18. September 2005 · Quelle: Welt am Sonntag

Geschichtsstunde in Gollwitz

Im Jahr 1997 sorgte das bran­den­bur­gis­che Dorf für Schlagzeilen, weil es den Zuzug rus­sis­ch­er Juden ver­hin­derte. Zukün­ftig sollen sich im Schloß Jugendliche aus aller Welt tre­f­fen. Das Umdenken fällt schw­er

Kurz Vor dem Ort­sein­gangss­child ver­spricht ein NPD-Plakat mehr Geld. Es ist das einzige Wahlplakat, das hier noch unbeschädigt hängt. Von den Lat­er­nen der Dorf­s­traße sind die Pap­pen der Parteien herun­terge­holt, einige Poli­tik­er-Gesichter zer­schnit­ten. Dahin­ter liegen akku­rat gepflegte Gärten und hell ver­putzte Fas­saden, nur ein paar schnat­ternde Gänse stören die Ruhe.

Ein Dorf wie jedes andere, wären da nicht die Mel­dun­gen von 1997, die Goll­witz über Nacht zum Inbe­griff des Anti­semitismus in Bran­den­burg gemacht hat­ten.

Jet­zt holt die Gemeinde ihre Geschichte wieder ein. Und zwar genau dort, wo sie einst ihren Aus­gangspunkt gefun­den hat­te.

Im Goll­witzer Her­ren­haus ist es dunkel, die Elek­troleitun­gen sind noch gekappt, feuchte Tape­ten­fet­zen fall­en von den Wän­den. Seit zehn Jahren ste­ht das Anwe­sen leer. Mit ver­schränk­ten Armen hören die Dorf­be­wohn­er die Aus­führun­gen des neuen Eigen­tümers ihres Schloss­es an. Aus­führun­gen über ein jüdisch-deutsches Begeg­nungszen­trum, das hier entste­hen soll, über die Schwierigkeit­en etwa, koschere Küche anzu­bi­eten.

Die Goll­witzer sind ungeduldig, sie wollen endlich durch die Räume streifen, in denen sie als Kinder an den Schul­bänken saßen, in denen einige von ihnen gewohnt oder gear­beit­et haben. Das Her­ren­haus hat die Dor­fge­meinde geprägt, mehr als es ihr lieb ist.

Die Ereignisse des Jahres 1997 wer­den in der Begrüßungsrede an diesem Son­ntag vor der Bun­destagswahl nicht erwäh­nt und doch sind sie der Grund, daß kün­ftig ger­ade hier jüdis­che auf nichtjüdis­che Jugendliche tre­f­fen sollen.

Im Sep­tem­ber 1997 hat­ten die Vertreter der 400-See­len-Gemeinde einen fol­gen­schw­eren Beschluß gefaßt. Die Goll­witzer lehn­ten es damals ab, 50 jüdis­che Aussiedler aus Ruß­land in dem leer­ste­hen­den Her­ren­haus unterzubrin­gen. Aus Angst vor Krim­i­nal­ität, sagen sie.

Aus dem Goll­witzer Beschluß ent­stand ein Flächen­brand. Kam­er­ateams, Fotografen und Jour­nal­is­ten aus dem In- und Aus­land zogen durch die unschein­bare Dorf­s­traße auf der Suche nach dem Frem­den­haß hin­ter den gepflegten Vorgärten. In Bussen wur­den Demon­stran­ten ange­fahren, die gegen die Goll­witzer Entschei­dung protestierten. Nie­mand wird hier gern an jenen Herb­st erin­nert.

Mißver­standen fühlen sich viele. Eine recht­sradikale Szene habe es hier nie gegeben, die Goll­witzer seien “ganz nor­male Leute”, betont Andreas Heldt. Zwölf Jahre war er ehre­namtlich­er Bürg­er­meis­ter des Dor­fes, seit August sitzt der 42jährige nun in der Stadtver­wal­tung von Bran­den­burg.

“Die Begeg­nungsstätte soll ein Zeichen der Ver­söh­nung sein”, sagt Heldt. Die Ini­tia­tive für den Imagewech­sel kam aber nicht aus der Dor­fge­meinde selb­st. Viele hier sagen auch heute noch, daß sie lieber eine Senioren­res­i­denz in ihrem Schloß gese­hen hät­ten. Doch der poli­tis­che Druck war groß. Der dama­lige bran­den­bur­gis­che Min­is­ter­präsi­dent Man­fred Stolpe (SPD) per­sön­lich kam nach Goll­witz, um für das Pro­jekt zu wer­ben. Im Jahr 2001 wurde die Stiftung “Begeg­nungsstätte Schloß Goll­witz” unter Beteili­gung der Gemeinde Goll­witz gegrün­det.

Daß “ihr Schloß”, das nach der Wende dem Land­kreis Pots­dam Mit­tel­mark zuge­sprochen wurde, endlich restau­ri­ert wird, wollen schließlich alle. Die Idee der Stiftung bleibt in den Köpfen vage.

Mar­co Schmecke­bier ist in der Haus­meis­ter­woh­nung des Her­ren­haus­es groß gewor­den. Er sucht nach seinen Jugend­postern an den Wän­den, statt dessen find­et er alte Wandzeitun­gen auf dem Dachbo­den. Mit der vorge­se­henen Nutzung als Begeg­nungsstätte kann er nicht viel anfan­gen. “Ein Ferien­heim für Kinder aus Deutsch­land wäre doch auch schön gewe­sen”, sagt Schmecke­bier. Erwin Nowakows­ki zeigt seinen drei Söh­nen, wo er früher zur Schule gegan­gen ist. “Haupt­sache, das Gebäude wird erhal­ten”, sagt er. Wer hier einzieht, sei ihm eigentlich egal. Daß die Goll­witzer 1997 da anders dacht­en, find­et er nachvol­lziehbar. “In so einem Nest haben die Leute doch immer Angst um Haus und Hof”, sagt der arbeit­slose Handw­erk­er, der inzwis­chen wegge­zo­gen ist.

Die 22jährige Mandy streift skep­tisch durch ihre ver­traut­en Kinder­garten-Räume. “Ich glaube kaum, daß die jüdis­chen Jugendlichen aus Ameri­ka oder Israel Lust haben, aus­gerech­net nach Goll­witz zu kom­men”, sagt sie. Obwohl die meis­ten Skin­heads, die es natür­lich hier auch gibt, “inzwis­chen die Gegend ver­lassen” hät­ten — so wie eigentlich fast alle jun­gen Leute.

Doch die recht­sex­treme DVU hat es in den Bran­den­burg­er Kom­mu­nal­wahlen 2004 mit 6,1 Prozent schon zum zweit­en Mal in den Land­tag geschafft. Zur Bun­destagswahl tritt nur die NPD an, den Wahlkampf jedoch hat die DVU bestrit­ten. Erk­lärtes Ziel der NPD ist es, auf diese Weise ihr Ergeb­nis bei der Bun­destagswahl 2002 zu ver­dreifachen. Damals kam sie nur auf 1,52 Prozent. Die Mit­gliederzahl der recht­sradikalen DVU ist in diesem Jahr nach eige­nen Angaben von 350 auf 400 gestiegen.

“Die Poli­tik­er sind alle Ver­brech­er”, sagt Franko, der sich an diesem Nach­mit­tag in der kleinen Gast­stube “Goll­witzer Per­le” ein Bier genehmigt. Verkauft und ver­rat­en hätte die Gemein­de­v­ertre­tung das Dorf. Goll­witz wurde im ver­gan­genen Jahr einge­mein­det, ist jet­zt nur noch Stadt­teil von Bran­den­burg an der Hav­el. Als Entschädi­gung gab es eine Kopf­prämie für jeden Ein­wohn­er, 25 000 Euro davon fließen auch in die Stiftung für das Schloß.

Sein Stammtis­chnach­bar pflichtet ihm bei. “Jet­zt geht doch alles wieder von vorne los”, sagt er. Er meint die jüdis­chen Jugendlichen, die ins Schloß kom­men sollen.

Peter-Andreas Brand vom Vor­stand der Stiftung bleibt uner­schüt­ter­lich: Wür­den bran­den­bur­gis­che Jugendliche hier in zwei Jahren erst ein­mal mit jüdis­chen Altersgenossen Fußball spie­len, schwinden auch die Vorurteile, davon ist er überzeugt. Allerd­ings, räumt er ein, werde es nicht immer leicht sein, die Eltern im Aus­land davon zu überzeu­gen, ihre Kinder hier­herzuschick­en.

Es gebe im Aus­land Reise­führer, die aus­drück­lich davor war­nen, nach Bran­den­burg zu fahren. Und schon jet­zt fährt auch regelmäßig eine Polizeistreife an dem Schloß vorüber. Sicher­heit­shal­ber.

Obwohl die Jugendlichen noch lange nicht da sind und das Begeg­nungszen­trum eine Baustelle ist.

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