13. Januar 2016 · Quelle: Antifaschistische Recherche_Potsdam//Umland

Die Selbsthilfewerkstatt Potsdam und ihre Verstrickungen ins neonazistische Milieu

„Hier macht man sich noch selbst die Hände schmutzig“

Der Neonazi Tim Borowski (links) mit „Aryan Brotherhood Potsdam“ T-Shirt in der Selbsthilfewerkstatt am alten Standort in Drewitz 2012

Der Neon­azi Tim Borows­ki (links) mit „Aryan Broth­er­hood Pots­dam“ T‑Shirt in der Selb­sthil­few­erk­statt am alten Stan­dort in Drewitz 2012

In der Kfz-Selb­sthil­few­erk­statt Pots­dam im Stadt­teil Schlaatz kön­nen Besitzer_innen und Fahrer_innen ihre Fahrzeuge selb­st repari­eren. Für ein geringes Ent­gelt kann das vorhan­dene Werkzeug und Maschi­nen sowie das Know-How der anderen Anwe­senden genutzt wer­den, um kleine und große Repara­turen, Umbaut­en oder kom­plette Restau­ra­tio­nen vorzunehmen. Statt Fach­w­erk­stät­ten aufzusuchen kön­nen hier Hob­by-Schrauber_in­nen und tech­nisch Ver­sierte selb­stor­gan­isiert schrauben, schweißen, häm­mern und fach­sim­peln. Nach­dem bis Jan­u­ar 2013 die Werk­statt in ein­er Halle in Drewitz ansäs­sig war, ist sie seit­dem am Mag­nus-Zeller-Platz ein­gerichtet. [1]

Im Som­mer 2015 berichtete nun der Vere­in Opfer­per­spek­tive von einem Über­griff auf einen Geflüchteten, der in unmit­tel­bar­er Nähe ein­er Werk­statt und der Unterkun­ft für Geflüchtete Pots­dam stat­tfand. Es kamen dabei mehrere Män­ner aus der Selb­sthil­few­erk­statt und belei­digten den Betrof­fe­nen erst ras­sis­tisch und grif­f­en ihn dann, unter anderem mit einem Schrauben­schlüs­sel, an. [2]
Wer genau die Angreifer waren ist bis heute nicht ermit­telt. Es ist jedoch klar, dass sich der Werk­statt-Chef Hen­ry K. und der engere Kreis um ihn nicht nur an Motoröl und Brem­sen die Hände schmutzig machen, son­dern auch im Umgang mit offen­sichtlichen Mit­gliedern der neon­azis­tis­chen Szene Pots­dams.

Tim Borowski in der Selbsthilferwerkstatt am Grill

Tim Borows­ki in der Selb­sthil­fer­w­erk­statt am Grill

Bere­its am alten Stan­dort in Drewitz war seit spätestens 2012 der Neon­azi Tim Borows­ki in der Selb­sthil­few­erk­statt aktiv und wird bish­er, samt sein­er offen­sichtlichen neon­azis­tis­chen Sym­bo­l­ik auf sein­er Klei­dung, toleriert. Zulet­zt war er am 12. Dezem­ber 2015 bei der Wei­h­nachts­feier des Teams der Werk­statt anwe­send.

Tim Borowski auf der Weihnachtsfeier der Selbsthilfewerkstatt 2015

Tim Borows­ki auf der Wei­h­nachts­feier der Selb­sthil­few­erk­statt 2015

Der im Dezem­ber 1989 geborene und in Werder (Hav­el) wohn­hafte Borows­ki ist Antifaschist_innen erst­mals am 21. Okto­ber 2006 in Berlin auf ein­er Demon­stra­tion für den verurteil­ten Sänger, der als krim­inellen Vere­ini­gung eingestuften Neon­azi-Band Landser, Michael „Lunikoff“ Regen­er aufge­fall­en. Als ein­er der jüng­sten war er wenig später am 13. Feb­ru­ar 2007 an einem klan­des­tin organ­isierten „Trauer­marsch“ durch die Pots­damer Innen­stadt beteiligt. Anlass war für die Neon­azis der Jahrestag der Bom­bardierung Dres­dens 1945 durch alli­ierte Luftan­griffe. Seit­dem ist Borows­ki regelmäßig auf neon­azis­tis­chen Demon­stra­tio­nen und Kundge­bun­gen anzutr­e­f­fen. Nicht sel­ten übern­immt er dabei auch organ­isatorische Auf­gaben, beispiel­sweise die videografis­che Doku­men­ta­tion der eige­nen Aktio­nen und etwaiger Gegen­proteste oder interne Koor­dinierung und Anstim­men von Parolen mit einem Mega­fon. Regelmäßig hält er Trans­par­ente oder Fah­nen für die jew­eili­gen Grup­pen und Akteure der neon­azis­tis­chen Szene.

Mit­tler­weile ist er aktives Mit­glied der neon­azis­tis­chen Kle­in­st­partei „Der III. Weg“ und beteiligt sich regelmäßig an neon­azis­tisch-völkischen Kundge­bun­gen. Allein im ver­gan­genen Jahr nahm er an min­destens acht neon­azis­tis­chen und ras­sis­tis­chen Ver­samm­lun­gen teil. Dabei war er an der Organ­isierung und Durch­führung von min­destens sechs Kundge­bun­gen bzw. Demon­stra­tio­nen von „Der III. Weg“ beteiligt.

Tim Borowski (rechts vom Redner_innenpult mit Fahne) auf einer Kundgebung der neonazistischens Kleinstpartei „Der III. Weg“ am 18. April 2015 in Brandenburg (Havel)

Tim Borows­ki (rechts vom Redner_innenpult mit Fahne) auf ein­er Kundge­bung der neon­azis­tis­chens Kle­in­st­partei „Der III. Weg“ am 18. April 2015 in Bran­den­burg (Hav­el)

Anzutr­e­f­fen war Borows­ki im Jahr 2015 auf ein­er Kundge­bung von „Der III. Weg“ am 28. Novem­ber in Gen­thin zusam­men mit den Pots­damer Neon­azis Mar­tin Klahr und Dustin Schlem­minger und am 1. August auf Kundge­bun­gen von „Der III. Weg“ in Zossen und in Dams­dorf zusam­men mit Maik Eminger, Mirko Kubel­er, Mar­tin Klahr, Gabor Grett, Phillip Hinz­mann, Patrick Danz und NPD-Kad­er Maik Schnei­der. Weit­er­hin nahm er zusam­men mit Maik Eminger und Phillip Hinz­mann an ein­er neon­azis­tis­chen Demon­stra­tion anlässlich des 1. Mai in Saalfeld teil. Am 18. April war er als Akteur an zwei Kundge­bun­gen in Werder (Hav­el) und Bran­den­burg (Hav­el) beteiligt. An diesen nah­men außer­dem Mirko Kubel­er, Patrick Danz, Gabor Grett, Phillip Hinz­mann, Maik Eminger, Mar­tin Klahr und Chris­t­ian Helm­st­edt teil. Zu Beginn des ver­gan­genen Jahres war er für „Der III. Weg“ an der Durch­führung und Organ­isierung ein­er Kundge­bung in Eisen­hüt­ten­stadt am 21. Feb­ru­ar beteiligt. Die Pots­damer Neon­azis Maik Eminger, Olaf Ernst, Phillip Hinz­mann, Tobias Mark­graf und Gabor Grett waren eben­falls Teilnehmer_innen oder direkt an der Durch­führung beteiligt. Auch auf ein­er Demon­stra­tion des bran­den­bur­gis­chen PEGI­DA-Ablegers „BRAMM“ („Bran­den­burg­er für Mei­n­ungs­frei­heit & Mitbes­tim­mung“) beteiligte er sich am 26. Jan­u­ar 2015 zusam­men mit Maik Eminger, Phillip Hinz­mann und Mar­tin Klahr. Sie präsen­tierten ein Hochban­ner und mehrere kleine Schilder für ihre Kam­pagne „Ein Licht für Deutsch­land gegen Über­frem­dung“.

Tim Borowski (links am Transparent) am 28. November 2015 auf einer Kundgebung von „Der III. Weg“ in Genthin

Tim Borows­ki (links am Trans­par­ent) am 28. Novem­ber 2015 auf ein­er Kundge­bung von „Der III. Weg“ in Gen­thin

Aber auch abseits von Kundge­bun­gen oder Demon­stra­tio­nen ist Tim Borows­ki aktiv. Am 17. Okto­ber let­zten Jahres besuchte er in Ferch eine Bürger_innenversammlung zu ein­er geplanten Unterkun­ft für Geflüchtete. Am 10. Okto­ber soll er sich mit etwa 15 weit­eren Neon­azis in Babels­berg in ein­er Kneipe getrof­fen haben. Diese Zusam­menkun­ft soll im Laufe des Abends durch die Polizei aufgelöst wor­den sein.
Im August 2015 stand Borows­ki zusam­men mit Manuel Schmidt („Der III. Weg“), Rico Han­ne­mann und zwei weit­eren Neon­azis vor Gericht. Ihnen wurde vorge­wor­fen auf dem Baum­blüten­fest im Jahr 2014 neon­azis­tis­che Parolen, wie „Nazis raus, Zeck­en rein, Tür zu, Gas rein.“ gerufen sowie Lieder der ver­bote­nen Recht­sRock-Band „Landser“ gesun­gen zu haben. Auf ihrem Weg zum „Colo­nial Café“ wur­den sie dabei von Polizeibeamten beobachtet, welche die Gesänge deut­lich ver­nah­men. Den­noch kam es, trotz übere­in­stim­mender Zeu­ge­naus­sagen, nicht zu ein­er Verurteilung. [3]

Neonazistischer Freundeskreis: Tom Singer, Christian und Marco Helmstedt sowie Ronny Schapkowski (v.l.n.r.)

Neon­azis­tis­ch­er Fre­un­deskreis: Tom Singer, Chris­t­ian und Mar­co Helm­st­edt sowie Ron­ny Schap­kows­ki (v.l.n.r.)

Neben Tim Borows­ki war ein weit­er­er bekan­nter Neon­azi in der Selb­sthil­few­erk­statt anzutr­e­f­fen. Ron­ny Schap­kows­ki ist bis zu seinem krankheits­be­d­ingten Tod im August 2015 regelmäßig in der Werk­statt aktiv gewe­sen, nahm an gemein­schaftlichen Aus­flü­gen teil und gehörte zu einem engeren Fre­un­deskreis, der maßge­blich in der Werk­statt aktiv ist. Er war aber auch fest in der Neon­azi-Szene Pots­dams ver­ankert. Ins­beson­dere ist er als Mit­glied der sich selb­st als „Kneipen­ter­ror­is­ten Pots­dam-West“ benan­nten neon­azis­tis­chen Grup­pierung um die gewalt­bere­it­en Neon­azis Max Sei­del und Chris­t­ian Sawet­z­ki aufge­fall­en.

Der Neonazi Ronny Schapkowski (rechts) beim Essen mit seinen Freunden aus der Selbsthilfewerkstatt

Der Neon­azi Ron­ny Schap­kows­ki (rechts) beim Essen mit seinen Fre­un­den aus der Selb­sthil­few­erk­statt

Schap­kows­ki hat­te Kon­tak­te in die organ­isierte Neon­azi-Szene in und um Pots­dam sowie in die Recht­sRock-Szene. Seine tiefe Ver­ankerung zeigte sich vor allem bei sein­er Beerdi­gung am 15. Sep­tem­ber 2015 auf dem neuen Fried­hof in der Hein­rich-Mann-Allee in Pots­dam. Ins­ge­samt nah­men etwa 80 Per­so­n­en teil, unter ihnen ein großer Anteil organ­isiert­er Neon­azis. Neben (lokalen) Neon­azis wie Tom Singer und Mar­co Helm­st­edt waren auch Protagonist_innen der Recht­sRock-Szene wie Uwe Men­zel, aktuell aktiv bei Aryan Broth­er­hood und Blood­shed, und Patrick Danz, Sänger der Recht­sRock-Band Preussen­stolz, anzutr­e­f­fen.

Es zeigt sich, dass die Selb­sthil­few­erk­statt und ihr Team durch ihre Offen­heit für men­schen­ver­ach­t­en­des Gedankengut und Neon­azis gegenüber alter­na­tiv­en Jugendlichen, Peo­ple of Col­or und vor allem Geflüchteten, die in der Unterkun­ft nebe­nan unterge­bracht sind, eine sehr bedrohliche Atmo­sphäre und einen unsicheren Raum im Stadt­teil schaf­fen. Es ist auch nicht auszuschließen, dass es bere­its zu mehreren ras­sis­tis­chen Über­grif­f­en in der Nähe kam, die von der Werk­statt aus­gin­gen. Laut Bewohner_innen der Unterkun­ft und anderen Anwohner_innen soll es beispiel­sweise im Okto­ber 2015 einen weit­eren von der Werk­statt aus­ge­hen­den Über­griff und anschließen­den Polizeiein­satz gegeben haben. In der Ver­gan­gen­heit soll es anlässlich eines Willkom­mensfestes in der Geflüchtete­nun­terkun­ft außer­dem zu Pro­voka­tio­nen, u.a. durch das Hissen ein­er schwarz-weiß-roten Reichs­flagge, aus der Selb­sthil­few­erk­statt her­aus gekom­men sein. Weit­er­hin kommt es immer wieder zu Pöbeleien und Belei­di­gun­gen gegen Geflüchtete – auch von Besucher_innen der Werk­statt.
Die Selb­sthil­few­erk­statt und die dort Aktiv­en müssen sich klar von ras­sis­tis­chen und neon­azis­tis­chen Ten­den­zen und den entsprechen­den Per­so­n­en tren­nen. Es reichen keine Bekun­dun­gen, dass eine Werk­statt kein Ort für Poli­tik sei, denn jede Ein­rich­tung und Per­son ist Akteur_in in gesellschaftlichen Auseinan­der­set­zun­gen – das erfordert auch und vor allem die Abgren­zung gegenüber ras­sis­tisch motiviert­er Gewalt, men­schen­ver­ach­t­en­den Äußerun­gen, ras­sis­tis­chen Bürger_innen und Neon­azis.

[1] http://www.pnn.de/potsdam/767980/
[2] http://www.opferperspektive.de/rechte-angriffe/chronologie-rechter-angriffe/potsdam‑9 und
http://www.pnn.de/potsdam/1002376/
[3] http://www.pnn.de/pm/995572/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Beiträge aus der Region

Der Flüchtlingsrat Bran­den­burg, Jugendliche ohne Gren­zen und die Flüchtlings­ber­atung des Ev. Kirchenkreis­es Oberes Havel­land kri­tisieren die Unter­bringungspoli­tik im Land­kreis Ober­hav­el.
PRO ASYL und Flüchtlingsrat Bran­den­burg fordern: Ein­satz für die Rechte von Flüchtlin­gen bedeutet klare Kante gegen Recht­sradikalis­mus und Ras­sis­mus
Pots­dam – Unter dem Mot­to „SOS an den EU-Außen­gren­zen! Pots­dam – ein sicher­er Hafen!?“ laden Ini­tia­tiv­en anlässlich des „Tag des Flüchtlings“ am 27.09.2019 zu einem Aktion­stag ein.

Opferperspektive

Termine für Potsdam

NSUwatch Brandenburg

Termine für Berlin

Netzwerk Selbsthilfe

Suche

  • Kategorien


  • Regionen



Inforiot