10. Mai 2002 · Quelle: berliner zeitung

Ich wollte sie nicht erschrecken”

Ich wollte sie nicht erschrecken”

Prozess wegen Attacke auf türkische Familie

BERNAU. Dro­hbriefe, Angriffe und Beschimp­fun­gen. Der­ar­tiger Attack­en muss sich die deutsch-türkische Fam­i­lie Canay­din erwehren, seit sie im Juli 2001 aus Berlin in ein Häuschen nach Bas­dorf (Barn­im) gezo­gen ist. Die Canay­dins wur­den — wie berichtet — unter Polizeis­chutz gestellt, es gab eine Ein­wohn­erver­samm­lung und die Jus­tiz ver­sprach, die Tat­en rasch zu ahnden.
Und so musste sich am ver­gan­genen Mittwoch im ersten Prozess ein 22-jähriger Mann aus Berlin vor dem Amts­gericht Bernau ver­ant­worten. Doch wie sich her­ausstellte, gehört er wohl nicht zu den Jugendlichen, die der Fam­i­lie das Leben in Bas­dorf absichtlich schw­er machen wollen. 

Ben­jamin D., so for­mulierte es Staat­san­wältin Petra Marx zunächst, soll am 11. März mit seinem Ford auf die Fam­i­lie Canay­din zugerast sein. Nur durch einen Sprung zur Seite hät­ten sich Mut­ter Mar­ti­na Canay­din und ihre drei Töchter vor dem Fahrzeug ret­ten kön­nen. Am Ende der Ver­hand­lung wurde das Ver­fahren gegen den jun­gen Mann wegen Ger­ingfügigkeit eingestellt. Es sei durch einen Täter-Opfer-Aus­gle­ich gelun­gen, in diesem Fall den Rechts­frieden wieder herzustellen, sagte Staat­san­wältin Marx. 

Ben­jamin D. hat­te vor Gericht beteuert, er habe die Canay­dins vor dem 11. März nicht gekan­nt und auch nicht gewusst, dass sie seit Monat­en tyran­nisiert wer­den. An jen­em Tage habe er seine Fre­undin abholen wollen, die in einem Bas­dor­fer Schreib­warengeschäft arbeite. Mar­ti­na Canay­din und ihre Töchter will er nicht am Straßen­rand gese­hen haben, als er mit seinem Wagen “ver­mut­lich wirk­lich zu schnell” um die Kurve gefahren ist. “Ich wollte sie nicht erschrecken.” 

Die Canay­dins erstat­teten damals Anzeige gegen den Fahrer des Fords. Ben­jamin D. musste seinen Führerschein abgeben. Schon wenig später ging er aus eigen­em Antrieb zu den Canay­dins und entschuldigte sich. “Ich kann die Fam­i­lie hun­dert­prozentig ver­ste­hen”, sagte er vor Gericht. Auch er hätte in dieser Lage den Aut­o­fahrer angezeigt. Am Ende des Prozess­es bekam Ben­jamin D. seinen Führerschein wieder — auf Wun­sch der Canaydins. 

Sylvia Hen­ning vom Vere­in “Sprung­brett e. V.” war als Medi­a­torin am Täter-Opfer-Aus­gle­ich zwis­chen der Fam­i­lie und Ben­jamin D. beteiligt. “Der junge Mann hat sich wirk­lich nicht als Täter gefühlt”, sagte sie. Es sei ihm anzurech­nen, dass er ein Gespräch mit der Fam­i­lie gesucht habe. “Die Canay­dins haben zulet­zt gesagt, dass sie wohl keine Anzeige erstat­tet hät­ten, wenn es nicht im Vor­feld die vie­len Über­griffe gegeben hätte”, sagte Sylvia Henning. 

Sie hat inzwis­chen in fast allen Fällen von Angrif­f­en auf die deutsch-türkische Fam­i­lie — nach ihren Angaben sind es sechs oder sieben — einen Täter-Opfer-Aus­gle­ich ver­mit­telt. So etwas führe vor Gericht nicht automa­tisch zur Ein­stel­lung des Ver­fahrens, wirke sich aber strafmildernd aus. “Der Täter hat die Chance, sich zu entschuldigen und das Opfer kann men­schliche Größe zeigen, und die Entschuldigung annehmen”, sagte die Mediatorin. 

Nur in einem Fall ist so ein Tre­f­fen zwis­chen einem der Tatverdächti­gen und den Canay­dins noch nicht zu Stande gekom­men. Aber die Medi­a­torin hofft noch auf eine solche Kon­flik­tlö­sung. Die Mut­ter des jun­gen Mannes saß am Mittwoch zwis­chen den Zuschauern.

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