29. Juli 2008 · Quelle: Junge Welt

Im Geiste Filbingers

Stu­dien­zen­trum Weik­er­sheim mit neuem Kopf auf altem Kurs: Per­son­al­ber­ater Bern­hard von Diemer ste­ht rechter Denk­fab­rik vor, Gen­er­al a.D. Jörg Schön­bohm bleibt Vize

Bei der »weg­weisenden deutschen christlichen Denk­fab­rik« Stu­dien­zen­trum Weik­er­sheim (SZW) ist zumin­d­est auf der haus­gemacht­en Inter­net­seite die Zeit ste­henge­blieben. Wer sich dort über die näch­sten Vorhaben der wegen des Rechts­dralls in Ver­ruf ger­ate­nen Ein­rich­tung »zur Bewahrung unverzicht­bar­er Werte aus der christlich-abendländis­chen Tra­di­tion Europas« informieren will, erfährt seit Monat­en nur »Unser Pro­gramm für 2008 ist in Vor­bere­itung«. Es werde veröf­fentlicht, »sobald wir ver­läßliche Infor­ma­tio­nen bere­it­stellen kön­nen«, heißt es da noch Ende Juli. Dazu wer­den alte Zeitungsar­tikel und hau­seige­nen Stel­lung­nah­men aus dem Vor­jahr ange­boten – neben anderen auch die, daß die Bun­desregierung nicht die Absicht habe, die Gemein­nützigkeit des Stu­dien­zen­trums in Frage zu stellen. Spenden bleiben also weit­er von der Steuer abset­zbar, und Staatsknete fließt aus dem Haushalt des ober­sten Ver­fas­sung­shüters Wolf­gang Schäu­ble (CDU) auch weit­er. Denn, so die Haus­mit­teilung: von seit­en der Bun­desregierung kon­nten »keine Anhalt­spunk­te fest­gestellt wer­den, die eine Aberken­nung der Förderung angezeigt erscheinen lassen«.

Anhal­tende Funkstille

Die anhal­tende Funkstille auf der Home­page ist insoweit unver­ständlich, als doch Mitte Juni im Schloß Weik­er­sheim der 30. Jahreskon­greß des Stu­dien­zen­trums stat­tfand. Über dessen Ein­beru­fung war Anfang Mai neb­st Bekan­nt­gabe des The­mas »Gegen die Mei­n­ungs­dik­tatur der Polit­i­cal Cor­rect­ness – Für eine wer­to­ri­en­tierte Demokratie« informiert wor­den. Haup­tre­f­er­ent war der Vizepräsi­dent des SZW und Innen­min­is­ter des Lan­des Bran­den­burg, Jörg Schön­bohm (CDU). Immer­hin ist mit­tler­weile über die Inter­net­seite des Stu­dien­zen­trums zu erfahren, daß es einen Führungswech­sel an der Spitze und einige Verän­derun­gen in der Zusam­menset­zung des Prä­sid­i­ums gegeben hat.

Bern­hard Fried­mann, der von 1976 bis 1990 für die CDU im Bun­destag saß, ist aus dem Präsi­den­te­namt des Stu­dien­zen­trums aus­geschieden. Sein Nach­fol­ger ist der als »freiberu­flich­er Per­son­al­ber­ater« angegebene Bern­hard von Diemer aus König­stein. Sein Name find­et sich in der Führungsspitze der 1985 gegrün­de­ten »Gesellschaft für die Ein­heit Deutsch­lands e.V.«, die »trotz ihrer Nähe zum Recht­sex­trem­is­mus von der Bun­deszen­trale für poli­tis­che Bil­dung als anerkan­nter Bil­dungsträger gefördert wird« (Wikipedia).Vorsitzender dieses Vere­ins ist Gen­eral­ma­jor a.D. Gerd-Hel­mut Komossa. Vor sein­er Tätigkeit als Chef des Amtes für den mil­itärischen Abschir­m­di­enst (MAD) war er Adju­tant des Gen­er­alin­spek­teurs der Bun­deswehr, Admi­ral Armin Zim­mer­mann, und Lehrer an der Führungsakademie der Bun­deswehr in Ham­burg. Seine Büch­er erschienen auch im rechts ange­siedel­ten Ver­lag Stocker/Ares. Die Aus­rich­tung des Vere­ins beschreibt das Berlin­er antifaschis­tis­che Pressearchiv (apabiz) als »geprägt durch strik­ten Antikom­mu­nis­mus vor dem Hin­ter­grund christlich­er Irra­tional­ität, gepaart mit revan­chis­tis­chen und revi­sion­is­tis­chen Posi­tio­nen«. Im Vor­stand tum­meln sich auf­fal­l­end viele Ex-Gen­erale der Bun­deswehr, die immer wieder auf den diversen braunen Hochzeit­en zum Tanze auf­spie­len.

Rechte Kon­ti­nu­ität

Damit ist die rechte Kon­ti­nu­ität der »Denk­fab­rik der deutsch-nationalen Szene« (Stern) im Geiste des Mannes gesichert, der das Stu­dien­zen­trum Weik­er­sheim 1979 gegrün­det hat­te und noch, neb­st Kon­ter­fei, bei der Ein­ladung zum 30. Jahreskon­greß auf der Vor­stand­sliste als Ehren­präsi­dent zu find­en war: Hans Fil­binger, der dem faschis­tis­chen Regime noch nach der Kapit­u­la­tion als »furcht­bar­er Jurist« gedi­ent hat­te und der lange Jahre als Min­is­ter­präsi­dent das Land Baden-Würt­tem­berg regieren kon­nte. Der derzeit­ige Regierungschef in Stuttgart, Gün­ther Oet­tinger (CDU), hat­te den im ver­gan­genen Jahr Ver­stor­be­nen in einem Staat­sakt am 1. April 2007 als »Geg­n­er des Regimes« gewürdigt. Nun haben die Vater­mörder ihr Werk getan: In der aktuellen Liste ist Fil­bingers Name nicht mehr zu find­en. Auch Philipp Jen­ninger (CDU), ehe­mals Bun­destagspräsi­dent, und der säch­sis­chen »Bürg­er­rechtler« und Bun­destagsab­ge­ord­nete Arnold Vaatz (CDU) sind aus­geschieden.

Die kos­metis­che Oper­a­tion kann – ein Blick auf die Namen des Prä­sid­i­ums schafft da Klarheit – nicht darüber hin­wegtäuschen, daß im Tauber­tal der alte Geist weit­er herrscht. Das hat der als Vizepräsi­dent wiedergewählte Schön­bohm in sein­er Grund­satzrede »Demokratie und Polit­i­cal Cor­rect­ness« nach­drück­lich demon­stri­ert (siehe unten). Als Vizepräsi­dent bestätigt wurde auch Klaus Hor­nung, der seine Fed­er per­ma­nent gegen den Antifaschis­mus wet­zt und bedauert, daß »Deutsch­land­feindlichkeit und Inter­na­tion­al­is­mus nicht sank­tion­swürdig« seien. Im Prä­sid­i­um sitzt weit­er­hin Ste­fan Win­kler, mit dem ver­fas­sungss­chutz­na­hen Anti-Antifa-Experten Hans Hel­muth Knüt­ter Her­aus­ge­ber des Ban­des »Hand­buch des Link­sex­trem­is­mus«. Beisitzer Andreas Graudin knüpft die Fäden zum »Forschungsver­bund SED-Staat« an der Berlin­er Freien Uni­ver­sität. Der Name des wiedergewählten SZW-Beisitzers Lien­hard Schmidt ist unter den 25 Unterze­ich­n­ern der Sol­i­dar­itäts­bekun­dung für den wegen anti­semi­tis­ch­er Äußerun­gen aus der CDU aus­geschlosse­nen Mar­tin Hohmann zu find­en. Den Sprung ins Präsi­dium schaffte auf Anhieb der 36jährige Tübinger Rechtswis­senschaftler Arnd Diringer, der im ver­gan­genen Jahr Mit­glied des SZW gewor­den war, »um ein Sig­nal zu set­zen«. Mit ein­er vehe­menten Rede gegen das Gle­ich­stel­lungs­ge­setz als »Weg zum Total­i­taris­mus« hat­te er seinen Ein­stand ins Stu­dien­zen­trum gegeben.

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