21. Februar 2002 · Quelle: lausitzer rundschau

Grusel-Image nicht verdient

Analyse der Auss­chre­itun­gen im Sep­tem­ber 1991

Es war nicht nur der dumpfe Aus­län­der­hass von Skin­heads und die Sym­pa­thie einiger Anwohn­er, die zu den tragis­chen Ereignis­sen im Sep­tem­ber 1991 führten. Vielmehr gal­ten die Angriffe auch der Polizei und einem über­mächti­gen Sys­tem, durch das man sich über­rollt fühlte. Mit dieser gewagten These fasste gestern der Kul­tur­sozi­ologe Detlef Pol­lack seine Studie über die Geschehnisse zusam­men. Und ern­tete viel Zus­tim­mung.
Hoy­er­swer­da.

Von Ralf Krüger

Es ist eine trau­rige Berühmtheit, die Hoy­er­swer­da im Sep­tem­ber 1991 erlangte, als Skin­heads Aus­län­der drangsalierten und dabei von Anwohn­ern beklatscht wur­den. So war bei dem Vor­trag von Pro­fes­sor Detlef Pol­lack von der Viad­ri­na-Uni­ver­sität in Frank­furt vor der Seniore­nakademie die Beschä­mung zu spüren, dass Hoy­er­swer­da mancherorts noch immer das Sym­bol für Aus­län­der­feindlichkeit ist. Dass diese Scham allmäh­lich ein­er Empörung über die gefährliche Pauschal­isierung gewichen ist, liegt auch daran, dass man sich zunehmend sach­lich dem The­ma wid­met. Pol­lack erk­lärte, warum die Auseinan­der­set­zun­gen eskalierten. Es habe ­ über­all im Osten ­ Exis­ten­zangst geherrscht. Aus­län­der seien als Konkur­renz emp­fun­den wor­den, Sozial­neid war die Folge. Anges­tachelt durch einige Skin­heads hät­ten Anwohn­er ihrer Wut über nächtliche Par­tys und “unge­wohnte Gepflo­gen­heit­en geäußert. Dass diese dif­fusen Anfein­dun­gen let­ztlich in Belagerun­gen der Wohn­heime gipfel­ten, hätte außer­dem schwere Ver­säum­nisse zur Ursache. Die Polizei habe nicht rechtzeit­ig hart durchge­grif­f­en, von Seit­en der Poli­tik­er seien Schlich­tungsver­suche nur zaghaft gewe­sen und deshalb unge­hört ver­hallt. Zunehmend hät­ten sich die Feind­seligkeit­en von den Aus­län­dern auf die Polizei ver­lagert. Darin komme auch die Ohn­macht zum Aus­druck, die man gegenüber dem neuen über­mächti­gen Sys­tem ver­spürte, so Pol­lack. Ins­ge­samt habe eine Ver­ket­tung von sozialen Prob­le­men und falschen Reak­tio­nen zur Eskala­tion geführt. In der Diskus­sion erk­lärte Ober­bürg­er­meis­ter Horst-Dieter Bräh­mig, dass sich das Bild Hoy­er­swer­das inzwis­chen gewan­delt habe und auch die Aus­län­der­feindlichkeit hier nicht höher sei als in anderen Städten, auch nicht im West­en. Mit zahlre­ichen Ini­tia­tiv­en und inter­na­tionalen Part­ner­schaften werde ver­sucht, dem Aus­län­der­hass jeglichen Boden zu entziehen. Mehrere Gäste beschw­erten sich über eine unfaire Darstel­lung in den Medi­en, ließen jedoch auch spüren, dass es selb­st aus der Bevölkerung kaum Ver­suche gab, die sich zus­pitzende Entwick­lung aufzuhal­ten. Es seien zahlre­iche Nicht-Hoy­er­swer­daer gewe­sen, die in diesen Tagen der Stadt zu ihrem Grusel-Image ver­halfen. Pol­lack ließ die Ein­wände gel­ten, warnte jedoch gegenüber der RUNDSCHAU davor, die Ver­ant­wor­tung wegzuschieben. “Es wäre falsch und poli­tisch unklug, sich dahin­ter zu ver­ber­gen, dass nicht nur Hoy­er­swer­daer an den Auss­chre­itun­gen beteiligt waren. Sie haben hier begonnen. Und von hier aus muss auch der Kampf gegen ähn­liche Entwick­lun­gen stat­tfind­en. Dass auch er begonnen hat, macht Mut.”

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