6. April 2005 · Quelle: MAZ

Häftlingsnummer 58866

NEURUPPIN Es ist still in der Aula des Schinkel­gym­na­si­ums. Kein lautes
Tuscheln. 56 Jugendliche aus der 13. Klasse sitzen ganz leise da und hören
zu. Hören geban­nt zu, was ihnen Kurt Julius Gold­stein, der Ehren­vor­sitzende
des Inter­na­tionalen Auschwitz-Komi­tees, zu erzählen hat — über den Holo­caust
und wie er ihn über­lebte. “Wir sind die Let­zten — fragt uns”, lautete der
Titel der Ver­anstal­tung, die von der PDS organ­isiert wurde.

“Ich bin Deutsch­er, Jude und Kom­mu­nist”, stellt sich der 90-Jährige den
Schülern vor. Früh habe er sich poli­tisch engagiert. Er, der jüng­ste Sohn
ein­er jüdis­chen Kauf­manns­fam­i­lie aus Hamm in West­falen, wollte nicht
ein­se­hen, warum es ein­er Fam­i­lie schlechter als der anderen erge­hen sollte.
Wegen “kom­mu­nis­tis­ch­er Umtriebe” sei er später von der Schule ver­wiesen
wor­den. Seine ersten Erfahrun­gen mit Anti­semitismus hat­te Gold­stein da schon
gemacht.

Er war neun, als sein Sport- und Kun­stlehrer mit Fäusten auf ihn los­ging.
“Gold­stein, du Lump, du Schuft”, habe der gerufen und ihn vor die Tür
geset­zt. Nur, weil er Jude war.

30. Jan­u­ar 1933 — Hitlers Machter­grei­fung. Ein paar Tage später ging
Gold­stein in eine Bar. “Wer­den hier auch Säue getränkt”, habe ein Gast
gegrölt. Er habe dem Anti­semiten mit einem kristal­lenen Aschen­bech­er direkt
“aufs Maul” getrof­fen. Auf diese weise kon­nte er sich später nicht mehr
wehren. Als Jude und Kom­mu­nist war er den Nazis dop­pelt ver­has­st.

Zwei Monate ent­ging Gold­stein nur knapp ein­er Ver­haf­tung und floh nach
Lux­em­burg. 1936 zog es ihn nach Spanien, um dort gegen Fran­co zu kämpfen.
Doch die inter­na­tionalen Brigaden ver­loren den Bürg­erkrieg. Gold­stein wurde
in Frankre­ich interniert und im Zuge der deutschen Beset­zung an die Nazis
aus­geliefert, dann nach Auschwitz deportiert. “Der Güter­wag­gon war für acht
Pferde oder zwölf Per­so­n­en, da wur­den 100 Mann reinge­presst”, erin­nert sich
der 90-Jährige. Zweiein­halb Tage dauerte die Fahrt.

Gold­stein krem­pelt seinen linken Ärmel hoch, zeigt die Tätowierung: “58866 -
meine Häftlingsnum­mer”. Er wurde im Neben­lager Jaw­ischowitz, ein­er
Kohlen­grube, einge­set­zt. “Dass ich hier sitze, habe ich der Sol­i­dar­ität
pol­nis­ch­er Bergar­beit­er zu ver­danken”, sagt Gold­stein. Sie teil­ten mit ihm
ihr Brot.

30 Monate ver­brachte Gold­stein in dem Lager. “Mit 30 000 Mann sind wir
reingekom­men”, sagt er. 1945 beim Todes­marsch nach Buchen­wald seien sie nur
noch 3000 gewe­sen. Alle anderen waren tot. Erschossen, ver­hungert, an
Krankheit gestor­ben. Den Todes­marsch über­lebten nur 500 Häftlinge. “Wir
waren mehr tot als lebendig.”

Die Gym­nasi­as­ten nutzten ihre Chance. Sie stell­ten ihre Fra­gen: Wie er die
Zeit psy­chisch verkraftet habe. Was aus sein­er Fam­i­lie gewor­den sei. Was er
zum heuti­gen Recht­sex­trem­is­mus sagen könne. “Jed­er muss über­legen, was er
tun kann, um zu ver­hin­dern, dass so etwas wieder in unsere deutsche
Geschichte geschrieben wer­den kann”, sagt Gold­stein.

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