29. Juli 2003 · Quelle: TAZ

Im Vertrag steht Mietzweck “Bandproben”


Eisen­hüt­ten­stadt ver­mi­etet einen Prober­aum an eine Neon­azi-Band. Ein Jahr passierte nichts. Laut Polizei waren am Sam­stag laute “Heil Hitler”-Rufe zu hören. Nun will die Stadtver­wal­tung über eine Kündi­gung zumin­d­est nachdenken

(TAZ, 25.7.03, von Heike Kleffn­er) Beim Liegen­schaft­samts der Stadtver­wal­tung Eisen­hüt­ten­stadt gibt man den Vogel Strauß. Recht­sex­trem­is­ten? Polizeiein­satz? In einem städtis­chen Objekt? “Ich weiß davon gar nichts”, heißt es dort stereo­typ auf Fra­gen nach den derzeit umstrit­ten­sten Mietern ein­er städtis­chen Liegen­schaft in der Stahlstadt. 

“Kon­tra” nen­nt sich das Quar­tett von Anfang 20-jähri­gen Bilder­buch-Naziskins, das seit über einem Jahr in der geräu­mi­gen Baracke in der Nähe des EKO-Stahlw­erks probt. Im Inter­net präsen­tiert sich die Band mit ein­er eige­nen Home­page und ein­er Demo-CD zum Herun­ter­laden. Diese offeriert Gesin­nungs­fre­un­den mit Titeln wie “Wir sind stolz” oder “Sitte&Anstand” offen recht­sex­treme Texte. Auf Fotos beken­nen sich die Band­mit­glieder offen­siv zu ihren musikalis­chen Vor­bildern — der Neon­az­iband Landser, der zurzeit wegen des Vor­wurfs der “Bil­dung ein­er krim­inellen Vere­ini­gung” in Berlin der Prozess gemacht wird. 

Für Recht­sex­trem­is­mu­s­ex­perten gehören Kon­tra eben­so wie die Neon­az­iband Weor aus dem benach­barten Frank­furt (Oder) zu den­jeni­gen lokalen Rechts-Rock-Bands, “die zum wichti­gen Kristalli­sa­tion­spunkt der recht­en Szene vor Ort gewor­den sind”, so Paul Rothe vom Sprecher­rat der “Aktion Courage” in Eisen­hüt­ten­stadt. In dem Prober­aum hät­ten zudem auch Par­tys und kleinere Konz­erte stattge­fun­den, sodass sich die städtis­che Baracke seit län­gerem zum Anlauf­punkt für den harten Kern der Recht­sex­trem­is­ten sowie zur “Schnittstelle zwis­chen rechts ori­en­tiert­er und unpoli­tis­ch­er Jugend­szene” entwick­elt habe. 

Ver­gan­genen Sam­stag fan­den sich zu ein­er “öffentlichen Probe” von Kon­tra drei Dutzend Män­ner — vom Teenag­er bis zum 46-Jähri­gen — in der städtis­chen Baracke ein. Glaubt man der Polizei, sollen dabei Rufe wie “Hier marschiert die SA”” und “Heil Hitler!” bis zur Straße zu hören gewe­sen sein. Grund genug für die Polizeison­dere­in­heit “Mobile Ein­satz­gruppe gegen Gewalt und Aggres­sion” (Mega), einzuschre­it­en und ein knappes Dutzend Per­son­alien festzustellen. 

Bei der Stadtver­wal­tung heißt es, der Mietver­trag für die umstrit­tene Baracke sei mit Pri­vat­per­so­n­en abgeschlossen wor­den, die als Miet­zweck “Band­proben” angegeben hät­ten. Nach­dem die Stadt von den recht­en Inhal­ten erfahren habe, sei inten­siv mit den Sicher­heits­be­hör­den zusam­mengear­beit­et wor­den. Bis­lang sei es aber schwierig gewe­sen, den Mietver­trag zu kündi­gen. Nun allerd­ings über­lege man, die Band vor die Tür zu setzen. 

“Darüber ist schon ein Jahr erfol­g­los nachgedacht und debat­tiert wor­den”, kri­tisiert Paul Rothe von der Aktion Courage. Man könne sich nicht “Stadt ohne Ras­sis­mus” nen­nen und sich gle­ichzeit­ig vor “unbe­que­men Entschei­dun­gen drücken”.

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