28. Juni 2006 · Quelle: Jungle World

Gehen oder sterben


Noël Mar­tin, seit einem Angriff von Recht­sex­trem­is­ten vor zehn Jahren ­quer­schnitts­gelähmt, hat seinen Selb­st­mord angekündigt. Bis dahin kämpft er gegen Ras­sis­mus.

Zum zehn­ten Jahrestag des Über­falls auf ihn erhielt Noël Mar­tin noch ein­mal die Aufmerk­samkeit, die er ver­di­ent. Der Name des Briten stand in den Zeitun­gen, sog­ar in der Springer-Presse und im regionalen Fernse­hen wurde an seine Geschichte erin­nert. Vielle­icht war es zum vor­let­zten Mal, dass die deutsche Öffentlichkeit von Mar­tin Notiz nahm, einem der weni­gen Opfer deutsch­er Neon­azis, die größere Beach­tung fan­den. Zum let­zten Mal kön­nte man im Juli 2007 von ihm hören. Dann feiert er seinen 48. Geburt­stag, und an diesem Tag möchte er, das hat er Mitte Juni angekündigt, sein Leben been­den.

Noël Mar­tins Biogra­phie ist geprägt von Erfahrun­gen mit Ras­sis­mus. Im Jahr 1959 in der dama­li­gen britis­chen Kolonie Jamai­ka geboren, machte er wegen sein­er dun­klen Haut schon bald üble Erfahrun­gen mit Ras­sis­ten. »Als ich vier Jahre alt war, wollte mich ein Weißer auf Jamai­ka mit einem Mess­er umbrin­gen«, erzählte er kür­zlich einem bran­den­bur­gis­chen Lokalblatt. Auch auf der britis­chen Insel, wohin er 1969 über­ge­siedelt war, habe er »immer wieder mit ras­sis­tis­chen Beschimp­fun­gen zu tun« gehabt, berichtete Mar­tin der Berlin­er Zeitung.

In den neun­ziger Jahren ging er nach Deutsch­land, um dort auf dem Bau zu arbeit­en. Es war am 16. Juni 1996, dem Tag, an dem das deutsche Team bei der Fußball-Europameis­ter­schaft in Großbri­tan­nien gegen Rus­s­land antrat. Mar­tin befand sich mit zwei Kol­le­gen auf der Fahrt nach Halle und legte einen Zwis­chen­stopp am S‑Bahnhof Mahlow ein. Dort wur­den die drei von recht­en Jugendlichen angepö­belt.

Als die Män­ner ins Auto stiegen und los­fuhren, fol­gten ihnen zwei der Jugendlichen. Durch den Auf­prall des sechs Kilo schw­eren Feld­steins, den die bei­den Neon­azis in das Seit­en­fen­ster gewor­fen hat­ten, ver­lor Mar­tin die Kon­trolle über den Wagen, der in voller Fahrt gegen einen Baum prallte. Seine Kol­le­gen kamen mit einem Schock und leicht­en Ver­let­zun­gen davon. Mar­tin schwebte mehrere Tage in Lebens­ge­fahr, ver­brachte Wochen auf der Inten­sivs­ta­tion und fünf Monate in ein­er Reha­bil­i­ta­tion­sklinik. Bis heute ist er vom Kopf abwärts quer­schnitts­gelähmt. »Wenn ich auch zehn Jahre nach dem Über­fall nicht gehen kann, dann gehe ich«, hat­te er nach dem Angriff zu sein­er Frau ­Jacque­line gesagt.

Noël Mar­tin, der seit dem Anschlag wieder in Birm­ing­ham lebt, ver­sucht nach wie vor, gegen Ras­sis­mus zu kämpfen. »Ver­anstal­tun­gen, die Jugendliche aus Bran­den­burg mit Jugendlichen aus anderen Län­dern zusam­men­brin­gen«, seien für ihn »das Wichtig­ste«, um ras­sis­tis­chen Anschau­un­gen vorzubeu­gen, sagte er kür­zlich der Märkischen All­ge­meinen. »Macht nicht nur ein inter­na­tionales Straßen­fußball-Turnier in Mahlow oder ander­swo in Bran­den­burg. Macht das drei‑, vier­mal im Jahr!« Zum fün­ften Jahrestag des Ver­brechens ini­ti­ierten Fre­undin­nen und Fre­unde Mar­tins einen Aktion­stag mit einem Gottes­di­enst und einem Rock­konz­ert in Mahlow, in diesem Jahr, zum zehn­ten, gab es einen Gedenkmarsch. Das hil­ft gegen das Vergessen.

Auch Orazio Giamblan­co ist nicht völ­lig vergessen. Seit 1997 berichtet der Tagesspiegel Jahr für Jahr über den Bauar­beit­er aus Sizilien, der im sel­ben Jahr wie Noël Mar­tin Opfer deutsch­er Neon­azis wurde. Zwei rechte Schläger über­fie­len Giamblan­co und zwei ital­ienis­che Kol­le­gen am 30. Sep­tem­ber 1996 in Treb­bin, ein­er der bei­den hieb dem 55jährigen einen Base­ballschläger auf den Kopf. Mit Mühe und Not kon­nten die Ärzte sein Leben ret­ten. Doch auch er spürt die Fol­gen bis heute. Spastis­che Läh­mungen, Kopf­schmerzen, Sprach­störun­gen und Depres­sio­nen gehören zu den Nach­wirkun­gen, die Giamblan­co – inzwis­chen Mitte 60 – wohl nicht mehr loswer­den wird.

Mar­tin, Giamblan­co – es kommt nicht häu­fig vor, dass man die Geschichte der Opfer ken­nt. Um die Namen der­jeni­gen, die das Zusam­men­tr­e­f­fen mit Neon­azis nicht über­lebten, bemüht sich die Wan­der­ausstel­lung »Opfer rechter Gewalt seit 1990 in Deutsch­land«, die gegen­wär­tig in Blanken­felde-Mahlow gezeigt wird. 131 Men­schen wer­den dort genan­nt: von Mah­mud Azhar, den ein Ras­sist am 7. Jan­u­ar 1990 in der FU Berlin mit einem Feuer­lösch­er erschlug, über den Schwulen Klaus-Peter Beer, den zwei Naziskins am 7. Sep­tem­ber 1995 in der Vils ertränk­ten, bis zu Oleg V., einem Aussiedler, den drei Rechte am 21. Jan­u­ar 2004 in Gera erstachen.

Weit zahlre­ich­er sind die unbekan­nten Opfer, welche die Angriffe über­lebten und oft bis heute mit den Fol­gen zu kämpfen haben. 1 034 poli­tisch motivierte Gewalt­tat­en von Recht­en verze­ich­net die Sta­tis­tik des Bun­desin­nen­min­is­teri­ums allein für das Jahr 2005. Die Rubrik bein­hal­tet neben Kör­per­ver­let­zung auch Land­friedens­bruch und Raub, doch muss bezweifelt wer­den, dass sie alle gemelde­ten recht­en Attack­en umfasst. Von dem namen­losen Schwarzen, der Ende April in Wis­mar kranken­haus­reif geprügelt wurde, hieß es schon bald, er sei lediglich zum Opfer ein­er gewöhn­lichen Raufer­ei gewor­den.

Gibt man den Opfern ihre Geschichte zurück, dann wird schemen­haft das Gewalt­poten­zial deut­lich, das in der deutschen Gesellschaft steckt. Für die Todes­opfer der Jahre 1990 bis 2004 hat das Rebec­ca Forner aufzuzeigen ver­sucht, die Autorin der Wan­der­ausstel­lung »Opfer rechter Gewalt«. »Ohne viele Erk­lärun­gen oder Kom­mentare zeige ich mit der Doku­men­ta­tion die Real­ität, an der sich der Kampf gegen Rechts messen muss«, hat sie vor zwei Jahren über ihr Konzept gesagt.

Noël Mar­tin beteiligt sich selb­st an diesem Kampf. Er sam­melt Geld für den »Jacque­line und Noël Mar­tin Fonds«, der den deutsch-britis­chen Jugen­daus­tausch fördern und damit Vorurteile abbauen helfen soll. Ent­täuscht ist Mar­tin über die geringe Res­o­nanz, die sein Pro­jekt find­et, aber auch über die Entwick­lung in Deutsch­land ins­ge­samt. »Ich habe den Ein­druck, dass sich nicht viel geän­dert hat«, sagte er kür­zlich resig­niert.

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