12. März 2003 · Quelle: Jungle World

Im Braunlichtmilieu

Die Staat­san­waltschaft in Frankfurt/Oder ermit­telt gegen einen Nazian­führer wegen des Ver­dachts auf Frauen­han­del.

(Andreas Speit) Bei der Men­schen­ver­ach­tung in dem Geschäft über­rascht es nicht, dass Recht­sex­treme in den Frauen­han­del involviert sind«, sagt der Sprech­er der Staat­san­waltschaft in Frankfurt/Oder. Seit Wochen ermit­telt die Behörde gegen Ernst-August Möller aus Tön­ning bei Husum. Der Tatvor­wurf lautet: »Ein­schleusen von Aus­län­dern«. Denn während das Naz­i­fußvolk »Aus­län­der raus« brüllt, ver­suchen die Anführer offen­sichtlich, aus­ländis­che Frauen in das hiesige Rotlicht­m­i­lieu einzuschleusen.

»Es beste­ht der Ver­dacht auf Frauen­han­del«, heißt es bei der Staat­san­waltschaft. Der 69jährige Möller, ehe­ma­liger Unter­stützer der »NSDAP/Ausland – und Auf­bauor­gan­i­sa­tion« (NSDAP/AO) und früher­er Kreisvor­sitzende der Nation­aldemokratis­chen Partei Deutsch­lands (NPD) im Kreis Nord­fries­land, soll Frauen für das Rotlicht­m­i­lieu über die deutsch-pol­nis­che Gren­ze nahe Frankfurt/Oder gebracht haben. Dabei haben die Ermit­tlungs­be­hör­den Möller offen­bar erwis­cht, und er kam kurzfristig in Haft.

Über den genauen Tather­gang möchte die Staat­san­waltschaft aus »ermit­tlung­stech­nis­chen Grün­den« nichts sagen. Auch zum Stand der Ermit­tlun­gen schweigt sie, denn es werde noch geprüft, ob es sich um die »Einzeltat ein­er Per­son« oder die »Wieder­hol­ung­stat ein­er Gruppe« han­dele.

Es ist nicht das erste Ermit­tlungsver­fahren gegen Möller. Schon Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre beschäftigten seine poli­tis­chen und krim­inellen Aktiv­itäten die Jus­tiz in Schleswig-Hol­stein. Im Jahr 1977 fie­len der dama­lige Land­wirt und Krabben­fis­ch­er und seine kleine Gruppe mit Pro­pa­gan­daak­tio­nen auf. So ver­bre­it­eten sie Aufk­le­ber mit der Botschaft: »Juden raus«. Zwar mussten Möller und weit­ere Per­so­n­en sich im Jahr 1979 vorm Landgericht Flens­burg ver­ant­worten, Möller wurde jedoch freige­sprochen.

Im Sep­tem­ber 1978 über­fie­len Möllers Kam­er­aden Jür­gen Töp­ke und Armin Peil in Husum ein britis­ches Mil­itär­fahrzeug, um Waf­fen zu stehlen. Unbe­hel­ligt erre­icht­en sie mit einem entwen­de­ten Tre­sor Möllers Hof Schrapen­büll. Statt Waf­fen fan­den sie in dem gestohle­nen Panz­er­schrank geheime Doku­mente der Nato, von Tele­fon­lis­ten bis zu Rake­ten­codes.

Mit dem Mate­r­i­al wollte die sech­sköp­fige Nazi­gruppe Rudolf Hess frei­pressen, den ehe­ma­li­gen Stel­lvertreter Adolf Hitlers, der unter alli­iert­er Kon­trolle in Berlin-Span­dau ein­saß. »Tauschen Safe für die Frei­heit Rudolf Hess«, ließen sie als »Wer­wolf Deutsches Reich« per Post die britis­che Armee wis­sen. Als sie keine Antwort erhiel­ten, wandte sich ihr Kam­er­ad Rolf Dieter Böhm an eine Boule­vardzeitung, um die Doku­mente für 10 000 Mark zu verkaufen. Doch er hat­te keinen Erfolg und ver­steck­te die Unter­la­gen auf seinem Ponyre­i­thof Thule bei Gard­ing.

Als im März 1979 die Husumer Gruppe einen Bran­dan­schlag auf eine Freimau­r­erloge in Ham­burg vor­bere­it­ete, wurde Armin Peil die Sache zu heiß, und er wandte sich an die Sicher­heits­be­hör­den. Die Gruppe hat­te vier Tage lang die Loge und die Haus­meis­ter­fam­i­lie auss­pi­oniert, um festzustellen, dass sie drei große Propan­gas­flaschen, 120 Liter Ben­zin und drei elek­trische Zeitzün­der bräucht­en. Der Tod der Fam­i­lie wurde einkalkuliert.

Unter dem Vor­wurf, eine »ter­ror­is­tis­che Vere­ini­gung« gebildet zu haben, nah­men die Staatss­chützer Möller und fünf Mit­glieder der Gruppe fest und durch­sucht­en deren Häuser und Woh­nun­gen. Auf Möllers Hof fand die Polizei Pro­pa­gan­da­ma­te­r­i­al, Waf­fen, Muni­tion und mehrere Bomben­zün­der.

Zuvor war der Gruppe sog­ar ein Bombe­nan­schlag auf die Flens­burg­er Staat­san­waltschaft gelun­gen. Und um »Geld für die Bewe­gung und für Waf­fen zu bekom­men«, berichtete Peil, habe sie auch »21 schwere Dieb­stäh­le« verübt. Bei den Ver­hand­lun­gen vor dem Ober­lan­des­gericht Schleswig und dem Landgericht Flens­burg in den Jahren 1981 bis 1982 stuften die Richter Möller zwar als einen der Anführer der Nazis ein, den­noch kam er mit einem milden Urteil davon. Wegen ver­suchter Nöti­gung und Mitwisser­schaft verurteil­ten ihn die Schleswiger Richter zu ein­er Geld­strafe von 7 200 Mark, die Flens­burg­er Richter ver­hängten eine Geld­strafe von 7 800 Mark wegen Hehlerei und Bei­hil­fe zum Dieb­stahl.

Bis heute scheint Geld aus Möllers krim­inellen Machen­schaften in die »nationale Bewe­gung« zu fließen. »Seine Gesin­nung hat er nicht verän­dert«, erk­lärt der Leit­er des schleswig-hol­steinis­chen Ver­fas­sungss­chutz, Michael Wolf, er sei aber »ja nun älter« und nicht mehr »so aktiv«. »Einzelne Per­so­n­en des recht­en Spek­trums« würde er allerd­ings »pri­vat unter­stützen«.

Bekan­nte Neon­azis wie Heinz Manke wohn­ten auf Schrapen­büll, und bis vor zwei Jahren nutzten Nazis Möllers Hof regelmäßig für ihre Tre­f­fen, wie Anwohn­er berichteten.

Aber nicht nur der Alt­nazi scheint enge Kon­tak­te zum krim­inellen Spek­trum zu haben, son­dern auch einige junge Kam­er­aden. »Wir kön­nen vere­inzelte Verbindun­gen der Kiel­er recht­en Szene zum Rotlicht­m­i­lieu beobacht­en«, erläutert Wolf. Vor allem der Naz­iführer Peter Borchert bewege sich in Schleswig-Hol­stein zwis­chen der braunen Szene und dem Rotlicht­spek­trum, sagt Wolf.

Diese Verbindun­gen wur­den im April des Jahres 2001 erst­mals bekan­nt. Die Naz­iband Kraftschlag sollte bei einem vom Neumün­ster­an­er Naz­izen­trum »Club 88« und der Kiel­er Hooli­gankneipe »Fis­cherk­lausel« ver­anstal­teten Konz­ert in der Disko »Flach« auftreten. Doch das Konz­ert im Rotlichtvier­tel wurde ver­boten. Im Früh­som­mer fan­den dann in Lex­gaard zwei Ersatzver­anstal­tun­gen statt. Die Zuhör­erschaft bestand »sowohl aus Ange­höri­gen des ›Rotlicht-Milieus‹ als auch aus der Skin­head­szene«, heißt es beim Ver­fas­sungss­chutz.

Nach Flug­blat­tak­tio­nen in der Kiel­er Innen­stadt gehen die Freien Nation­al­is­ten um Peter Borchert auch gerne in ein­schlägige Etab­lisse­ments. Solche Bekan­ntschaften dürften es Borchert auch erle­ichtert haben, sich die Schuss­waffe zu besor­gen, die im Jahr 2000 bei ihm sichergestellt wurde.

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