1. Dezember 2005 · Quelle: PNN

Gewalt im Advent

Seit ver­gan­gener Woche steigt die Zahl der Faxe, die der Opfer­schutzbeauf­tragte der Polizei an die Beratungsstelle für Frauen und Mäd­chen schickt. Auf den Zetteln ste­hen die Kon­tak­t­dat­en der Frauen, die Opfer von Gewalt wur­den.

Statt der son­sti­gen drei Faxe pro Monat habe sie in der ver­gan­genen Woche gle­ich sechs bekom­men, so Lydia San­drock von der Beratungsstelle gestern bei einem Pressege­spräch. Nach Mei­n­ung der Psy­cholo­gin und einzi­gen Mitar­bei­t­erin der Beratungsstelle liegt dieser alljährliche Anstieg der Gewalt­straftat­en an der begin­nen­den Wei­h­nacht­szeit: „Jet­zt muss es unbe­d­ingt schön sein“, erk­lärt San­drock, das erhöhe den Stress inner­halb der Fam­i­lien. Ein Prob­lem, das sich jedes Jahr wieder­hole.

Die Zahl der Gewalt­tat­en gegen Frauen bleibt seit Jahren nahezu gle­ich, sagte der Opfer­schutzbeauf­tragte der Polizei, Olaf Diehl, gestern bei einem Pressege­spräch. 2005 seien bis August der Polizei 149 Gewalt­straftat­en gegen Frauen bekan­nt gewor­den, darunter drei Sex­u­alde­lik­te.

In 96 dieser Fälle mussten die Polizis­ten den Frauen vor Ort helfen. Anders als früher erlaubt dabei das seit 2003 gültige Opfer­schutzge­setz den Beamten ein­deutig, sofort Platzver­weise zu erteilen oder den Gewalt­täter in polizeilichen Gewahrsam zu nehmen. Und davon machen die Beamten immer mehr Gebrauch: Während sie im ersten Jahr nur 27 Platzver­weise aussprachen, waren es 2004 schon 40. In diesem Jahr erteilte die Polizei bis August 32 Platzver­weise. Früher habe die Hand­lung­sun­fähigkeit viele Beamte frus­tri­ert, so Diehl. Geän­dert habe sich auch, dass seit Jan­u­ar dieses Jahres die Pots­damer Polizei mit der Beratungsstelle, der Opfer­hil­fe und dem Frauen­haus eng zusam­me­nar­beit­et:

Wer­den die Polizis­ten zu einem Ein­satz geholt, kön­nen sie den Frauen auch gle­ich Adressen und Tele­fon­num­mern mit­geben, an die sie sich wen­den kön­nen, so Diehl. Zudem gehe sein Per­son­al sen­si­bler mit Betrof­fe­nen um, seit bei den Schu­lun­gen, die die Polizis­ten mit dem Opfer­schutzge­setz ver­traut machen sollen, auch die Mitar­bei­t­erin der Beratungsstelle in der Nansen­straße 5 dabei ist. Dass die Zusam­me­nar­beit gut funk­tion­iert, find­et auch San­drock. Dadurch dass die Polizei ihr per Fax die Dat­en der Opfer zusende, kann sie Kon­takt zu den Frauen aufnehmen, falls diese nicht von selb­st den Weg zur Beratung find­en. San­drock gibt ihnen nicht nur psy­chol­o­gis­che Hil­fe, son­dern leit­et sie an die Opfer­hil­fe weit­er, die die Frauen rechtlich berät und während der Gericht­sprozesse begleit­et oder aber ins Frauen­haus, in das pro Jahr zwis­chen 60 und 70 Frauen ziehen.

Über 100 Gewal­topfer hat San­drock in diesem Jahr bis Okto­ber berat­en, über die Hälfte der Frauen waren Pots­damerin­nen. Etwa 20 Prozent aller wur­den schon in ihrer Kind­heit mis­shan­delt, 50 Prozent erst im Erwach­se­nenal­ter. Laut San­drock sind nahezu alle trau­ma­tisiert, lei­den oft an Panikat­tack­en, die sie auch im Beruf­sleben ein­schränken: „Wie soll jemand der Angst im Dunkeln hat, im Win­ter früh mor­gens zur Arbeit gehen?“, erk­lärte San­drock. Neun Prozent der Opfer sind von deutschen Ehemän­nern mis­shan­delte Migran­tinnen: „Das gren­zt teil­weise an Sklaven­hal­tung“, meint San­drock.

Dass ein aus­ländis­ch­er Mann seine deutsche Frau schlägt, habe sie erst ein­mal erlebt. Nach San­drocks Erfahrung hänge Gewalt nicht vom sozialen Umfeld ab: „Passieren kann das jed­er.“

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