4. März 2006 · Quelle: Jungle World

Gnadenlose Projektionen

(anton land­graf) Sie zwan­gen das Opfer auf die Knie, anschließend musste es seinen Kopf auf eine Beton­kante leg­en. Dann trat­en seine Mörder ihm mit voller Wucht mit dem Stiefel ins Genick. Zuvor war der 16jährige Mar­i­nus Schöberl in einem Schweinestall gefoltert wor­den: Er wurde geschla­gen, mit Zigaret­ten ver­bran­nt. Stun­den­lang. Nach dem tödlichen Tritt ver­schar­rten sie die Leiche in ein­er Jauchegrube. 

Die bes­tialis­che Tat, die sich vor dreiein­halb Jahren in einem kleinen Ort in Bran­den­burg ereignete, erin­nert an die bru­tale Mis­shand­lung und Ermor­dung des 23jährigen Ilan Hal­i­mi in einem Paris­er Vorort. Und auch die Motive ähneln sich. Als nach Monat­en und eher aus Zufall die Mörder ent­deckt wur­den, gaben sie lap­i­dar zu Pro­tokoll, Mar­i­nus umge­bracht zu haben, weil er ange­blich »wie ein Jude« aus­sah. Mehr hat­ten sie nicht zu sagen. 

Die unglaubliche Bru­tal­ität von solchen Tat­en lassen Poli­tik­er und Päd­a­gogen, Feuil­leton­is­ten und linke Akademik­er über die Ursachen rät­seln. Von hoher Arbeit­slosigkeit ist dann oft die Rede, von der Per­spek­tivlosigkeit in ein­er Gegend, die voll ist von Men­schen, die kein­er braucht, die kein­er will und für die sich nie­mand inter­essiert, es sei denn, sie bege­hen ger­ade mal einen Mord. Aber kaum jemand stellt die Frage, wieso ein Handyverkäufer aus den Ban­lieues und nicht ein Repräsen­tant des Paris­er Estab­lish­ments aus dem XVI. Arrondisse­ment der Gang zum Opfer fiel. 

Die Aus­geschlosse­nen, die keine Chance haben, aber dafür jede Menge Hass, ver­fü­gen über die Motive, die zwar kein­er ver­ste­hen mag, die aber für sie dur­chaus Sinn ergeben. Die Ver­dammten der Vorstädte und der veröde­ten Prov­inz sehnen sich nach Macht und Sta­tus in ein­er Welt, die jeden Tag aufs Neue zeigt, dass diese Wün­sche für sie unerr­e­ich­bar sind. In dem Maße, wie die ökonomis­che und die gesellschaftliche Entwick­lung immer weit­er auseinan­der­driften, steigt das Ver­lan­gen, Rache für das trost­lose Dasein zu nehmen. Und wenn dabei noch etwas abfällt, umso besser. 

Doch Armut und Aus­gren­zung erzeu­gen ­keine emanzi­pa­torischen Sub­jek­te, son­dern dumpfe Affek­te. Je ein­fach­er und schneller der Wun­sch nach Rache, nach Über­legen­heit und Macht befriedigt wer­den kann, desto bess­er. Die Ursachen ihrer Mis­ere sind für sie abstrakt und anonym, ihre Pro­jek­tio­nen konkret und gnaden­los. Juden repräsen­tieren in diesem Wahn­sys­tem eine unerr­e­ich­bare Macht, die im umgekehrten Ver­hält­nis zur über­flüs­si­gen Exis­tenz der Täter zu ste­hen scheint. Die Täter hat­ten doch allen Ern­stes darauf spekuliert, mit der Ent­führung und Erpres­sung Geld von der »jüdis­chen Com­mu­ni­ty« zu erhal­ten. Und die der gle­ichen Gesellschaftss­chicht entstam­menden Opfer bieten einen unschätzbaren Vorteil: Im Gegen­satz zu dem undurch­schaubaren Sys­tem der Herrschaft und den Zen­tren der Macht sind sie real, greif­bar – und als konkrete Per­so­n­en meist schutzlos. 

Die Pro­jek­tion ermöglicht dem gedemütigten Selb­st­be­wusst­sein Genug­tu­ung und entlädt sich in ein­er kon­formistis­chen Rebel­lion. Sie rächen sich an einem Opfer, das sie zum Sym­bol für die ver­has­sten Ver­hält­nisse erko­ren haben, ohne sich mit den tat­säch­lichen Mächti­gen anzulegen. 

Folter und Mord, wie in den Fällen von Ilan und Mar­i­nus, dienen keinem anderen Zweck als dem, hem­mungs­los Hass auszuleben. Die »Gang der Bar­baren«, die den Mord an Ilan Hal­i­mi verübte, zeigt mit ihrem Namen, welche Per­spek­tiv­en blühen. 

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