, die über mehrere Tage dauerten, um -
entwed­er durch Hunger und Erschöp­fung oder auch durch “Späße” der SS-
Mannschaften.

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