1. Dezember 2004 · Quelle: ND

General von Steuben und die Weltmacht USA

Wie ein Denkmal in der Pots­damer Schloßs­traße genutzt wird, um aktuelle Poli­tik zu machen

(ND, Andreas Fritsche) Denkmale erin­nern nicht nur an his­torische Per­so­n­en oder Ereignisse. Sie sind auch ein Spiegel­bild der Zeit, in der sie aufgestellt wer­den. Das ist all­ge­mein bekan­nt und wird noch ein­mal deut­lich, wenn man das ger­ade erschienene Buch »Fürsten, Helden, große Geis­ter« von Hel­mut Cas­par zur Hand nimmt.

Sog­ar in der Neuzeit kann mit Denkmalen noch Poli­tik gemacht wer­den. Ein gutes Beispiel dafür ist ger­ade jet­zt das Mon­u­ment für den zunächst preußis­chen und dann US-amerikanis­chen Gen­er­al Friedrich Wil­helm von Steuben (geboren 1730 in Magde­burg, gestor­ben 1794 in New York), über das man bei Cas­par vier Seit­en nach­le­sen kann. Ein Wun­sch des Gen­er­alin­spek­teurs der USA-Stre­itkräfte, Joseph E. Schmitz, wurde dieser Tage laut. Schmitz möchte zum 30. April 2005 an der Pots­damer Ver­sion des Mon­u­ments eine Plakette mit der ursprünglichen Wid­mung anbrin­gen.

Einst hieß es am Sock­el unter anderem: »…dem deutschen Volke gewid­met vom Kongress der Vere­inigten Staat­en von Ameri­ka als Wahrze­ichen unun­ter­broch­en­er Fre­und­schaft.« Der Hin­tergedanke der Ini­tia­tive ist ein­deutig. In einem Posi­tion­spa­pi­er aus Schmitz’ Büro im Pen­ta­gon heißt es, dies sym­bol­isiere die gegen­seit­ige Verpflich­tung zum gemein­samen Kampf gegen den inter­na­tionalen Ter­ror­is­mus.

Schmitz ist deutsch­er Abstam­mung und bek­lei­det als Gen­er­alin­spek­teur den sel­ben Posten wie einst Steuben. Trotz­dem beste­ht zwis­chen bei­den ein riesiger Unter­schied, denn zu Steubens Zeit­en schick­te Nor­dameri­ka noch keine Trup­pen in fremde Län­der. Damals focht­en die Auf­ständis­chen unter George Wash­ing­ton gegen die britis­che Kolo­nial­macht. Steuben sorgte für Diszi­plin in den Rei­hen der Unab­hängigkeit­skämpfer. Zum Dank gibt es alljährlich in New York, Chica­go und Philadel­phia Steuben-Paraden. Die berühmteste führt durch die New York­er 5th Avenue.

Darüber hin­aus find­et man hier und dort Denkmale. Ein von Albrecht Jaeger geschaf­fenes Orig­i­nal ste­ht im Wash­ing­ton­er Lafayette-Park. Eine von den USA geschenk­te Kopie wurde am 2. Sep­tem­ber 1911 im Bei­sein von Kaiser Wil­helm II. in der Pots­damer Schloßs­traße enthüllt. Der USA-Son­derge­sandte Barthold sprach damals von »tra­di­tioneller Fre­und­schaft« und »Blutsver­wandtschaft«. Der Kaiser revanchierte sich beim USA-Präsi­den­ten Theodore Roo­sevelt mit der Kopie eines Denkmals für Friedrich den Großen. Der­lei ver­hin­derte freilich nicht, dass am Ende des Ersten Weltkriegs Sol­dat­en bei­der Staat­en aufeinan­der schießen mussten. Im April 1945 ist das Pots­damer Steuben-Denkmal vom Sock­el gestürzt wor­den. Bunt­met­alldiebe sägten Kopf und Füße ab. Erst 1994 stellte man einen Nach­guss des Orig­i­nals in der Schloßs­traße auf. In den Buch­hand­lun­gen liegen Dutzende Bände über Denkmale in Bran­den­burg. Oft präsen­tieren die Autoren nur die alt­bekan­nten Fak­ten. Der Qual­ität­sun­ter­schied liegt meist lediglich in der Dar­bi­etung. Nicht so bei Cas­par. Der schreibt flüs­sig und schildert außer­dem Dinge, die nicht über­all nachzule­sen sind. Als Beispiel ange­führt sei hier das Denkmal für den Architek­ten Kon­rad Wachs­mann (1901–1980) vor dem nach ihm benan­nten Ober­stufen­zen­trum in Frank­furt (Oder). Wachs­mann ent­warf auch Albert Ein­steins Som­mer­haus in Caputh.

Zunächst nervt das Gejam­mer darüber, dass viele Denkmale nach dem Zweit­en Weltkrieg abgeräumt wor­den sind– beson­ders angesichts der Tat­sache, dass sich unter dem Ver­schwun­de­nen bekan­ntlich nicht nur kun­sthis­torisch Bedeut­sames, son­dern auch etlich­er mil­i­taris­tis­ch­er Schund befand. Auf den fol­gen­den Seit­en rel­a­tivieren sich die anfänglichen Irri­ta­tio­nen, nicht zulet­zt wegen der Pas­sagen zu Denkze­ichen für Opfer des Faschis­mus.

Cas­par arbeit­ete als Presseref­er­ent am DDR-Insti­tut für Denkmalpflege und ist heute freier Jour­nal­ist.
Hel­mut Cas­par: »Fürsten, Helden, große Geis­ter. Denkmalgeschicht­en aus der Mark Bran­den­burg«, be.bra-Verlag, 320 S., 81 Abb., 19,90 Euro.

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