11. September 2005 · Quelle: MAZ

Intimes Krisenmanagement

(MAZ, 9.9.) ORANIENBURG 30 Jahre lang habe er sich argu­men­ta­tiv und ratio­nal damit
beschäftigt, aufzuzeigen, wie mit dem Holo­caust umge­gan­gen wird. “Es war
für mich an der Zeit, dies nun auch mit Seele und Gefühl aus­drück­en zu
kön­nen.” Mit seinem Debütro­man “Kad­disch vor Mor­gen­grauen” hat Michel
Fried­man dies ver­wirk­licht. Am Mittwochabend stellte der Recht­san­walt und
ehe­ma­lige stel­lvertre­tende Vor­sitzende des Zen­tral­rats der Juden sein Werk
in der Oranien­burg­er Orangerie vor. Knapp 100 Zuhör­er waren zu der Lesung
erschienen. 

“Das Glück ist ein kurz­er Besuch­er im Ghet­to.” Michel Fried­man zeichnet
die Schreck­en der Shoa aus der Sicht der Kinder­gen­er­a­tion. Protagonist
Julian erzählt am Bett seines Sohnes von der Geschichte sein­er Eltern
Ariel und Sarah. Bei­de haben den Holo­caust über­lebt, kön­nen die
fürchter­lichen Erleb­nisse aber nicht abstreifen. “Trau­rigkeit, ewige
Trau­rigkeit ist eine furcht­bare Krankheit”, kon­sta­tiert Julian, der sich
nicht von der Schw­er­mut der Eltern befreien kann. 

Immer wieder ver­ar­beit­et Fried­man auch eigene Erfahrun­gen in seinem Roman.
“Schreiben ist die still­ste und intim­ste Form, um Krisen zu bewältigen”,
so der Autor. Die Arbeit an seinem Buch begann Fried­man in ein­er Phase, in
der “ich Mist gebaut hat­te”. Im Juni 2003 wurde gegen ihn wegen
Kokain-Besitzes ermittelt. 

In der Diskus­sion mit Bürg­er­meis­ter Laesicke und Zuhör­ern im Anschluss an
die Lesung appel­lierte Fried­man, mehr Mut zu Indi­vid­u­al­ität und
Diskus­sions­bere­itschaft zu zeigen. Bedächtig wählte er seine Worte, machte
Pausen, erregte sich. “Man hat sich heute schon wieder an zu vieles
gewöh­nt. Die NPD sitzt in Stadträten, in Vere­inen — der Schreck­en hat ein
men­schlich­es Antlitz bekommen.” 

Den­noch habe sich die BRD ins­ge­samt offen­er, tol­er­an­ter entwickelt.
“Obwohl sich mitunter selb­st Deutsche und Deutsche fremd sind. Diese
schreck­lichen Begriffe von Ossis und Wes­sis.” Ange­sprochen auf seinen im
Jan­u­ar 2005 gebore­nen Sohn, erk­lärte Fried­man, dass er natür­lich auch ihm
vom Holo­caust erzählen werde, “genau­so wie von der Liebe oder Napoleon”.
Ger­ade durch seinen Sohn erwarte er die Zukun­ft mit Span­nung: “Wir sind
800 Mil­lio­nen Men­schen in Europa — warum sollen wir′s uns nicht gut
machen?”

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