23. Dezember 2005 · Quelle: ND

Gunther von Hagens kommt nach Guben

(ND, Andreas Fritsche) Zweimal besuchte Gun­ther von Hagens in den ver­gan­genen Wochen Guben. Erst schaute er sich die Stadt an und über­legte, ob sich hier eine Werk­statt für die Plas­ti­na­tion von Leichen­teilen ein­richt­en ließe, dann sprach er mit Bürg­er­meis­ter Klaus-Dieter Hüb­n­er (FDP) über dieses Pro­jekt.
Der Plan, über den auf bei­den Seit­en noch keine Entschei­dung fiel, sorgte für Aufruhr. Deshalb einigte sich die Stadtverord­neten­ver­samm­lung bei ein­er Son­der­sitzung darauf, dass es möglichst schon im Jan­u­ar eine Ein­wohn­erver­samm­lung geben sollte, in der von Hagens sein Vorhaben vorstellt und Fra­gen beant­wortet. Der Medi­zin­er ist ein­ver­standen. Schon in einem Offe­nen Brief an das Stadt­par­la­ment schrieb er: »Gern bin ich bere­it, der inter­essierten Guben­er Bevölkerung mein Vorhaben in einem aus­führlich bebilderten Vor­trag zu erläutern.« Die Ein­ladung an Gun­ther von Hagens ist her­aus, heißt es nun aus der Stadtver­wal­tung. Ein Ter­min ste­he allerd­ings noch nicht fest. Gun­ther von Hagens wolle kom­men, bestätigt man in seinem Hei­del­berg­er Insti­tut für Plas­ti­na­tion (IfP).
Ursprünglich plante Hagens eine Werk­statt für die Plas­ti­na­tion im benach­barten Polen, wo ihm schon ein Lager für die bei­den »Körperwelten«-Ausstellungen gehört, die derzeit in Philadel­phia (USA) und Toron­to (Kana­da) zu sehen sind. Anschließend ziehen die Ausstel­lun­gen nach Den­ver bzw. St. Paul (bei­de USA) weit­er, wo sie jew­eils bis weit in das Jahr 2006 hinein bleiben.

Wer sich hierzu­lande über Gun­ther von Hagens und sein Werk informieren möchte, ist im Moment auf Lit­er­atur angewiesen – zum Beispiel auf den groß­for­mati­gen Ausstel­lungskat­a­log, der auf knapp 300 Seit­en vollgestopft ist mit pop­ulär­wis­senschaftlich darge­bote­nen Infor­ma­tio­nen über die men­schliche Anatomie. Wenn von Hagens ver­sichert, ihm liege auch an der Aufk­lärung von Laien, so muss ihm min­destens bescheinigt wer­den, dass dies anhand des Kat­a­logs möglich ist. Kri­tik­er unter­stellen dem Plas­ti­na­tor immer wieder, es gehe ihm nur um Sen­sa­tion und Prof­it.

Für Stre­it sorgt zudem die Frage, woher die Leichen stam­men. Gun­ther von Hagens ver­weist auf Kör­per­spender, die ihm ihre sterblichen Über­reste hin­ter­lassen. »Das Insti­tut für Plas­ti­na­tion nimmt auch Kör­per­spenden ent­ge­gen, die dem Insti­tut durch Ange­hörige anver­traut wer­den. Auch kann es her­ren­lose Leichen von Behör­den wie dem Sozialamt erhal­ten«, erläuterte von Hagens in der 9. Auflage des Ausstel­lungskat­a­logs. Dage­gen beschreiben die Jour­nal­is­ten Torsten Peuk­er und Chris­t­ian Schulz einen Fall, der sich ange­blich im rus­sis­chen Nowosi­birsk zutrug. Dort soll eine Leiche ohne Ver­mächt­nis des Mannes und ohne Wis­sen der Tochter plas­tiniert wor­den sein. Der als Enthül­lungs­buch geschriebene und 2004 im Berlin­er Ch. Links Ver­lag erschienene Band »Der über Leichen geht – Gun­ther von Hagens und seine ›Kör­per­wel­ten‹« ist aufwändig recher­chiert, weist allerd­ings einen entschei­den­den Man­gel auf. Die Kro­nzeu­gen gegen den Plas­ti­na­tor sind alle­samt ehe­ma­lige Mitar­beit­er, die sich im Stre­it von ihm tren­nten.

Der IfP-Ver­sion zu wider­sprechen, kann unter Umstän­den teuer wer­den. Das Nachricht­en­magazin »Der Spiegel« sei von einem Gericht dazu verurteilt, 25 000 Euro zu zahlen, falls es die Behaup­tung wieder­hole, »es seien chi­ne­sis­che Hin­rich­tung­sopfer plas­tiniert wor­den«, informierte von Hagens die Guben­er Stadtverord­neten.
Bedenken der Kirche, geäußert unter anderen von dem evan­ge­lis­chen Bischof Wolf­gang Huber, über­raschen den Plas­ti­na­tor inzwis­chen nicht mehr. Die ablehnende Hal­tung der Kirchen gegenüber der Forschung führte bekan­ntlich im Mit­te­lal­ter dazu, dass Ärzte Leichen von Fried­höfen stehlen mussten, um den men­schlichen Kör­p­er zu erforschen. Gun­ther von Hagens ver­wies jedoch schon früher auf ein »bemerkenswertes Beispiel für die Anatomiefre­undlichkeit der Kirche« – die Sek­tion der Leiche von Papst Alexan­der V. im Jahre 1410.

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