22. Oktober 2004 · Quelle: Berliner Zeitung

Hitlers vergessene Ehrenbürgerschaft

Adolf Hitler und kein Ende. 3 412 001 Zuschauer pil­gerten in den vergangenen
fünf Wochen ins Kino, um zu sehen, wie Bruno Ganz als tat­triger Führer
unterge­ht. Gui­do Knopp macht aus fast jedem Sta­tis­ten des Naziregimes einen
Moral­hap­pen fürs Fernse­hen. Und Hel­la von Sin­nen blödelt sich als Adolf mit
Dirk Bach als Eva Braun durch ihre TV-Comedy. 

Dass nun Neu­rup­pin mit dem unlieb­samen Namen in Verbindung gebracht wird,
liegt — unge­wollt — an Lisa Riedel. Die langjährige Chefin des örtlichen
Muse­ums hat so viel für die Stadt in Nord­bran­den­burg geleis­tet, dass nun
erst­mals seit 1990 wieder eine Ehren­bürg­er­würde ver­liehen wurde. Da gleich
auch die Ehren­verord­nung der Stadt erneuert wer­den sollte, erkundigte sich
der grüne Stadtverord­nete Ger­ald Brose bei einem Heimat­forsch­er, wem denn
die höch­ste Ehre der Stadt bere­its ange­tra­gen wor­den war. 

“Offen­bar gehörte Hitler dazu”, sagt Brose. Eine offizielle Urkunde
existiert aber offen­bar nicht, im Stadtarchiv enden die Unter­la­gen mit dem
Jahr 1924, und zu DDR-Zeit­en wurde der Titel nur ein­mal in den 60er-Jahren
ver­liehen, an einen Antifaschis­ten. “Wir nehmen die Sache sehr ernst”, sagt
der amtierende Bürg­er­meis­ter Thomas Fen­gler. Es werde geprüfen, ob Hitler
wirk­lich Ehren­bürg­er war, und wenn ja, ob ihm der Titel bere­its zu
DDR-Zeit­en aberkan­nt wurde. 

In der Naz­izeit erk­lärten die meis­ten größeren deutschen Städte den Diktator
zum Ehren­bürg­er — meist schon 1933. In Mainz wurde noch 2002 gestrit­ten, ob
die Würde, die nur auf Lebzeit ver­liehen war, dem Toten aberkan­nt werden
muss. Sie wurde. In Berlin, wo Hitler gemein­sam mit Hin­den­burg 1933 ernannt
wurde, erfol­gte die Stre­ichung gle­ich nach dem Krieg. 

Neu­rup­pin ver­lieh den Titel wie viele andere Städte gle­ich an Hitlers erstem
Geburt­stag nach der Machtüber­gabe an ihn. Die Märkische Zeitung von damals
berichtet, wie die Neu­rup­pin­er ihn in einem pom­pösen Fes­takt mit
Gottes­di­enst am Kriegerdenkmal huldigten. 

“Wenn das stimmt, müssen wir ihn schle­u­nigst von der Liste stre­ichen”, sagt
der Grü­nen-Poli­tik­er Brose. Dass die gerüchtweise bekan­nte Ehrenbürgerschaft
Hitlers nie geprüft wurde, liege wohl daran, dass der Titel in der Stadt
keine wirk­liche Tra­di­tion hat und ein­fach in Vergessen­heit geriet. 

Hitlers Schat­ten ist lang und es gibt noch viel Arbeit, nicht nur für
Heimatforscher.

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