20. April 2005 · Quelle: MAZ

Geschuftet im Heinkelwerk

(MAZ, 19.4.) LEEGEBRUCH Gedenk­feier zum 60. Jahrestag des Endes ein­er bru­tal­en Dik­tatur
gestern Mit­tag am Mah­n­mal in Leege­bruch. Der Bus mit pol­nis­chen und eini­gen
tschechis­chen ehe­ma­li­gen Häftlin­gen trifft mit Ver­spä­tung ein. Unter ihnen
auch der ehe­ma­lige Häftling des KZ Sach­sen­hausen, Georg Moty­low aus Gdan­sk.
Der jet­zt 80-Jährige war damals knapp 20 Jahre alt und Zwangsar­beit­er in den
Heinkel-Flugzeug­w­erken. Unter der Häftlingsnum­mer 48721, die er auch jet­zt
an seinem Revers trägt. Er erlebt zum ersten Mal eine Gedenk­feier für
KZ-Häftlinge, die im Außen­lager Heinkel­w­erke in Leege­bruch tätig waren.
Moty­low gehörte zum ersten Zwangsar­beit­er-Tross von 300 Män­nern, der vom KZ
Sach­sen­hausen ins Heinkel­w­erk über­führt wor­den war. Er kann sich noch genau
an alles erin­nern. An die Keller­räume mit den Spinds, die Waschräume und die
dreistöck­i­gen Bet­ten, in denen sie geschlafen hat­ten. Sein Deutsch ist
ver­ständlich, nur ab und zu muss der Dol­metsch­er nach­helfen. Bürg­er­meis­ter
Horst Eck­ert ist sofort mit dem außergewöhn­lichen Gast im Gespräch,
inter­essiert sich für seine Geschichte, die eng mit Leege­bruch ver­bun­den
ist. Wie wurde Moty­low befre­it, kam er mit dem Leben davon? Auch er sei
unter jenen Häftlin­gen gewe­sen, die noch kurz vor Kriegsende auf den
Todes­marsch gen Nor­den ziehen mussten. “Zwölf Tage sind wir gelaufen. Bis
Schw­erin”, erzählt er. Dort erst waren die Häftlinge befre­it wor­den.

Bürg­er­meis­ter Horst Eck­ert möchte noch nach­hak­en und sich länger mit dem
Gast unter­hal­ten. Auch Nor­bert Rohde von der Arbeits­gruppe Heimat­geschichte
im Kul­turvere­in ist am Gespräch des ehe­ma­li­gen Häftlings inter­essiert. Doch
der Bus­fahrer hupt bere­its ungeduldig, der Zeit­plan des Tages ist ohne­hin
mächtig ins Schleud­ern gekom­men. Adresse und Tele­fon­num­mer wer­den schnell
aus­ge­tauscht. Man will sich nicht ver­lieren.

In den Gedenkre­den sprach nicht nur Hans Rent­meis­ter, Gen­er­alsekretär des
inter­na­tionalen Sach­sen­hausen-Komi­tees, einen wun­den Punkt an: Er forderte
im Namen der ein­sti­gen Opfer, dass das Mah­n­mal nicht ein­er Beliebigkeit zum
Opfer falle. Es solle so wieder errichtet wer­den, wie es einst war — mit der
Bekrö­nung und der Beken­nung zur konkreten Geschichte. Dem wird vor­erst eine
jet­zt aufgestellte Infor­ma­tion­stafel gerecht.

MAZ
19.04.05 ohvl

Zu Tode geschuftet

Gedenk­feier für die unzäh­li­gen Opfer des Außen­lagers “Klink­er­w­erk”

TIM ACKERMANN

ORANIENBURG “Wenn wir im Lager über das Klink­er-Kom­man­do sprachen, pack­te
uns die Angst”, sagt Pierre Gouf­fault. “Denn der Tod schien dort auf uns zu
warten.” Gouf­fault hat das ehe­ma­lige Strafkom­man­do und Außen­lager
“Klink­er­w­erk” als Häftling erlebt — und über­lebt. Am gestri­gen Tag erin­nerte
der Präsi­dent des Inter­na­tionalen Sach­sen­hausen Komi­tees bei ein­er
Gedenkver­anstal­tung im ehe­ma­li­gen Klink­er­w­erk an die unzäh­li­gen Toten, die
das Außen­lager des KZ von 1938 bis 1945 forderte.

Das Klink­er­w­erk gehörte zu den schlimm­sten Orten des KZ Sach­sen­hausen: Die
dort einge­set­zten Häftlinge schufteten sich teil­weise im Wochen­rhyth­mus zu
Tode. Mit den Ziegeln aus dem Klink­er­w­erk sollte Albert Speers
größen­wahnsin­niges “Germania”-Projekt, der gigan­toman­is­che Aus­bau Berlins,
real­isiert wer­den. Ab 1943 wurde das Klink­er­w­erk teil­weise auf die
Rüs­tung­spro­duk­tion umgestellt.

Die grausige Geschichte des Werks lässt sich in der Doku­men­ta­tion “Steine
für ‚Ger­ma­nia′ — Granat­en für den ‚End­sieg′” nachempfind­en, die bei der
gestri­gen Gedenkver­anstal­tung wieder­eröffnet wurde. Die Ver­anstal­tung
markierte zudem das offizielle Ende der Feier­lichkeit­en zum 60. Jahrestag
der KZ-Befreiung in Oranien­burg.

Noch ein­mal waren zahlre­iche Holo­caust-Über­lebende anwe­send, um auf dem
Klink­er­w­erk-Gelände ihrer ermorde­ten Kam­er­aden zu gedenken. “Es fällt mir
nicht leicht, diesen Ort zu besuchen, an dem die Stim­men der Toten zu uns
sprechen”, sagte Ilan Mor, der Gesandte des Staates Israel. Anschließend
wur­den auf einem Sock­el aus Ziegel­steinen Kränze für die ermorde­ten
Häftlinge niedergelegt.

Auch Guy Chataigné aus Bor­deaux gedachte mit einem Blu­menkranz sein­er
Kam­er­aden. Chataigné — dem ein eigenes Kapi­tel in der Doku­men­ta­tion gewid­met
ist — erzählte von den schreck­lichen Begeben­heit­en im Klink­er­w­erk. Er wurde
1943 von den Deutschen wegen sein­er Wider­stand­stätigkeit nach Sach­sen­hausen
ver­schleppt. Ab 1944 arbeit­ete er im Klink­er­w­erk als Taschen­träger für die
Granatengießerei. Eine gefährliche Arbeit, denn das heiße Met­all kon­nte aus
den Taschen spritzen und sich dann in die Haut bren­nen. Aus seinem Leid
befre­it, wurde der heute 81-Jährige erst am Ende des Todes­marsches.

“Ich wün­sche Ihnen alles Gute für die Zukun­ft”, sagte Chataigné, als er sich
von seinen Zuhör­ern ver­ab­schiedete. Dass es eine Zukun­ft ohne Faschis­mus
sein möge, das war wohl allen Gästen der Gedenkver­anstal­tung ein
Herzenswun­sch.

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