30. September 2004 · Quelle: Tagesspiegel

Hilfe vom Geheimdienst

Pots­dam — “Wann ist der Hit­ler­gruß ein Hit­ler­gruß?” Jonas Grutz­palk hat
mit dieser Frage wohl nicht gerech­net und muss erst über­legen: Es müsse
ein Beken­nt­nis damit ver­bun­den sein, sagt er schließlich. “Wenn jemand
nur den Arm zur Seite reckt, ist das noch kein Hit­ler­gruß.” Die 15
Schüler der elften Klasse des Evan­ge­lis­chen Gym­na­si­ums Her­mannswerder
wollen viel wis­sen in dieser beson­deren Unter­richtsstunde. Denn der
Lehrer da vorne an der Tafel ist Ver­fas­sungss­chützer. Der Unter­richt
find­et nicht an ihrer Schule statt, son­dern im Pots­damer Sitz des
Geheim­di­en­stes, einem mit Schultafel und Mon­i­tor herg­erichteten
Klassen­z­im­mer.

Unter dem Mot­to “Ver­fas­sungss­chutz macht Schule” soll hier kün­ftig jeden
Tag unter­richtet wer­den. “Wir reagieren damit auf die neue Dimen­sion
recht­sex­trem­istis­ch­er Jugend­kul­tur”, erläutert Hel­mut Müller-Enberg, der
beim Ver­fas­sungss­chutz für die Öffentlichkeit­sar­beit zuständig ist. Für
den Unter­richt sei extra ein Sozi­ologe eingestellt wor­den. Zwar habe man
auch bish­er schon manch­mal Vorträge in Schulen gehal­ten. Doch zeige
sich, dass das nicht aus­re­iche. Die Anfra­gen von Lehrern wür­den
zunehmen. “Die Lehrer sind unsich­er, sie wis­sen oft nicht, was sie
Schülern antworten sollen”, sagt Müller-Enberg. Und das, obwohl die
Aufk­lärung über den Recht­sex­trem­is­mus seit Jahren für das
Bil­dungsmin­is­teri­um, für das dort ange­siedelte Aktions­bünd­nis gegen
Recht­sex­trem­is­mus und Frem­den­feindlichkeit Pri­or­ität hat.

In Schulen und Eltern­häusern passiert zu wenig, klagt Innen­min­is­ter Jörg
Schön­bohm (CDU) und ver­weist auf einen krassen Fall: Die Polizei hob
kür­zlich in Nauen eine recht­sex­treme Jugend­clique aus, die Anschläge auf
Asia-Imbisse verübt hat­te. Der Gen­er­al­staat­san­walt ermit­telt erst­mals
wegen Bil­dung ein­er ter­ror­is­tis­chen Vere­ini­gung. Der Anführer ist ein
Gym­nasi­ast. Bei den jüng­sten Land­tagswahlen in Bran­den­burg und Sach­sen
haben vor allem junge Leute recht­sex­treme Parteien gewählt. Man müsse
reagieren, sagt der Ver­fas­sungss­chützer.

In der ersten Unter­richtsstunde beim Ver­fas­sungss­chutz geht es auf
Wun­sch der Gym­nasi­as­ten vor allem um recht­sradikale Musik: Aus den
Laut­sprech­ern dröh­nen harte Bässe, die Schüler sollen her­aus­find­en,
welche Botschaften trans­portiert wer­den. “Ein Europa für die weiße
Rasse”, das “alte Reich zurück”, zählen sie auf . Ein Mäd­chen sagt, dass
sie solche Musik schon gehört hat. Einige nick­en. “Die Musik dient als
Ein­stiegs­droge”, sagt Ver­fas­sungss­chützer Jonas Grutz­palk. Die
Jugendlichen wollen aber auch wis­sen, wer den Ver­fas­sungss­chutz
kon­trol­liert. Wann ist jemand Extrem­ist? Dür­fen V‑Leute mit­prügeln?
Nein, sagt Grutz­palk. “Aber dann fliegen sie ja auf”, sagt ein Schüler.

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