11. Mai 2005 · Quelle: MAZ

Holzschuh-Klappern

(MAZ, 9.5.) NASSENHEIDE “Ich erin­nere mich genau an das Trip­peln und das ein­tönige
Gesumme. Dann gab es einen peitschen­den Knall, ein Häftling ist erschossen
wor­den”, erzählt Eri­ka Rose. Als Elfjährige hat­te sie den Zug der
KZ-Häftlinge Ende April 1945 auf dem so genan­nten Todes­marsch durch ihren
Ort Nassen­hei­de miter­lebt. Auch Otto Handw­erg, ein neun­jähriger Bub damals,
der am Ort­sein­gang von Nassen­hei­de wohnte, hat noch das Geklap­per der
Holzschuhe im Ohr, als die Kolon­nen der Häftlinge vom KZ Sach­sen­hausen nach
Nor­den zogen. “Es hat kein Ende genom­men. Meine Mut­ter ist mit uns Kindern
auch bis nach Net­ze­band geflo­hen. Da haben wir über­all in den Straßen­gräben
Tote gese­hen”, berichtet der Nassen­hei­der.

Mehrere Zeitzeu­gen, 1945 waren sie Kinder, und engagierte Bürg­er trafen sich
am Sonnabend zu ein­er Gedenkver­anstal­tung im Ort, organ­isiert vom Vere­in
“Pro Nassen­hei­de”. Car­men Lange, Lei­t­erin des “Muse­ums des Todes­marsches im
Below­er Wald”, erin­nerte in einem Vor­trag an die let­zten schreck­lichen Tage
vor 60 Jahren, als am 21. April 1945 etwa 30 000 Häftlinge das KZ
Sach­sen­hausen ver­lassen mussten. Der Marsch führte durch Nassen­hei­de über
Löwen­berg, Lin­dow und Rheins­berg nach Witt­stock. Eine andere Strecke bog
nach Herzberg ab. Auf den Fried­höfen der Dör­fer und kleinen Gemein­den wur­den
die erschosse­nen und durch Entkräf­tung gestor­be­nen Häftlinge, die ein­fach an
der Straße liegen gelassen wur­den, dann von der Bevölkerung begraben. Auch
auf dem Fried­hof von Nassen­hei­de liegen elf unbekan­nte KZ-Opfer aus dem
Lager Sach­sen­hausen. “Die his­torischen Doku­mente dazu sind lück­en­haft. Es
ist an der Zeit, alle Fried­höfe an den Streck­en­ver­läufen der Todesmärsche zu
erfassen und Aus­sagen von Zeitzeu­gen festzuhal­ten”, sagt Car­men Lange. Nach
neuesten Erken­nt­nis­sen hät­ten etwa 500 bis 1500 KZ-Häftlinge die
Todesmärsche kurz vor Kriegsende nicht über­lebt. Zu DDR-Zeit­en war von 6000
Opfern die Rede gewe­sen.

Blu­men wur­den am Sonnabend auf dem Fried­hof von Bürg­ern und im Namen des
Orts­beirates auf dem unbekan­nten Grab mit der Auf­schrift “Den unsterblichen
Opfern des Faschis­mus — April 1945” abgelegt. Anschließend ging es zum
Kirchvor­platz, wo ein neues Todes­marsch-Schild aufgestellt wor­den ist. Das
bish­erige sei ver­wit­tert und schlecht platziert gewe­sen, so Ker­stin
Spieck­er­mann, Vere­insvor­sitzende von “Pro Nassen­hei­de”. Zum Glück hat­te das
Below­er Muse­um noch ein Schild und stellte es den Nassen­hei­dern zur
Ver­fü­gung. Die 19-jährige Sina Schulze las die Worte, die ihre Groß­mut­ter
1961 einst zur Ein­wei­hung des Gedenksteines im ehe­ma­li­gen KZ Sachen­hausen
gesagt hat­te: Zur Mah­nung und Verpflich­tung, dass so etwas nie wieder
passieren darf.

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