2. November 2004 · Quelle: PNN / MAZ

Haftbefehle nach Krawallen in Potsdam

Kri­tik an gewalt­bere­it­en linken Autonomen / 2500 friedliche Demon­stran­ten
gegen Neon­azi-Demo

(PNN, 2.11.) Pots­dam — Bei Auss­chre­itun­gen am Rande ein­er großen Demon­stra­tion gegen
einen Auf­marsch von Recht­sex­tremen am Sam­stag in Pots­dam hat die Polizei 17
Ran­dalier­er festgenom­men. Davon waren nach Polizeiangaben am Son­ntag bis zum
Nach­mit­tag neun wieder auf freiem Fuß. Gegen acht Ran­dalier­er ergin­gen
Haft­be­fehle, die aber gegen Meldeau­fla­gen nicht voll­streckt wurden.Bei den
Krawallen wur­den 14 Polizis­ten ver­let­zt. Die Polizei war mit einem
Großaufge­bot von 1200 Beamten aus mehreren Bun­deslän­dern im Ein­satz.

Etwa 1000 gewalt­bere­ite Protestier­er hat­ten auf der Lan­gen Brücke die
Marschroute der 350 Neon­azis block­iert und die Polizei ange­grif­f­en. Diese
set­zte Wasser­w­er­fer ein. Daraufhin errichteten Gewalt­bere­ite aus der
links­gerichteten und autonomen Szene eine Bar­rikade und steck­ten
Müll­con­tain­er in Brand. Die Autonomen, die teils ver­mummt waren, bewar­fen
Polizis­ten und Ein­satzwa­gen mit Steinen und Flaschen und ran­dalierten später
auch in der Innen­stadt, wo sie Scheiben in zwei Kred­itin­sti­tuten und in
einem Geschäft ein­schlu­gen.

An der Gegen­demon­stra­tion eines Aktions­bünd­niss­es beteiligten sich nach
Angaben der Stadt rund 2500 Men­schen. Darunter waren Min­is­ter­präsi­dent
Matthias Platzeck (SPD), Min­is­ter der Lan­desregierung, Pots­dams
Ober­bürg­er­meis­ter Jann Jakobs und andere Vertreter der Stadt sowie von
Gew­erkschaften, Ini­tia­tiv­en, Parteien, Kirchen und Vere­inen.

Jakobs sagte gestern den PNN, das bre­ite Bünd­nis friedlich­er
Gegen­demon­stran­ten habe “nach­drück­lich unter Beweis gestellt, dass für
Recht­sex­trem­is­ten in unser­er Stadt kein Platz ist”. Zugle­ich übte der
Ober­bürg­er­meis­ter scharfe Kri­tik an den gewalt­bere­it­en Autonomen. Deren
Vorge­hen “kann in kein­er Weise toleriert wer­den”, sagte Jakobs. Erst die
Autonomen hät­ten dafür gesorgt, “dass es die Recht­sex­trem­is­ten bis in die
Nachricht­en der ARD-Tagess­chau schafften”. Jakobs verurteilte die
Auss­chre­itun­gen: “Das hat unserem Anliegen einen schlecht­en Dienst
erwiesen.” Der innen­poli­tis­che Sprech­er der CDU-Land­tags­frak­tion, Sven
Petke, erk­lärte: “Nur der Beson­nen­heit unser­er Polizei ist es zu ver­danken,
dass die Sit­u­a­tion nicht weit­er außer Kon­trolle geri­et.” Die
Gewalt­bere­itschaft der “link­sex­trem­istis­chen Straßen­schläger” habe ihn tief
erschüt­tert.

Das Mot­to des Aktions­bünd­niss­es lautete “Pots­dam beken­nt Farbe! Gemein­sam
für Tol­er­anz, Gewalt­frei­heit und ein friedlich­es Miteinan­der”. Der Marsch
endete verkürzt mit ein­er Kundge­bung vor dem Stadthaus. Außer­dem gab es
weit­ere Kundge­bun­gen und Aktio­nen gegen die Neon­azis. Der von dem Ham­burg­er
Recht­sex­trem­is­ten Chris­t­ian Worch angemeldete Aufzug musste wegen der
Block­ade auf der Lan­gen Brücke auf eine Alter­na­tivstrecke durch
Pots­dam-Babels­berg auswe­ichen. Der Auf­marsch der Neon­azis ver­lief unter
stren­gen Aufla­gen und ohne Auss­chre­itun­gen.

Von Gewal­taus­maß über­rascht

Sicher­heits­be­hör­den werten Ran­dale aus

(MAZ, 2.11.) POTSDAM Das Aus­maß der Gewalt bei den Demon­stra­tio­nen am Woch­enende in
Pots­dam war für die bran­den­bur­gis­chen Sicher­heits­be­hör­den im Vor­feld
offen­bar nicht abschätzbar gewe­sen. Nach Erken­nt­nis­sen sämtlich­er
Aufk­lärungs­di­en­ste von Polizei, Lan­deskrim­i­nalamt und Ver­fas­sungss­chutz
seien nicht mehr als 300 recht­sex­treme Demon­stran­ten zu erwarten gewe­sen,
betonte Polizei-Ein­sat­zleit­er Arne Feur­ing gestern. Das Ein­tr­e­f­fen von etwa
600 Neon­azis in Pots­dam habe die Experten verblüfft.

Völ­lig unzutr­e­f­fend war offenkundig auch die Prog­nose zum link­sex­tremen
Krawallpoten­zial. Dass ein har­ter Kern von 750 gewalt­bere­it­en Ran­dalier­ern -
zu einem Großteil aus Berlin — Pots­dam unsich­er machte, gilt als größte
Über­raschung. Bran­den­burg­er wie Berlin­er Sicher­heits­be­hör­den waren noch in
der ver­gan­genen Woche davon aus­ge­gan­gen, dass der linken Haupt­stadt­szene
Pots­dam als Ver­samm­lung­sort zu prov­inziell erscheine.

Doch nach den Ran­dalen am Woch­enende muss die Sicher­heit­slage im gemein­samen
krim­i­nal­geo­graphis­chen Raum Berlin-Bran­den­burg voraus­sichtlich neu definiert
wer­den. “Es ist nicht mehr auszuschließen, dass es auch kün­ftig ein großes
Stör­erpoten­zial geben wird”, sagte Feur­ing und deutete damit vor­sichtig eine
gesteigerte Gewalt­di­men­sion an.

Mit Kri­tik am Ein­satzkonzept der Polizei hal­ten sich die Bran­den­burg­er
Poli­tik­er über alle Partei­gren­zen hin­weg zurück. “Ich glaube nicht, dass
etwas falsch gelaufen ist”, erk­lärte der innen­poli­tis­che Sprech­er der
CDU-Land­tags­frak­tion, Sven Petke, der die Polizei am Sam­stag begleit­et
hat­te. Das Konzept, die Züge der Neon­azis und der Gegen­demon­stran­ten
gegeneinan­der abzuschir­men, sei gut gewe­sen. “Die Polizei”, so Petke, “hat­te
auch genü­gend Kräfte vor Ort.” Im Ein­satz waren 1200 Beamte aus Bran­den­burg
und anderen Bun­deslän­dern.

Die innen­poli­tis­chen Sprech­er von SPD und PDS, Brit­ta Stark und Hans-Jür­gen
Schar­fen­berg, nah­men die Polizei eben­falls in Schutz. “Ich sehe jet­zt keine
Ver­an­las­sung, Vorurteile zu äußern”, erk­lärte Schar­fen­berg. Er wolle
zunächst den Bericht der Lan­desregierung in der näch­sten Sitzung des
Innenauss­chuss­es abwarten. Danach kön­nten gegebe­nen­falls Schlussfol­gerun­gen
gezo­gen wer­den. Ähn­lich äußerte sich SPD-Poli­tik­erin Stark zu Petkes
Forderung, die Vorgänge im Innenauss­chuss zu prob­lema­tisieren.

Bei der Ver­fol­gung der Straftäter arbeit­eten Polizei und Staat­san­waltschaft
gestern weit­er auf Hoch­touren. Zusät­zlich zu den acht beantragten und vom
Haftrichter bere­its erlasse­nen Haft­be­fehlen werde die Polizei mehr als 30
weit­ere Strafanzeigen stellen, erk­lärte Polizei­di­rek­tor Feur­ing. Außer­dem
wür­den die während der Demon­stra­tion aufgenomme­nen Polizeivideos
aus­gew­ertet. Anschließend werde ver­mut­lich die Öffentlichkeits­fah­n­dung nach
den Stör­ern begin­nen.

Der durch einen Stein­wurf am Kopf ver­let­zte Polizist kon­nte das Kranken­haus
nach zweitägigem Aufen­thalt inzwis­chen ver­lassen.

Gefahr von Links nicht herun­ter­spie­len”

In Bran­den­burg gibt es etwa 400 gewalt­bere­ite und 50 bis 60 mil­i­tante
Link­sex­trem­is­ten

(PNN, 2.11., Peter Tiede) Pots­dam — Nach den Krawallen von Links-Autonomen am Sam­stag
in Pots­dam haben Sicher­heit­sex­perten erneut vor ein­er Ver­harm­lo­sung des
Link­sex­trem­is­muss­es gewarnt. “Wir haben immer gesagt, dass der
Recht­sex­trem­is­mus zwar das größere Prob­lem im Land ist, aber die Gefahr von
Links nicht herun­terge­spielt wer­den darf”, sagte Heiko Hom­burg, Sprech­er des
Bran­den­burg­er Innen­min­is­teri­ums den PNN. Nach Erken­nt­niss­es des
Ver­fas­sungss­chutzes gibt es in Bran­den­burg bis zu 400 gewalt­bere­ite “Linke”.

Diese seien im Wesentlichen bere­it, Gewalt gegen Rechte einzuset­zen. Dem
harten, mil­i­tan­ten Kern, der sich neben andrem auch noch gegen den
Kap­i­tal­is­mus und die Glob­al­isierung wen­det, wer­den im Land etwa 50 bis 60
Link­sex­trem­is­ten zugerech­net. Neben Pots­dam gebe es Schw­er­punk­te in
Eber­swalde und Rathenow, so ein Ver­fas­sungss­chützer. Ähn­lich wie bei den
Recht­en sind auch zahlre­iche linke Grup­pierun­gen untere­inan­der ver­strit­ten.
Hinzu kommt, dass sich etwa die Pots­damer und die Berlin­er Autonomen noch
immer “nicht ganz grün sind”, wie es hieß. “Die Linken” seien sich oft nur
einig darin, dass es gegen Rechts gehe, so ein Sicher­heit­sex­perte. Doch
trotz der Stre­it­ereien, bestün­den feste Verbindun­gen und Struk­turen zwis­chen
dem mil­i­tan­ten Kern Pots­dams und der Berlin­er Szene. So stammten nach
Erken­nt­nis­sen der Sicher­heit­skräfte viele gewalt­bere­ite Protestier­er vom
Woch­enende aus Berlin. “Aber bei weit­em nicht alle. Und die Bran­den­burg­er
fahren
ja auch zu den Demos nach Berlin und machen dort mit”, hieß es in
Sicher­heit­skreisen. “Man hil­ft sich gegen­seit­ig.” Bei den Krawallen waren am
Sam­stag in Pots­dam zunächst 17 Ran­dalier­er festgenom­men und 14 Polizis­ten
ver­let­zt wor­den. Während in der Innen­stadt eine friedliche Demon­stra­tion
gegen den Auf­marsch von Recht­sex­trem­is­ten stattge­fun­den hat­te, hat­ten sich
auf der Lan­gen Brücke etwa 1000 gewalt­bere­ite Linke und Links-Autonome
ver­sam­melt und sich eine Straßen­schlacht mit der Polizei geliefert. Die
bei­den Pots­damer Land­tagsab­ge­ord­neten Hans-Jür­gen Schar­fen­berg (PDS) und
Sven Petke (CDU) haben gestern die Aufk­lärung der Ran­dale gefordert und
angekündigt, dass sich der Innenauss­chuss des Land­tages mit dem The­ma
befassen werde.

Bren­nende Bar­rikaden

Ran­dale bei Neon­azi-Auf­marsch in Pots­dam / Proteste bei NPD-Parteitag

(MAZ, 1.11.) POTSDAM/LEINEFELDE Am Rande eines Auf­marsches von rund 350 Neon­azis ist es am Sam­stag in
Pots­dam zu schw­eren Auss­chre­itun­gen gekom­men. Aus ein­er Gruppe von rund 1000
Gegen­demon­stran­ten her­aus liefer­ten sich einige hun­dert Gewalt­bere­ite eine
Straßen­schlacht mit der Polizei. Die Sicher­heit­skräfte mussten Wasser­w­er­fer
ein­set­zen. Die teils ver­mummten Ran­dalier­er hat­ten auf der Lan­gen Brücke die
Beamten mit Flaschen und Steinen ange­grif­f­en, Bar­rikaden errichtet und
später in der Bre­it­en Straße Müll­ton­nen in Brand geset­zt.

Nach Angaben der Polizei wur­den 18 Beamte ver­let­zt. 17 Per­so­n­en wur­den
festgenom­men, acht von ihnen dem Haftrichter vorge­führt und danach wieder
auf freien Fuß geset­zt. Ins­ge­samt protestierten mehr als 3000 Men­schen gegen
die Recht­sex­trem­is­ten.

Die Recht­sex­tremen hat­ten sich unter der Führung des Ham­burg­er Neon­azis
Chris­t­ian Worch am Sam­stag Mit­tag vor dem Pots­damer Haupt­bahn­hof ver­sam­melt.
Von dort woll­ten sie eigentlich durch die Innen­stadt marschieren, was wegen
der Block­ade auf der Lan­gen Brücke aber nicht möglich war. Nach
Ver­hand­lun­gen mit der Polizei wurde die Route geän­dert. So kon­nten die
Recht­sex­tremen unbe­hel­ligt durch Pots­dam-Babels­berg ziehen.

Zuvor hat­ten friedliche Gegen­demon­stran­ten die Recht­sex­tremen mit
satirischen Protes­tak­tio­nen kon­fron­tiert. Unter anderem hiel­ten sie Plakate
in Frak­turschrift mit Auf­schriften wie “Dummheit ist unsere Heimat” hoch.
Auf dem Platz der Ein­heit nah­men später mehr als 2000 Per­so­n­en an ein­er
Kundge­bung der Stadt gegen Recht­sex­trem­is­mus teil, darunter
Min­is­ter­präsi­dent Matthias Platzeck, Pots­dams Ober­bürg­er­meis­ter Jann Jakobs
(bei­de SPD) und PDS-Chef Lothar Bisky. Zu den Gegen­demon­stra­tio­nen hat­te das
Aktions­bünd­nis “Pots­dam beken­nt Farbe” mit Unter­stützung von Parteien,
Gew­erkschaften, Kirchen, Stu­den­ten, Vere­inen und Bürg­erini­tia­tiv­en
aufgerufen.

Die bran­den­bur­gis­che Polizei war mit rund 1200 Beamten im Ein­satz.
Unter­stützung leis­teten Polizis­ten aus Berlin, Sach­sen und Sach­sen-Anhalt.

Im thüringis­chen Leine­felde kam es am Sam­stag während des Bun­desparteitages
der NPD eben­falls zu mehreren Protestkundge­bun­gen und ein­er zweitägi­gen
Mah­nwache. Die Stadt war zuvor gerichtlich gezwun­gen wor­den, ihre Sporthalle
der recht­sex­trem­istis­chen Partei zur Ver­fü­gung zu stellen.

Deutsche, kauft deutsche Bana­nen”


Neben bren­nen­den Bar­rikaden gab es auch friedlichen und phan­tasievollen
Protest gegen den Neon­azi-Auf­marsch

(MAZ, 1.11.) POTSDAM Das hat­te sich das Aktions­bünd­nis “Pots­dam beken­nt Farbe” — ini­ti­iert von
mehr als 80 Ini­tia­tiv­en, Parteien, Gew­erkschaften, Einzelper­so­n­en sowie der
Stadt — anders gedacht. Einen bun­ten, phan­tasiere­ichen und vor allem
friedlichen Protest hat­te man dem Auf­marsch von rund 350 Recht­sradikalen in
Pots­dam ent­ge­genset­zen wollen. Der friedliche Protest wurde zwar zum Teil
von den Ran­dalen über­lagert, aber der “bunte Protest” fand den­noch statt.

So nahm ein großes Plakat die Neon­azis am Sam­stag mit den Worten “Faschis­mus
ist keine Weltan­schau­ung, son­dern ein Ver­brechen” bere­its am Bahn­hof in
Emp­fang. Dort stand auch eine Gruppe junger Leute, die mit Springer­stiefeln
auf dem Kopf und Plakat­en mit absur­den Botschaften wie “Ich bin stolz, ein
Stolz­er zu sein” oder “Deutsche, kauft deutsche Bana­nen” die Recht­en und
ihre Parolen karikierten. Zur gle­ichen Zeit ver­sam­melten sich mehr als 2000
Bürg­er zu ein­er Kundge­bung in der Innen­stadt. Vertreter aller demokratis­chen
Parteien und von Gew­erkschaften sowie die kom­plette Rathausspitze waren
eben­so gekom­men wie Min­is­ter­präsi­dent Matthias Platzeck und Bil­dungsmin­is­ter
Hol­ger Rup­precht (bei­de SPD) sowie viele Pots­damer. Dass der Aufruf ein so
bre­ites Echo find­et, zeige, dass es eine poli­tis­che Kul­tur in Pots­dam gibt,
die sig­nal­isiert: Wir wollen die Recht­en nicht in unser­er Stadt haben, sagte
Ober­bürg­er­meis­ter Jann Jakobs (SPD). “Pots­dam wurde von Anfang an durch
Tol­er­anz geprägt, der Ein­fluss viel­er fremder Kul­turen hat die Stadt zu dem
gemacht, was sie heute ist.”

Immer wieder wur­den Jakobs und die fol­gen­den Red­ner durch Polizeisire­nen
übertönt. An der 100 Meter ent­fer­n­ten Lan­gen Brücke war die Sit­u­a­tion aus
dem Rud­er gelaufen. Seit 11.30 Uhr hiel­ten mehr als 1000 meist jugendliche
Demon­stran­ten die Brücke beset­zt. Als die Polizei eine Stunde später die von
Autonomen errichteten Bar­rikaden aus Bauzäunen beseit­igte, eskalierte die
Sit­u­a­tion. Einige hun­dert Ver­mummte schleud­erten Steine und Nebel­granat­en
auf die Beamten. Die Polizei set­zte Wasser­w­er­fer ein. Als kurz darauf eine
zweite Hun­dertschaft die Kreuzung am Alten Markt stürmte, zogen sich die
Ran­dalier­er in die Bre­ite Straße zurück und ver­wan­del­ten sie in ein
Schlacht­feld. Blu­menkü­bel und Baugerüste wur­den auf die Straße gez­er­rt, in
Höhe der Schloßs­traße bran­nten mehrere Müll­con­tain­er. Die Bilanz des
Krawall­t­ages: 18 ver­let­zte Polizis­ten, 17 festgenommene Autonome, mehrere
eingeschla­gene Schaufen­ster­scheiben.

Die Recht­en zogen der­weil nahezu ungestört auf ein­er Alter­na­tivroute durch
Babels­berg. Und die Schlagzeilen beherrschte nicht der friedlich-kreative
Bürg­er­protest, son­dern die Gewalt der Krawall­touris­ten.

Im Teufel­skreis der Gewalt

Ran­dale-Touris­ten machen aus friedlichem Bürg­er­protest ein Chaos

(MAZ, 1.11.) INNENSTADT / BABELSBERG Der Sam­stag begin­nt zunächst, wie es das
Aktions­bünd­nis aus 80 Ini­tia­tiv­en, Parteien und Gew­erkschaften erhofft
hat­te: friedlich. Ein Tre­f­fen link­er Grup­pen um 11 Uhr am Glock­en­spiel ist
ohne Krawall zu Ende gegan­gen. Als man sich um 12.30 Uhr unter dem Mot­to
“Pots­dam beken­nt Farbe” auf dem Platz der Ein­heit ver­sam­melt, ist die Menge
über­schaubar. “Das sind zu wenig, ein­fach zu wenig”, sagt ein Met­aller. Doch
es kom­men immer mehr. 2000 sind es schließlich, als Ober­bürg­er­meis­ter Jann
Jakobs spricht.

Mit Plakat­en wie “Ich bin stolz, ein Stolz­er zu sein” und “Kauft deutsche
Bana­nen” ver­suchen der­weil Demon­stran­ten am Bahn­hof, die Recht­en lächer­lich
zu machen. “Für mich ist das der einzige Weg, aus dem Teufel­skreis Demo -
Gegen­de­mo her­auszukom­men”, sagt Lutz Boede von der Anti­wehrpflicht-Kam­pagne.

Auch Bil­dungsmin­is­ter Hol­ger Rup­precht und die grüne EU-Abge­ord­nete
Elis­a­beth Schröder ergreifen das Wort; PDS-Chef Lothar Bisky ist vom
Bun­desparteitag in der Cali­gary­halle herübergekom­men. “Ein Teil von uns
Jakobs erin­nert daran, dass in der Stadt 4000 Wis­senschaftler aus aller Welt
leben und arbeit­en. Die Tol­er­anz, die Pots­dam von je her geprägt hat, sei
eine

hat sich an der Lan­gen Brücke postiert, so dass der Marsch der Recht­en nicht
wie geplant stat­tfind­en kann”, sagt Jakobs. Tat­säch­lich versper­ren 1000
linke Demon­stran­ten und Autonome den Neon­azis den Weg vom Bahn­hof in die
Innen­stadt. Ihnen gegenüber ste­ht eine Hun­dertschaft Cot­tbuser Polizei in
Kampf­mon­tur.

Viele auf der Brücke wollen die friedliche Block­ade. Doch einige
Autonome
begin­nen, Bar­rikaden aus Absper­r­git­tern zu erricht­en, die sie vor der
The­aterblech­büchse aus der Ver­ankerung reißen. Applaus aus der Menge. Nicht
von allen. Demon­stran­ten, die den Bar­rikaden­bau ver­hin­dern wollen, bekom­men
Prügel ange­dro­ht. Immer mehr Autonome ziehen den Kra­gen ihrer Pullover ins
Gesicht, set­zen Kapuzen auf und sam­meln Steine aus dem Gleiss­chot­ter der
Straßen­bahn. Die Polizei bringt zwei Wasser­w­er­fer in Stel­lung.

Plöt­zlich ist es ganz still. Als die Beamten in die Menge stür­men, um die
Absper­r­git­ter auf ihre Seite zu ziehen, hagelt es Steine und Flaschen. Eine
friedliche Demon­stran­tin wird am Rück­en getrof­fen; geschützt durch einen
Mannschaftswa­gen verbindet ein Polizist seine Bein­wunde. Zwei
Nebel­granat­en — von den Ver­mummten gewor­fen — detonieren neben der
Polizeikette und tauchen die Brücke in gespen­stis­ches Licht. Erst als eine
zweite Hun­dertschaft aus Rich­tung Friedrich-Ebert- Straße die Kreuzung
stürmt, ziehen sich die Ran­dalier­er in die Bre­ite Straße zurück. Dabei Für
einige Touris­ten, die offen­bar nicht erken­nen, was sich hier anbah­nt, wird
die Sit­u­a­tion prekär — der Weg ins Hotel ist ihnen durch eine geschlossene
Ein­gangstür ver­wehrt. Kom­men­tar eines älteren Her­rn zu sein­er Gat­tin:
“Men­sch Mut­ti — und wir mit­ten­drin!”

erricht­en sie Bar­rikaden aus allem, was ihnen in die Hände fällt: Bäume in
Kübeln und Sitzbänke aus dem Lust­garten, Beton­pa­pierkörbe, Müll­con­tain­er…
Als die ersten Bar­rikaden bren­nen, rückt die Feuer­wehr aus.

sogle­ich zu löschen begann. Eben­so waren Blu­menkü­bel und Bäume aus dem
Lust­garten als Hin­dernisse benutzt wor­den. Doch auch nach der Vertrei­bung
der gewalt­täti­gen Demon­stran­ten die Bre­ite Straße hin­unter in Rich­tung
IHK-Gebäude und durch die Schopen­hauer­straße block­ierten Men­schen die Lange
Brücke friedlich, unter ihnen eine Gruppe von sol­id-Aktivis­ten mit einem
Trans­par­ent: “Faschis­mus fügt ihnen und den Men­schen ihrer Umge­bung
erhe­blichen Schaden zu.” Während diese Gruppe nach Ansicht und Aus­sage eines
Sprech­ers der Polizei eine nicht angemeldete Demon­stra­tion durch­führte und
deshalb nach ein­er Auf­forderung durch die Beamten mit der Räu­mung rech­nen
musste, Die Ran­dalier­er stür­men unter­dessen weit­er, tauchen in der
Char­lot­ten­straße auf. Katz-und-Maus-Spiele mit der Polizei. An der
Friedrich- Ebert-Straße tre­f­fen sie auf den Demon­stra­tionszug des
Aktions­bünd­niss­es. “Schließt Euch doch an”, rufen eine ältere Frau und
mehrere andere den schwarz Gek­lei­de­ten zu. Einige tun es.

protestierte die Arbeits­gruppe “Kreative Aktio­nen” vor dem Bahn­hof­s­ge­bäude
in Sichtweite der Recht­sradikalen Kurz vor 14 Uhr sper­rt die Polizei die
andere Seite der Lan­gen Brücke. , die größ­ten­teils aus Berlin stammten. Ein
Mann weist die Beamten darauf hin, dass auch Kinder eingekesselt sind. Ein
wür­den, in Äußerun­gen wie “Daran sind Ihre linken Chaoten­fre­unde Schuld -
die dür­fen Sie halt nicht wieder wählen!” und “Die Steine, die auf mich und
meine Kol­le­gen flo­gen, sind halbe Tötungs­de­lik­te”. Tat­säch­lich entsch­ieden
die Beamten offen­bar nach dem Ausse­hen. So durfte eine unge­fähr 13 Jahre
altes Mäd­chen darf die Kette erst passieren, nach­dem sie verzweifelt
ange­fan­gen hat zu weinen. Um 14.26 Uhr eine Laut­sprecher­ansage der Polizei:
, derzu­folge Die Eingeschlosse­nen dür­fen nach Fest­stel­lung der Per­son­alien
abziehen.

Die Auf­nahme der Namen und Adressen wurde jedoch nach weni­gen Minuten qua­si
ergeb­nis­los abge­brochen. Die Lange Brücke war auch danach noch nicht
uneingeschränkt befahrbar, doch das Gros der Demon­stran­ten löste sich auf.

Seit dem späten Vor­mit­tag hat­ten sich rund 350 Neon­azis auf dem Park­platz
zwis­chen Bahn­hof und Nuthe ver­sam­melt. Weil ihnen der Weg in die Innen­stadt
versper­rt ist, ziehen sie unter starkem Polizeis­chutz schließlich über die
Friedrich-List-Straße, durch Alt Nowawes und Gar­nstraße ins Zen­trum
Babels­bergs. Die Polizei sper­rt daraufhin auch die Hum­boldt­brücke. Der
Verkehr in der Stadt kommt für lange Zeit endgültig zum Erliegen. Nach ein­er
Kundge­bung in der Karl-Liebknecht-Straße ziehen die Recht­en zurück zum
Haupt­bahn­hof. Kurz vor 16 Uhr wer­den sie ins Bahn­hof­s­ge­bäude esko­rtiert.

Die Bilanz: 18 ver­let­zte Polizis­ten, 17 festgenommene Autonome, zer­störte
Schaufen­ster. Die Polizei hält bis in die frühen Mor­gen­stun­den des Son­ntags
alle neu­ral­gis­chen Punk­te der Innen­stadt beset­zt.

Dat­en, Fak­ten und Zitate

(MAZ, 1.11.) “Mit ein­er der­ar­ti­gen Welle der Gewalt hat­ten wir nicht gerech­net. Aber wir
hat­ten die Sit­u­a­tion jed­erzeit unter Kon­trolle.” Rudi Son­ntag, Sprech­er des
Polizeiprä­sid­i­um s

” Einige aus der Partei sind bei der Demon­stra­tion des Aktions­bünd­niss­es am
Platz der Ein­heit dabei, aber die meis­ten ste­hen hier auf der Brücke”, sagte
Marie-Luise von Halem vom Lan­desver­band der Grü­nen. Sie finde es legit­im,
sich den Nazis friedlich ent­ge­gen­zustellen. Dass die Recht­en nicht wie
geplant durch die Innen­stadt ziehen kön­nten, sei ein Erfolg der
Demon­stran­ten. “Dass hier so viele Autonome Steine geschmis­sen haben, ist
furcht­bar. Eini­gen Parteifre­un­den wurde sog­ar Prügel ange­dro­ht, als sie
ver­sucht­en, die Radikalen vom Bar­rikaden­bauen abzuhal­ten”, so von Halem. die
Poli­tik­erin. Nach­dem sich die Ran­dalier­er in die Bre­ite Straße ver­zo­gen
hat­ten, set­zten Grüne, Jusos und andere Linke die friedliche Block­ade der
Brücke fort.

” Uns war klar, dass es hier zu Auss­chre­itun­gen kom­men würde. Die Stein­würfe
haben uns nicht viel aus­gemacht, wir sind ja sehr gut geschützt. Um die
Gewalt­täter von bei­den Seit­en in die Zange zu nehmen, und auf der Brücke
festzuhal­ten, waren nicht genug Polizis­ten im Ein­satz.”

Ein Polizist der Cot­tbuser Hun­dertschaft, die die Lange Brücke von 11 bis 17
Uhr in Rich­tung Bahn­hof absper­rte.

” Hätte ich gewusst, was heute hier los ist, wäre ich nicht gekom­men. Aber
Gott sei Dank ist alles heile geblieben.” Eine Porzel­lan-Händ­lerin auf dem
Trödel­markt im Lust­garten Nur hun­dert Meter weit­er bran­nten auf der Bre­it­en
Straße umgestürzte Müll­con­tain­er.

Aus Anlass ein­er für heute geplanten NPD-Demon­stra­tion in Pots­dam hat­ten die
Stadt und linksori­en­tierte “Sol­id”- und “Antifa” ‑Grupp­pen getren­nt zu
Gegen­demon­stra­tio­nen aufgerufen. Da die Demon­stra­tionszüge an der
Gerüstin­stal­la­tion am Stan­dort der Gar­nisonkirche vor­beiführen soll­ten,
hängte unsere Förderge­sellschaft als ihren Beitrag gegen Recht­sext­trem­is­mus
ein Plakat mit dem Wort Hen­ning von Tresck­ows auf “Ich halte Hitler nicht
nur für den Erzfeind Deutsch­lands son­dern der ganzen Welt”

Es wurde von unseren Vor­standsmit­gliedern Dr. Rhein­heimer, C. Gold­en­stein
und Th. Knap­p­worst pri­vat finanziert.

Während die etwa 200 NPD-Anhänger in eine andere Rich­tung abge­drängt wur­den,
stürmten etwa 800

Hans P. Rhein­heimer, Vor­sitzen­der der Förderge­sellschaft zum Wieder­auf­bau
der Gar­nisonkirche, wurde in der Bre­it­en Straße von Ver­mummten ange­grif­f­en
und geschla­gen, als er in Brand geset­zte Kübel löschen wollte, berichtet
Burkhart Franck von der Förderge­sellschaft. “Andreas Kitschke und ich wur­den
eben­falls von schwarz gek­lei­de­ten Ver­mummten ange­grif­f­en und geschla­gen, als
wir sie von der Beschädi­gung der Beschrif­tung auf der Gerüstin­stal­la­tion
abzuhal­ten ver­sucht­en”, so Franck.

Der Innen­poli­tis­che Sprech­er der CDU-Frak­tion, Sven Petke, will den
Polizeiein­satz im Innenauss­chuss des Land­tages zur Sprache brin­gen. Es
brauche “Wege, um solche Chaoten unter Kon­trolle zu bekom­men. Deshalb müssen
die Ereignisse im Innenauss­chuss the­ma­tisiert wer­den.”

Als die Bürg­er-Demon­stra­tion die Friedrich-Ebert-Straße passiert
, kom­men
Mitar­beit­er der Bäck­erei Braune auf die Straße und verteilen Kuchen.

Eine der witzig-kreativ­en Aktio­nen sollte ein vom Pots­damer Chris­t­ian
Deich­stet­ter dirigiertes Hup­konz­ert an der Demon­stra­tionsstrecke sein. Dem
Anlass angemessen, soll beim Vor­beizug der Recht­en der “Trauer­marsch” von
Chopin erklin­gen. Als sich abze­ich­net, dass wed­er die Neon­azis, noch die
Gegen­demon­stra­tion die Bre­ite Straße passieren, ver­legt der Diri­gent sein
“Orch­ester” vor das Stadthaus und lässt zum Abschluss der Demon­stra­tion dort
hupen.

“Der Ober­bürg­er­meis­ter und der neue Bil­dungsmin­is­ter haben gut gesprochen.”
Der Stadtverord­nete Eber­hard Kapuste (CDU) über Jakobs (SPD) und Rup­precht.

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