13. Februar 2005 · Quelle: MAZ

Getrenntes Zusammenleben in einer Stadt

(CLAUDIA BIHLER; MAZ) PRITZWALK Das ver­lassene Haus an der Döm­nitz liegt in leichtem Nebel an diesem Tag. Was heute so unbelebt wirkt, war im frühen Mit­te­lal­ter das Finanzzen­trum der Stadt Pritzwalk — der Juden­hof. Ob die jüdis­che Bevölkerung mit der Ost­ex­pan­sion und Mis­sion­ierung der slaw­is­chen Gebi­ete bere­its über die Elbe in die Prig­nitz kam, kann heute nicht mehr mit Sicher­heit bes­timmt wer­den. Sich­er ist dage­gen, dass es jüdis­che Geldge­ber waren, die den frühen Städten in der Region die umfan­gre­ichen Investi­tio­nen ermöglicht­en, die zu ein­er wirtschaftlichen Blütezeit in der Prig­nitz geführt hat­ten.

Mar­tin Albrecht, Archäologe aus Berlin, hat­te bere­its mehrfach im Pritzwalk­er und auch im Per­leberg­er Stadt­ge­bi­et Grabun­gen durchge­führt. Anhand der Grabungsergeb­nisse präsen­tierte er kür­zlich im Sud­haus auf Ein­ladung des Stadt- und Brauereimu­se­ums umfan­gre­iche Forschungsergeb­nisse im Rah­men eines Vor­trags.

Fest­gelegt auf eine Funk­tion als Geld­wech­sler und Wucher­er waren die Juden im Heili­gen römis­chen Reich deutsch­er Nation seit dem drit­ten Lat­er­ankonzil 1179: Damals wurde den Juden nicht nur das Zusam­men­leben mit den Chris­ten ver­boten und einge­führt, dass sie ihre Klei­dung mit einem gel­ben Ele­ment zu kennze­ich­nen hät­ten.

Damals wurde auch fest­gelegt, dass Chris­ten keine Zins­geschäfte mehr täti­gen durften — diese Auf­gabe fiel den Juden zu. Demge­genüber war ihnen die Mit­glied­schaft in Gilden und Zün­ften nicht erlaubt. Der Sta­tus der jüdis­chen Bevölkerung in den Städten war der von so genan­nten “Schutzju­den”, was soviel bedeutete: Sie waren geduldet, aber sie kon­nten am nor­malen städtis­chen Leben nur begren­zt teil­nehmen.

Spezielle Bau­form der Juden­höfe

Das “getren­nte Zusam­men­leben” und die kap­i­tal­gebende Funk­tion der Juden man­i­festiert sich für den Archäolo­gen in ein­er ganz speziellen Bau­form der “Juden­höfe”, wie sie in Per­leberg und in Pritzwalk gefun­den wurde. Meis­tens lagen ihre Wohn­häuser recht nah an den Wirtschaftss­chw­er­punk­ten und Machtzen­tren ein­er Stadt: Auch in Pritzwalk ist der Mark­t­platz nur wenige hun­dert Meter vom ehe­ma­li­gen Juden­hof am Meyen­burg­er Tor ent­fer­nt, die Niko­laikirche liegt eben­falls nicht weit.

Gle­ichzeit­ig waren die Höfe meist so ange­ord­net, dass ein langer, kurviger Zuweg nicht nur die Innen­seite des Hofes vor Blick­en von außen abschirmte, son­dern auch den Blick nach außen ver­wehrte.

“Hier kon­nten zwei unter­schiedliche Gemein­schaften in ein­er Stadt leben, ohne, dass sie mehr als nötig miteinan­der in Kon­takt kamen”, sagt Albrecht. Gemein­sam ist den bei­den Hofan­la­gen in Pritzwalk und Per­leberg auch, dass sie einen direk­ten Zugang zum Wass­er hat­ten. Die jüdis­che Reli­gion ver­langte etwa zu ver­schiede­nen Anlässen rit­uelle Tauch­bäder. Aber auch Brun­nen find­en sich für die Trinkwasserver­sorgung auf bei­den Gelän­den.

Vom Schutzju­den bis zur Ausweisung

Das Bürg­er­recht kon­nten Juden in den Städten nicht erwer­ben, begren­zte Priv­i­legien wur­den ihnen vom Lan­desh­er­ren ver­liehen — gegen die Zahlung von Schutzgeld an die mark­gräfliche Kam­mer. Die Bevölkerung brauchte die Juden, so kön­nte man ihre Funk­tion eben­so charak­ter­isieren, aber man mochte seine Gläu­biger nicht. Das vierte Lat­er­ankonzil des Pap­stes schließlich bot dann den formellen Hin­ter­grund für Het­zkam­pag­nen gegen die jüdis­che Bevölkerung.

Im römis­chen Lat­er­an­palast trafen sich 1215 unter Papst Innozenz III. zwei Patri­archen der Ostkirche, Abge­ord­nete weltlich­er Fürsten und über 1200 Bis­chöfe und Äbte. Unter den 70 Dekreten, die das Konzil erließ, wurde auch das Glaubens­beken­nt­nis for­mulierte, das zum ersten Mal eine Def­i­n­i­tion der soge­nan­nten “Transsub­stan­ti­a­tion” enthielt. Danach wer­den die Ele­mente des christlichen Abendmahls, das Brot und der Wein, durch das Han­deln des Priesters in den realen Leib und Blut Christi ver­wan­delt, wobei sie allerd­ings äußer­lich Brot und Wein bleiben.

For­t­an hat­ten sich die Juden mit den Vor­wür­fen der Hostien­schän­dung, aber unter anderem auch des rit­uellen Kindsmordes auseinan­der zu set­zen. “Selt­sam” waren die Juden den Prig­nitzern schon zuvor erschienen. Während die Land­bevölkerung in weit­en Teilen recht unge­bildet war, kon­nten bei der jüdis­chen Bevölkerung selb­st junge Män­ner bere­its lesen und schreiben. Zudem unter­hiel­ten die Juden weitläu­fige Finanz- und Fam­i­lien­beziehun­gen auch in ferne Regio­nen.

Auch in der Prig­nitz kam es in der Folge von Hass und Mis­strauen zu Pogromen, nicht nur ein­mal sorgten die Land­stände dafür, dass alle Juden aus­gewiesen wur­den, um sich der unlieb­samen Gläu­biger zu entledi­gen. Als es im Jahre 1510 in Berlin zur Hin­rich­tung von 51 Juden wegen eines ange­blichen Hostien­frev­els kam, ist auch der Pritzwalk­er Jude Moses dabei.

Jüdis­ches Hab und Gut wurde beschlagnahmt, so wird etwa der ehe­ma­lige Pritzwalk­er Juden­hof zum Hirten­hof — zumin­d­est ste­ht er so in der ältesten Pritzwalk­er Stadtkarte von 1727 verze­ich­net.

Diese Stadtkarte kon­nten sich die Pritzwalk­er bei dem Vor­trag eben­falls anschauen. Sie ist die älteste erhal­tene kar­tographis­che Darstel­lung der Stadt und hat­te, obwohl im Rathaus unterge­bracht, auch den ver­heeren­den Stadt­brand über­lebt. Üblicher­weise ist diese Karte unter Ver­schluss, eine Umze­ich­nung kann im Muse­um betra­chtet wer­den.

Mit der Neuein­rich­tung des Muse­ums im Kul­turkom­plex der Brauerei kon­nte das Muse­um diese Karte restau­ri­eren lassen, die übri­gens auch die Ursache für die Diskus­sio­nen darüber ist, ob es in Pritzwalk ein­mal eine Burg gegeben hat, oder nicht. Dort, wo heute der Grüngür­tel am Kietz liegt, ist näm­lich auf der alten Karte eine so genan­nte “Rud­era ein­er alten Burg”, also die Ruine ein­er alten Burg eingeze­ich­net.

Blickt man in die Grün­dungsphase der Stadt zurück, waren es Pritzwalk­er Bürg­er, die um die Anerken­nung als Stadt bat­en — von ein­er adli­gen Grün­der­fam­i­lie von Pritzwalk ist nichts zu find­en. Und doch schließen ver­schiedene Prig­nitzer, die sich mit Heimat­geschichte befassen, nicht aus, dass Pritzwalk ursprünglich eine Grün­dung der Gans Edlen Her­rn zu Put­litz war.

Der Pritzwalk­er Muse­um­schef Rolf Rehberg meint zum The­ma “Burg”: “Man kann tre­f­flich darüber spekulieren, ob es hier eine Adels­burg gegeben hat oder nicht. Die Burg kön­nte auch ein befes­tigter Platz gewe­sen sein, auf dem die Pritzwalk­er bei ein­er Bedro­hung Schutz gesucht hat­ten.” Let­ztlich werde man das Rät­sel nur mit ein­er umfan­gre­ichen Grabung lösen kön­nen. Die sei ein­er­seits zu teuer. Und ander­er­seits “muss ja auch noch das eine oder andere span­nende Rät­sel erhal­ten bleiben”.

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