5. Juli 2005 · Quelle: MAZ

Ideensuche zwischen Beton

(MARLIES SCHNAIBEL, MAZ) BRIESELANG/BERLIN Manch­er fragt offen, manch­er druckst erst ein biss­chen herum: “Ja, sind Sie denn Jude?” “Nö”, antwortet Kay Forster beherzt. Er ist Beisitzer im Vor­stand des Förderkreis­es “Denkmal für die ermorde­ten Juden Europas”. In diesen Vere­in ist er irgend­wie zufäl­lig reinger­at­en — und irgend­wie doch ganz zwin­gend, wenn man sich Kay Forster und seinen Lebensweg anschaut. 

Ungewöhn­liche Wege 

Geboren 1944 im thüringis­chen Apol­da, gab ihm seine Mut­ter nicht einen damals gängi­gen Vor­na­men wie Diet­rich oder Horst, son­dern wählte Kay. Nicht das einzig Ungewöhn­liche an dem Thüringer, der in Apol­da sein Abitur machte. Er unter­nahm seinen ersten Fluchtver­such in Rich­tung West­en, wurde geschnappt, danach war an Studieren nicht mehr zu denken. Forster lernte Indus­triekauf­mann, arbeit­ete in Ost­ber­lin — und unter­nahm seinen zweit­en Fluchtver­such, dies­mal in Form eines Aus­reiseantrages. Daneben machte er das, was ihn seit der Kind­heit an begeis­terte: Er spielte Musik auf den schwarz-weißen Tas­ten, arbeit­ete als Ton­tech­niker in der Klaus-Lenz-Band. All das machte den jun­gen unbe­que­men, lebenslusti­gen Mann bei den besorgten Staat­sor­ga­nen dop­pelt verdächtig. Forster wurde in den Bier­mann-Wirren ver­haftet und wegen “staats­feindlich­er Het­ze in schw­erem Fall” verurteilt. “Wir hät­ten uns zu Hand­langern des Impe­ri­al­is­mus gemacht, argu­men­tierte damals die Rich­terin”, erzählt Kay Forster im Andek­do­ten­ton­fall, “aber damals war uns nicht zum Lachen zu Mute.” 1978 wurde er aus der Haft freigekauft, kam unter der Formel “Fam­i­lien­zusam­men­führung” in den West­en. “In den tief­sten West­en”, sagt Kay Forster und meint Wup­per­tal. Da hielt es ihn nicht lange. Ende 1978 war er wieder in Berlin, dies­mal auf der West­seite. Vier Kilo­me­ter von der alten Woh­nung ent­fer­nt. Beru­flich ver­suchte er sich in der Wer­bung, das gelang, wohl auch, weil Kay Forster ein­er ist, der sich mit voller Kraft für eine Sache einzuset­zen vermag. 

Große Liebe bleibt die Musik 

Aber nicht nur beru­flich strotzt Kay Forster vor Kraft, Elan, Ideen und Humor. Seit mit­tler­weile 25 Jahren spielt er bei der Berlin­er Rock­band “Black­mail”. Briese­lang, wo er nach dem Mauer­fall ein Häuschen im Grü­nen baute — “das war weniger der Stadt­flucht, als vielmehr die Ver­führung durch ein geerbtes Grund­stück mein­er Frau” — machte er nicht nur zur pri­vat­en Wohnin­sel, son­dern hier mis­chte er sich aktiv ein: Im Fördervere­in des Märkischen Kün­stler­hofes tru­gen in den let­zten Jahren viele Ver­anstal­tun­gen, Aktio­nen und Konzepte seine Handschrift. 

Arbeit­sort blieb weit­er Berlin, wo Kay Forster noch heute eine Agen­tur für Außen- und Verkehrsmit­tel­wer­bung betreibt. Sie war es auch, die ihn vor fast zehn Jahren zum Förderkreis “Denkmal für die ermorde­ten Juden Europas” führte. Damals besucht er als Gasthör­er das Insti­tut für Kul­tur- und Medi­en­man­age­ment, das an der Musikhochschule “Hanns Eisler” ange­siedelt war. Zu der Zeit fragte besagter Förderkreis an, ob Stu­den­ten Pro­jek­te erar­beit­en mögen, für Öffentlichkeit­sar­beit, Spende­nak­tio­nen und Mit­gliedergewin­nung. Eine kleine Gruppe, darunter Kay Forster, machte sich daran. Der Förderkreis war von den Vorschlä­gen sehr ange­tan und als seine Vor­sitzende Lea Rosh eines Tages Kay Forster fragte, ob er sich vorstellen kön­nte, im Vor­stand mitzuar­beit­en, da hat er ziem­lich schnell ja gesagt. Ein biss­chen hat er dabei auch an seinen Fre­und Wern­er gedacht, der Auschwitz über­lebt hat. 

Mit der für Kay Forster typ­is­chen Mis­chung aus Elan und Lebenslust stürzte er sich in die Arbeit. Seit Jahren wirbt er für das Denkmal, sam­melt Spenden und überzeugt Mit­stre­it­er. Mehrmals hat er Grup­pen durch das große Ste­len­feld geführt und geduldig deren Fra­gen beant­wortet: Wie groß sind die Ste­len? (Zwis­chen 20 Zen­time­ter und 4,7 Meter); Wie viele Ste­len sind es? (2711); Wie groß ist der Abstand zwis­chen den Ste­len? (95 Zen­time­ter); Was wiegt eine Stele? (Durch­schnit­tlich acht, die größte 16 Tonnen) 

Und Kay Forster weiß auch, dass die tech­nis­chen Para­me­ter schnell abgear­beit­et sind, dass sie den Mord an sechs Mil­lio­nen Men­schen nicht erk­lären kön­nen und dass jed­er Besuch­er seinen eige­nen Weg durch das Denkmal und zu sich find­en muss. Zu diesem Denkmal von Peter Eisen­man, das auch ein Kunst­werk und eine Meta­pher ist, passt kein uni­verseller Interpretationsschlüssel. 

Weit­er­ma­chen für den Raum der Namen 

Und Kay Forster erk­lärt, warum sich der Förderkreis nicht aufgelöst hat, als klar war, das Denkmal wird gebaut und der deutsche Staat bezahlt. “Wir sam­meln weit­er Geld”, sagt er kurz und knapp. Das Geld ist für den Raum der Namen im Ort der Infor­ma­tio­nen unter dem Ste­len­feld. Die Namen von vier Mil­lio­nen ermorde­ten Juden sind bekan­nt, sie wur­den von Yad Vashem in Jerusalem, der wichtig­sten Holo­caust-Gedenkstätte der Welt, gesam­melt und diese Liste wurde erst­mals ein­er anderen Insti­tu­tion zur Ver­fü­gung gestellt. Der Förderkreis set­zt sich dafür ein, dass diese Namen audio­vi­suell auf­bere­it­et wer­den können. 

www.holocaust-denkmal- berlin. de

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