30. Oktober 2007 · Quelle: JD/JL Brandenburg & NFJ Berlin

girlmonsta mit leichter Verspätung


Beim Ver­such, das richtige Leben im Falschen zu leben, ergeben sich nicht sel­ten Situ­ta­tio­nen in denen man nichts sehn­lich­er wün­scht als das 16-Ton­nen-Gewicht aus Mon­ty Pythons „Wun­der­bare Welt der Schw­erkraft“ oder aber eben ein riesiges behaartes Wesen mit „fem­i­nist“ – Bling-Bling um den Hals, dass die Kern­ers, Eva Her­manns, die oder den Informatiklehrer_in mit den „lusti­gen“ Sprüchen, deren „Pointe“ immer irgend­was mit Frauen und Tech­nik zu tun haben, ver­s­tum­men lässt. Im richti­gen, also mithin im falschen Leben, bleiben solche Wün­sche meist uner­füllt. Am ver­gan­genen Woch­enende gab es in Frankfurt/Oder den Ver­such, dem metapho­rischen girl­mons­ta für die Teil­nehmenden des „Anti­sex­is­tis­chen Spek­takels 2007“ Gestalt zu ver­lei­hen.

Angekündigt hat­ten die Ver­anstal­tenden, also JD/JL Bran­den­burg und NFJ Berlin, Work­shops, Per­fo­mances, Diskus­sio­nen und Filme, die sich mit Geschlechter­ver­hält­nis­sen, Gen­der und Sex­is­mus – mit Homo­pho­bie und Het­ero­nor­ma­tiv­ität, sowie ein­er ganzen Menge weit­er­er The­men befassen soll­ten. Ent­ge­gen dem richti­gen, mithin dem falschen Leben, kam das girl­mons­ta dies­mal immer­hin nur mit etwas Ver­spä­tung, statt eben wie so oft gar nicht.

Am Anfang der Ver­anstal­tung stand eine so genan­nte Gen­der – Disko, die aber noch nichts mit Tanzen zu tun hat­te, son­dern von Diskus­sion abgeleit­et war. Die zu diesem Zeit­punkt noch nicht ger­ade zahlre­ich angereis­ten Teil­nehmenden disku­tierten dort in wech­sel­nden Kle­in­grup­pen die Rel­e­vanz der Kat­e­gorie Geschlecht im All­t­ag und mögliche Strate­gien der Verän­derung oder Abschaf­fung von Geschlechter­bildern, Geschlechter­rrollen.

Danach sollte eine Filmvor­führung mit anschließen­der Diskus­sion stat­tfind­en, die wegen ein­er tech­nis­chen Panne sich lei­der verzögerte. Nach­dem noch fehlende Kabel besorgt waren, begann die Ver­anstal­tung mit ein­er Filmvor­führung des Vere­ins GLADT (Gays and Les­bians aus der Türkei). Gezeigt wurde „Lola und Bilidikid,“ ein Spielfilm, der dif­feren­ziert und zum Teil auch sehr komisch Kon­flik­te und Gewal­ter­fahrun­gen von jun­gen Schwulen mit türkischem Migra­tionsh­in­ter­grund the­ma­tisiert, dabei aber auch den Kon­text des Lebens unter den Bedin­gun­gen der ras­sis­tis­chen „weißen“ deutschen Gesellschaft zeigt. Auf­grund der schon sehr fort­geschrit­te­nen Zeit war die anschließende Diskus­sion eher kurz. Gürkan Buyu­ru­cu von GLADT berichtete von seinen Erfahrun­gen, diesen Film an deutschen Schulen zu zeigen und meinte, dass es zum Teil sehr inter­es­sant sei, da Deutsche ohne Migra­tionsh­in­ter­grund nach diesem Film offen­er über Homo­pho­bie reden wür­den, da es ja um „die Anderen“ gehe.
Er ver­suche dann ver­mit­telt über diesen Film den Blick auf andere homo­phobe Struk­turen zu lenken. Gesamt­ge­sellschaftlich passiere dies jedoch ger­ade nicht. Buyu­ru­cu meinte, dass zum Teil schwulles­bis­che Lob­by­or­gan­i­sa­tio­nen wie der LSVD dazu beitrü­gen, Homo­pho­bie sehr pauschal­isiert migrantis­chen Com­mu­ni­ties zuzuschreiben und damit zu exter­nal­isieren. Er zitierte u.a. die vom LSVD in Auf­trag gegebene Studie „Aus­prä­gungs­for­men von Homo­pho­bie im Kon­text von Migra­tion“ und die sich anschließende Presse­berichter­stat­tung, die aus sein­er Sicht eher zu ein­er stereo­typen Sicht auf türkische Deutsche beitrage und soziale Fak­toren vol­lkom­men aus dem Blick lasse. Zudem wür­den schwule, les­bis­che und queere Migrant_innen erneut und damit zweifach mar­gin­al­isiert.

Am Sam­stag gab es dann mehr Zeit für Diskus­sio­nen – wenn auch einige Dis­pute kon­tro­vers genug waren, als dass auch hier die Zeit kaum reichte. So dauerte der Work­shop zu „(anti)lookism“ mehr als drei Stun­den und es erschien eini­gen Teil­nehmenden, als wäre die Diskus­sion ger­ade erst an den span­nen­den Punk­ten angekom­men. Umstrit­ten war vor allem die Frage, in welchem Ver­hält­nis „look­ism“ als Begriff, der in deutschen Debat­ten erst rel­a­tiv neu ankommt, sich zu Herrschaftsver­hält­nis­sen, wie Ras­sis­mus, Sex­is­mus, Ableis­mus etc. ver­hält. Einige Teilnehmer_innen ver­trat­en die Posi­tion , dass die Gefahr beste­he, man­i­feste For­men von Diskri­m­inierung und Herrschaft wür­den durch den noch sehr wenig geschärften Begriff von look­ism rel­a­tiviert, der durch die Endung „-ism“ eine eigen­ständi­ge Herrschafts­form assozi­ieren lasse.

Andere Teilnehmer_innen hinge­gen ver­trat­en die Hoff­nung, dass schein­bar unpoli­tis­che Fra­gen von Ästhetik sich unter diesem Begriff auf Herrschaftswirkun­gen und Aus­gren­zung befra­gen ließen. Eine Teil­nehmerin meinte, dass es vielle­icht möglich wäre, ganz konkret die eigene ästhetis­che Normierung, die in ein­er teil­weise fast ein­heitlichen Klei­dung und Frisierung, die man auf linken Ver­anstal­tun­gen und Par­ties zum Teil beobacht­en könne, selb­stkri­tisch zu analysieren, da auch diese nicht frei von ras­sis­tis­chen und sex­is­tis­chen Wirkun­gen wäre.

Neben diesen sehr kon­tro­ver­sen Diskus­sion­srun­den, gab es auch eine Rei­he von Work­shops, die einen Blick auf Kämpfe und Auseinan­der­set­zun­gen außer­halb Deutsch­lands erweit­ern soll­ten. So berichteten die Organ­isatorIn­nen des queeren Q! Film-Fes­ti­vals von den Prob­le­men und Auseinan­der­set­zun­gen les­bis­ch­er Frauen in Indone­sien. Bewun­dern­swert war hier der Mut aber auch der Humor der Vor­tra­gen­den. Immer­hin sind durch angriffe radikaler religiös­er Organ­i­sa­tio­nen bei Ver­anstal­tun­gen in Jakar­ta Men­schen ver­let­zt und getötet wor­den.

Der Sam­stagabend begann mit ver­schiede­nen Per­for­mances von Drag-Queen Vio­la, die sich als geflüchtete Neu­rup­piner­in „out­ete“. Anschließend trat­en die dreck­kingz auf. Anschließend gab es Musik von den queeren Ganster-Rap­pern von C.B.A. und “L´amour aux toi­lette“ auf die Ohren. Nach Aus­sage eines Besuch­ers: Musik, wie es sie lei­der in Frank­furt seit Jahren nicht gegeben habe. Danach wurde getrunk­en und getanzt, na ja, bis halt alle betrunk­en und betanzt waren.

Am Son­ntag gab es dann wieder work­shops, die zum Teil auch eher all­t­agsprak­tis­che Dimen­sio­nen hat­ten. Die Gruppe GAP präsen­tierte Über­legun­gen zum Umgang mit sex­u­al­isiert­er Gewalt, in ein­er anderen AG ging es um die Frage von Männlichkeit und Mack­erver­hal­ten in Antifa-Zusam­men­hän­gen. Disku­tiert wurde hier, wie eine Neubes­tim­mung des Begriffes von Mil­i­tanz jen­seits von der Insze­nierung sym­bol­is­ch­er hege­mo­ni­al-männlich­er Gewalt stat­tfind­en könne. Grund­lage für Diskus­sion war ein kurz­er Text
aus dem Antifaschis­tis­chen Infoblatt, der impliz­it eine Rei­he von Prob­le­men hege­mo­ni­aler Männlichkeit und deren Kon­se­quen­zen für die “Kam­pagne NS-Ver­her­rlichung stop­pen“ ansprach.

Daneben fand noch ein work­shop für alle Men­schen statt, die sich als Frauen/Trans/Inter etc. definieren statt. Er hat­te eher den Charak­ter ein­er net­ten offe­nen Diskus­sion­srunde, in der sowohl auf per­sön­lich­er, erfahrungs­basiert­er als auch ansatzweise the­o­retis­ch­er Ebene das The­ma “Sex­u­al­ität und Monogamie” disku­tiert wur­den. Vor allem ging es hier um die Diskrepanzen zwis­chen The­o­rie und Prax­is, den Möglichkeit­en und Gren­zen der Bedürfnis­ar­tiku­la­tion, dem Anspruch nicht-monogam zu leben und den Steinen, die einem da (u.U. auch von sich selb­st) in den Weg gelegt wer­den. Und was sind über­haupt denn eigentlich die Unter­schiede zwis­chen Fre­und­schaft und Beziehung oder wollen wir da über­haupt Unter­schi
ede (re)konstruieren? Auch hier war mal wieder die Zeit zu kurz und viele hat­ten den Wun­sch, diesen work­shop in ähn­lich­er Form an einem anderen Ort zu ein­er anderen Zeit fortzuset­zen. Wir bleiben ges­pan­nt, was da noch kom­men mag!

Eben­falls am Son­ntag fand eine Zukun­ftswerk­statt zu weit­er­er anti­sex­is­tis­ch­er Poli­tik in der Region statt deren Ergeb­nisse sich hof­fentlich bald hier und ander­er Stelle bestaunen lassen.

Tja – das war das Spek­takel! Auch wenn das girl­mons­ta ab und an zu spät kaum, die meis­ten Besucher_innen haben sich ver­mut­lich gefreut, dass es da war.

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