5. April 2004 · Quelle: LR

«Ich gehe hier ausgesprochen ungern weg»

An Rolf Wis­chnath kam man nicht vor­bei. Für die einen war der Cot­tbuser
Gen­er­al­su­per­in­ten­dent eine moralis­che Instanz, weil er sich in
gesellschaftliche Debat­ten ein­mis­chte. Für andere war er, ger­ade weil er
sich nicht auf die The­olo­gie beschränk­te, eine Reiz­fig­ur. Jet­zt ver­lässt er
die Lausitz. Eine schwere Krankheit zwingt den 56-Jähri­gen in den
vor­läu­fi­gen Ruh­e­s­tand. Mor­gen wird er in der Cot­tbuser Oberkirche offiziell
ver­ab­schiedet.

«Ich gehe hier aus­ge­sprochen un gern weg» , sagt Rolf Wis­chnath und sein
Blick wan­dert aus dem Fen­ster des Win­ter­gartens hin­aus in die
Früh­jahrssonne. Noch ein paar Wochen, dann kommt der Möbel­wa­gen für den
Umzug der Fam­i­lie nach Güter­sloh. Zu vie­len Men­schen hier in der Region habe
er inzwis­chen eine so große Nähe entwick­elt. «So viele per­sön­liche
Abschiede, die eigentlich notwendig wären, kann man gar nicht aushal­ten» ,
sagt er.

Acht Jahre lang stand Rolf Wis­chnath als Gen­er­al­su­per­in­ten­dent an der Spitze
des Kirchen­spren­gels Cot­tbus. Der reicht von Sen­ften­berg über den Spree­wald
bis nach Zossen bei Berlin und bis zum Oder­bruch. Im Feb­ru­ar 2003 warf ihn
eine schwere psy­chis­che Erkrankung völ­lig aus der Bahn. Seit dem ist er
nicht arbeits­fähig und weil er nicht weiß, ob und wann er ein­er beru­flichen
Belas­tung wieder stand­hält, geht er jet­zt in den einst­weili­gen Ruh­e­s­tand.

Rolf Wis­chnath hat die Öffentlichkeit nie gescheut. Dass sich der Aus­bruch
sein­er Krankheit auch unter den Augen der Öffentlichkeit abspielte, war ein
tragis­ch­er Zufall. Ein Stre­it zwis­chen ihm und der Kirchen­leitung
Berlin-Bran­den­burg über den Umgang der Kirche mit einem ver­meintlichen
Stasi-Ver­dacht gegen den aus West­falen stam­menden Geistlichen, führte zum
Aus­bruch sein­er Erkrankung. «Ein anderes Ereig­nis hätte das auch aus­lösen
kön­nen» , sagt Wis­chnath heute rück­blick­end.

Zwei Monate nach dem öffentlichen Stre­it legte der Präs­es der Syn­ode der
Evan­ge­lis­chen Kirche Deutsch­land, Jür­gen Schmude, einen Bericht vor, wonach
der Ver­dacht gegen Wis­chnath eben­so unbe­grün­det gewe­sen sei, wie dessen
Vor­würfe gegen die Kirchen­leitung. Wis­chnath bedauerte sein Ver­hal­ten, das
von sein­er psy­chis­chen Erkrankung geprägt wor­den war. In zwei Punk­ten hält
der The­ologe jedoch noch heute an sein­er Auf­fas­sung fest. Die Kirchen­leitung
hätte ihn, als der Ver­dacht aufkam, gle­ich ein­wei­hen müssen und hätte sich
keinen Rat beim Ver­fas­sungss­chutz holen dür­fen. Für die Kirche müssten
Kon­tak­te zum Geheim­di­enst, egal zu welchem, generell tabu sein.

Nach The­olo­gi­es­tudi­um und kirch­lich­er Arbeit in Nor­drhein-West­falen war
Wis­chnath 1990 Pfar­rer in Berlin gewor­den. Fünf Jahre später kam er nach
Cot­tbus. «Span­nend und anstren­gend» sei die Zeit in der Lausitz gewe­sen,
sagt er. Weil den Men­schen schwere Verän­derun­gen bei der Gestal­tung der
deutschen Ein­heit zuge­mutet wur­den, es aber span­nend war, diese Ein­heit
mitzugestal­ten. Beein­druckt haben ihn auch die ost­deutschen
Lebens­geschicht­en, mit denen er kon­fron­tiert wurde. «Das hat mein Bild von
der DDR rig­oros verän­dert» , sagt Wis­chnath. Früher habe er geglaubt, die
DDR sei reformier­bar gewe­sen. Erst in der Lausitz habe er gel­ernt, wie
mar­o­de und wie men­schen­ver­ach­t­end sie gewe­sen sei. Einem tra­di­tionellen
Linken wie Wis­chnath muss das schw­er gefall­en sein. Bis Novem­ber 2001 war er
SPD-Mit­glied, als junger Mann Mit­glied im Sozial­is­tis­chen Hochschul­bund und
in der kirch­lichen Friedens­be­we­gung. In diesem Zusam­men­hang war er öfter in
die DDR gereist.

«Mein Leben hier in der Lausitz hat ins­ge­samt eine Dichte gehabt, das hätte
ich im West­en nie gehabt» , sagt Rolf Wis­chnath, der diese Dichte auch
dadurch erzeugte, dass er sich ein­mis­chte. Dabei, so ver­sichert er, habe er
sich fast immer von den Gemein­den in seinem Kirchen­spren­gel unter­stützt
gefühlt. Eine Aus­nahme vielle­icht sein über Essays im Mag­a­zin “Spiegel”
aus­ge­tra­gen­er Dis­put mit dem dama­li­gen Berlin­er Innense­n­a­tor und jet­zi­gen
Bran­den­burg­er Innen­min­is­ter Jörg Schön­bohm (CDU). Das The­ma damals: die
Abschiebung von Asyl­be­wer­bern. Wis­chnath hat­te infrage gestellt, ob
Schön­bohm ob sein­er Aus­län­der­poli­tik noch zum Abendmahl zuge­lassen wer­den
dürfte. Bei einem kurz darauf stattge­fun­de­nen Gespräch in Cot­tbus, so
ver­sich­ern heute bei­de, habe sich per­sön­lich­er Respekt vor einan­der
entwick­elt. Das hielt Wis­chnath nicht davon ab, auch in den fol­gen­den Jahren
immer wieder mit Schön­bohm kon­tro­vers über Kirchenasyl, Abschiebung und
andere Fra­gen des Umgangs mit Flüchtlin­gen zu d isku­tieren. «Ich rechne ihm
hoch an, dass er kür­zlich gesagt hat, wir seien oft ander­er Mei­n­ung, aber
eines Glaubens» , fasst Wis­chnath ihr Ver­hält­nis zusam­men.

Auch über die Ziel­rich­tung und die Auf­gaben des bran­den­bur­gis­chen
Aktions­bünd­niss­es gegen Gewalt, Recht­sex­trem­is­mus und Frem­den­feindlichkeit,
dessen Vor­sitzen­der Wis­chnath seit 2000 war, stritt er mit Schön­bohm. Im
Nach­hinein, so der Kirchen­mann, frage er sich, ob es richtig war, so viel
Mühe und Zeit darin zu investieren: «Ich bin skep­tisch, ob wir damit
wirk­lich eine Bewusst­sein­sän­derung erre­icht haben oder ob nicht Schön­bohm
recht hat­te, der sagte, dass hier das Schw­ert des Rechtsstaates geschwun­gen
wer­den müsse.»

Schön­bohm dage­gen sagt, dass Wis­chnath immer wieder die Bedeu­tung der
Zivilge­sellschaft betont und dadurch das Aktions­bünd­nis entschei­dend
vor­ange­bracht habe. «Er ist ein überzeugter und überzeu­gen­der Gottes­mann, er
war belebend für Bran­den­burg» , so Schön­bohm. Er bedauere sehr, dass
Wis­chnath aus Krankheits­grün­den auss­chei­den müsse.

Zur Wehmut, die sich für Wis­chnath in den Wegzug aus der Lausitz mis­cht,
trägt der Abschied vom Cot­tbuser The­ater bei. Speziell das Musik­the­ater sei
für ihn immer ein Ort der Freude und Entspan­nung gewe­sen. In Güter­sloh, dem
Geburt­sort des Geistlichen, wird er mit sein­er Fam­i­lie in sein Eltern­haus
ziehen. Dort dauer­haft untätig zu sein, kann er sich nicht vorstellen: «Ich
hoffe, dass ich in irgen­dein­er Form noch mal ein kirch­lich­es Amt bekom­men
kann, wenn mein Gesund­heit­szu­s­tand das zulässt.»

Den Lausitzern wün­scht Wis­chnath, dass es mit und nach der EU-Oster­weiterung
einen wirtschaftlichen Auf­schwung in der Region geben möge.

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