2. Oktober 2004 · Quelle: MAZ

Geldmangel gefährdet Geschichtsprojekt


Jugend­pro­jekt gegen Recht­sex­trem­is­mus in der KZ-Gedenkstätte Sach­sen­hausen erhält keine
Unter­stützung mehr

SACHSENHAUSEN Die Augen öff­nen sich. Eine Gruppe Jugendlich­er sitzt vor
einem 81 Jahre alten Her­rn und hört ihm zu. Der Erzäh­ler ist Adam König,
ein Mann, der die KZs Sach­sen­hausen, Auschwitz und Bergen-Belsen
über­lebte. Er erzählt vom Leben in diesen Lagern, vom All­t­ag, wie er
sich ret­ten kon­nte und wie er schließlich von den Alli­ierten 1945
befre­it wurde. Die Jugendlichen sind verblüfft, stellen dem Mann mit der
Brille etwas vor­sichtig Fra­gen. “Wie kon­nte das alles passieren?” 

Adam König spricht im Rah­men des Pro­jek­tes “Wahrnehmen,
Auseinan­der­set­zen, Akzep­tieren” mit Azu­bis in der KZ-Gedenkstätte
Sach­sen­hausen. Doch das 205 000 Euro teure Pro­jekt, das bis­lang zu zwei
Drit­teln vom Bun­de­spro­gramm Xenos und zu einem Drit­tel vom
Bil­dungsmin­is­teri­um gefördert wurde, wird nun nicht weit­er unterstützt.
“Wir bekom­men keine Gelder mehr”, sagt Pro­jek­tleit­er Uwe Danker. “Wie es
jet­zt weit­erge­ht, wis­sen wir nicht”. 

Damit geht ein Pro­jekt zu Ende, das bis­lang bun­desweit ein­ma­lig war.
Auszu­bildende mit unsicher­er beru­flich­er Per­spek­tive (so etwa aus
über­be­trieblichen Aus­bil­dun­gen) waren die Ziel­gruppe. “Das Programm
richtete sich nicht an rechte Jugendliche”, unter­stre­icht der 33-jährige
Poli­tologe. Ziel sei es gewe­sen, diejeni­gen zu stärken, die schon
demokratis­che Ein­stel­lun­gen hät­ten, damit sie später gegen rechte
Ressen­ti­ments vorge­hen können. 

So erledigten die Jugendlichen zum einen prak­tis­che Arbeit­en auf dem
Gedenkstät­ten­gelände. Sie legten Leitun­gen und verspachtel­ten Wände im
Haus des früheren KZ-Inspek­teurs Theodor Eicke. Das Gebäude soll später
als Inter­na­tionale Jugend­begeg­nungsstätte dienen. Zum anderen setzten
sich die Jugendlichen mit der Geschichte des Nation­al­sozial­is­mus sowie
mit heuti­gen For­men des Recht­sex­trem­is­mus auseinan­der. “Wir versuchten
zunächst über die Arbeitswelt der Azu­bis an sie ranzukom­men, um dann
über heutige Jugend­kul­turen zum Leben im NS-Staat eine Brücke schlagen
zu kön­nen”, sagt Danker. Die Sem­i­nare fan­den im Hause und auf dem
Gelände Eick­es statt. “Die Jugendlichen soll­ten sich fra­gen: Wo bin ich
hier, was mache ich hier?”, erk­lärt der Pro­jek­tleit­er. Theodor Eicke war
der “Erfind­er” des KZ-Sys­tems im NS-Staat. Seine Unterkun­ft wurde von
KZ-Häftlin­gen erbaut, ste­ht heute unter Denkmalschutz und gehört der
Stiftung Bran­den­bur­gis­che Gedenkstät­ten. Es ist ein mar­o­des Haus, das
Jugendliche in den let­zten Jahren auf Vor­der­mann brachten. 

Das Ende des Pro­jek­tes ist ein Präze­den­z­fall für Bran­den­burg. Denn neue
Son­der­pro­gramme gegen Recht­sex­trem­is­mus und Ras­sis­mus seien derzeit rar,
so Karsten Friedel, Refer­at­sleit­er für Jugend­förderung- und
Jugend­sozialar­beit. Ger­ade vor dem Hin­ter­grund des erneuten Einzuges der
DVU in den Pots­damer Land­tag sei es weit­er­hin notwendig, regionale
anti­ras­sis­tis­che Pro­jek­te zu unter­stützen, so Friedel. “Man muss
allerd­ings nicht unbe­d­ingt zu Son­der­pro­gram­men greifen.” Bess­er sei es,
das Geld in “all­ge­meine außer­schulis­che Jugend­bil­dungsar­beit” zu
investieren. 

Ingo Gras­torf, Diplom-Sozi­ologe und Ver­fass­er ein­er kür­zlich erschienen
Studie zum The­ma jugendlich­er Recht­sex­trem­is­mus in Oranienburg,
bemän­gelt das Aus des Pro­jek­ts : “Die zivilge­sellschaftlichen Pflanzen,
die seit dem Start der Förder­pro­gramme 2000 gewach­sen sind, wer­den jetzt
durch das Stre­ichen wieder abgeschnitten.” 

Das Bil­dungsmin­is­teri­um ver­weist darauf, dass man jet­zt ein ähnliches
Pro­jekt unter­stütze. Gestern eröffnete Min­is­ter Stef­fen Reiche (SPD)
öffentlichkeitswirk­sam eine neue Pro­jek­twerk­statt im denkmalgeschützten
Gebäude der ehe­ma­li­gen “Waf­fen­meis­terei” in der Sachsenhausener
KZ-Gedenkstätte. Für die Ein­rich­tung und die tech­nis­che Ausstat­tung der
Werk­statt stellte das Bran­den­burg­er Aktions­bünd­nis gegen Gewalt,
Recht­sex­trem­is­mus und Frem­den­feindlichkeit 27 000 Euro zur Verfügung.
Die Schüler kön­nen sich in der Pro­jek­twerk­statt nach dem Prinzip des
forschen­den Ler­nens mit einzel­nen Aspek­ten der Lagergeschichte
auseinandersetzen.

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