4. Februar 2004 · Quelle: Tagesspiegel

Juden als menschliche Versuchsobjekte im KZ

Saul Oren — ein Opfer erin­nert sich, wie NS-Ärzte an ihm und anderen 14-Jähri­gen grausame medi­zinis­che Exper­i­mente machten

(Tagesspiegel, Thomas Kun­ze) Oranien­burg. “Hier war es”, sagt Saul Oren aufgeregt. 

Dem 74-Jähri­gen ist anzumerken, dass er nichts aus jen­er Zeit im
Konzen­tra­tionslager Sach­sen­hausen jemals vergessen kann. Er war damals 14
Jahre alt. “Dort hat­te der Lager­arzt Baumköt­ter sein Büro, und dort in Stube
51 lebten wir”, deutet er auf die lang gezo­ge­nen Barack­en des
Kranken­re­viers. “Wir” — das waren Saul Oren und zehn weit­ere jüdis­che Kinder
und Jugendliche, die 1943 aus dem Ver­nich­tungslager Auschwitz nach
Sach­sen­hausen gebracht wur­den. Die Ret­tung vor dem sofor­ti­gen Tod in den
Gaskam­mern ver­danken sie allein der Tat­sache, dass sie von den Nazis für
medi­zinis­che Ver­suche miss­braucht wurden. 

In den vom übri­gen Lager abgeschirmten Barack­en nahm der Wehrma­chtarzt Dr.
Arnold Dohmen mit Genehmi­gung des Reichs­führers SS, Hein­rich Himm­ler, an den
“Elf von Auschwitz” medi­zinis­che Exper­i­mente vor. “Erst lange Zeit nach dem
Krieg erfuhr ich, dass in Sach­sen­hausen Hepati­tis-Impf­stoffe an uns
aus­pro­biert wur­den”, erzählt Saul Oren. Die Flüs­sigkeit­en, die den Kindern
immer wieder in Muskeln, Adern und Darm gespritzt wur­den, lösten
Fieber­schübe und Schwächean­fälle aus. “Wir wussten, welch furchtbare
Exper­i­mente in den KZ gemacht wur­den. Wir hat­ten in Sach­sen­hausen kastrierte
jüdis­che Jun­gen getrof­fen und fragten uns, welche Fol­gen die Ver­suche bei
uns haben wür­den.” Zugle­ich mussten die Kinder mit der Trauer um ihre in
Auschwitz ermorde­ten Fam­i­lien und ein­er all­ge­gen­wär­ti­gen Tode­sangst leben.
“Wir wussten, dass auch wir zum Tode Verurteilte waren. Wir zit­terten jeden
Tag vor der SS”, sagt Oren. “Wir hat­ten keinen Zweifel, dass sie uns am Ende
als Zeu­gen ihrer Tat­en umbrin­gen würden.” 

Im Feb­ru­ar 1945, als die sow­jetis­che Armee schon an der Oder stand, brachte
die SS täglich Kranke in den Gaskam­mern um. “Eines Tages erhiel­ten auch wir
den Befehl, uns den Kranken anzuschließen und durch das Tor des Todes zu
gehen. Das also war unser Ende”, sagt Saul Oren leise. 

Doch im let­zten Moment kam ein Gegen­be­fehl. Erst Jahrzehnte später sollte er
erfahren, dass er und die anderen ihre Ret­tung drei Nor­wegern verdankten,
die als Häftlingsärzte und ‑pfleger im Kranken­re­vi­er arbeit­eten. Sie hatten
bei Lager­arzt Baumköt­ter für die jüdis­chen Kinder inter­ve­niert und
behauptet, diese wür­den noch für weit­ere Exper­i­mente gebraucht. 

“Lagerärzte wirk­ten ent­ge­gen dem medi­zinis­chen Ethos an fast allen Morden
und Massen­mor­den in der NS-Zeit mit, an Hin­rich­tun­gen und Ver­ga­sun­gen”, sagt
der Direk­tor der Stiftung Bran­den­bur­gis­che Gedenkstät­ten, Gün­ter Morsch. “In
Sach­sen­hausen gab es, wie mehrjährige Forschun­gen zeigen, mehr als 20
Ver­such­srei­hen, bei denen die Opfer große Schmerzen erdulden mussten.” So
wurde zum Beispiel Saul Oren bei Bewusst­sein an der Leber punk­tiert. “Dohmen
machte dazu in der Leberge­gend einen Ein­schnitt, zeigte mir eine große Nadel
und sagte: “Du musst während des Ein­stichs den Atem anhal­ten, son­st wirst Du
ster­ben.” Danach war ich vor Schmerzen und vor Angst sehr geschwächt.” Am
21. April ver­ließen die jüdis­chen Kinder mit mehreren Häftlingskolon­nen das
Lager und wur­den von SS-Män­nern in Rich­tung Nor­den getrieben. “Der
Todes­marsch dauerte zwölf Tage nahezu ohne jegliche Nahrung”, erin­nert sich
Oren. In Lübeck wur­den sie von den Englän­dern befre­it. Saul ging mit
franzö­sis­chen Häftlin­gen nach Frankre­ich, studierte später und wurde
Inge­nieur. In den 70er Jahren siedelte er mit sein­er Frau und den Kindern
nach Israel über. 

“In beina­he allen größeren KZ wur­den Exper­i­mente an Men­schen durchgeführt”,
sagt die His­torik­erin Astrid Ley. “Der Tod der Häftlinge wurde in Kauf
genom­men oder war Teil des Exper­i­ments. Das gehörte zur
nation­al­sozial­is­tis­chen Poli­tik der total­en Ver­w­er­tung und Vernichtung
ganz­er Men­schen­grup­pen.” Am 7. Novem­ber wird in den orig­i­nal­ge­treu sanierten
Revier­barack­en die Ausstel­lung “Medi­zin und Ver­brechen” eröffnet. “Damit
soll ein Beitrag dazu geleis­tet wer­den, die Opfer der NS-Medi­zin in
Sach­sen­hausen in Erin­nerung zu behal­ten”, betont Stiftungs­di­rek­tor Morsch.

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