26. Oktober 2007 · Quelle: Junge Welt

»Junge müssen mehr einbezogen werden«


Das zweite deutsche Sozial­fo­rum in Cot­tbus wird als erfol­gre­ich bew­ertet. Ein Gespräch mit Mar­i­on Scheier. Mar­i­on Scheier ist Vor­sitzende der DGB-Region Südbrandenburg/Lausitz und gehörte zu den Organ­isatoren des zweit­en Sozial­fo­rums in Deutsch­land, das am Woch­enende in ­Cot­tbus stat­tfand.

Das Sozial­fo­rum sei eine bloße Sim­u­la­tion von Bewe­gung gewe­sen, hat­te der jW-Berichter­stat­ter am Mon­tag resümiert …

Das sehe ich ganz anders. Für unsere Region hier kann ich sagen, daß es eine Annäherung der Gew­erkschaften und der sozialen Bewe­gun­gen gegeben hat, daß die Zusam­me­nar­beit verbessert wurde. Das hat sich auch auf der soge­nan­nten Ver­samm­lung der sozialen Bewe­gun­gen zum Abschluß des Forums gezeigt. Auf dieser wur­den The­men verabre­det, mit denen man sich in näch­ster Zeit gemein­sam beschäfti­gen will: Kli­ma, glob­ale soziale Rechte, G 8, Europa, Tar­ifrunde und öffentlich­er Dienst, Hartz IV und das Recht auf Wohnen, das The­ma gute Arbeit und Min­dest­lohn, Bil­dung, Pri­vatisierung und die Frage der Mil­itärstützpunk­te. Die Ver­samm­lung hat sich zum Beispiel für eine bun­des- und €paweite Kam­pagne gegen die Rat­i­fizierun­gen des »EU-Refor­mver­trags« aus­ge­sprochen.

Wur­den auch konkrete Aktio­nen verabre­det?

Ja. Am 26. Jan­u­ar wird es einen weltweit­en glob­alen Aktion­stag geben, sozusagen als Ersatz für das Welt­sozial­fo­rum, das 2008 nicht stat­tfind­en wird. An diesem Tag soll es dezen­tral in den Städten Ver­anstal­tun­gen geben; für den 25. Novem­ber ist in Berlin ein zen­trales Vor­bere­itungstr­e­f­fen für diese Aktio­nen geplant.

All­ge­mein waren wir uns in Cot­tbus einig, daß die bun­desweit­en Sozial­foren ein kon­tinuier­lich­er Prozeß sein soll­ten. Ich hoffe daher, daß wir mit der Zusam­me­nar­beit und der Vor­bere­itung des näch­sten Forums sofort weit­er­ma­chen und nicht erst ein Jahr ver­stre­ichen lassen.

Schon beim ersten Forum vor zwei Jahren in Erfurt war die man­gel­hafte Ein­bindung der örtlichen Sozial­foren beklagt wor­den, von denen es einige Dutzend in Deutsch­land gibt. Dies­mal scheint es noch schlechter gelaufen zu sein.
Ich kann da nicht für das ganze Bun­des­ge­bi­et sprechen, aber hier in der Region haben wir zum Beispiel die Grup­pen mit ein­be­zo­gen, die sich aus den Mon­tags­demon­stra­tio­nen entwick­elt haben.

Eine andere Kri­tik lautet, daß in Cot­tbus nur ver­gle­ich­sweise wenig junge Men­schen waren, daß diejeni­gen fehlten, die im Som­mer die Proteste gegen den G‑8-Gipfel getra­gen hat­ten.

Ich kann es mir eigentlich nicht erk­lären. Ich weiß aus eigen­er Erfahrung, daß junge Leute poli­tisch aktiv sind und es immer nur so scheint, daß sie sich nicht inter­essieren.

Offen­bar haben die alten Organ­i­sa­tio­nen wie Gew­erkschaften, Friedens­be­we­gung und andere, die das Forum organ­isiert hat­ten, ein erhe­blich­es Prob­lem, jün­gere Men­schen anzus­prechen.

Es ist vielle­icht auch die Diskus­sion­skul­tur, die sich ändern müßte. Wenn ich mir unsere Gew­erkschaftsver­anstal­tun­gen anschaue, dann sitzt vorne ein Ref­er­ent, und das Pub­likum stellt die Fra­gen. Ich denke, daß es wichtiger ist, daß man voneinan­der lernt und auf diesem Wege die Jun­gen mehr ein­bezieht.

Ein Grund, das Sozial­fo­rum in Cot­tbus abzuhal­ten, war die Nähe zu Polen und der Tschechis­chen Repub­lik. Was hat die Beteili­gung aus diesen Län­dern gebracht?
In ver­schiede­nen Ver­anstal­tun­gen hat sich gezeigt, daß sich die Prob­leme immer mehr ähneln, und daß soziale Stan­dards ein wichtiger Bestandteil des €päis­chen Eini­gung­sprozess­es sein müssen. Es wird ja, wenn es um die EU geht, immer die Wirtschaft in den Vorder­grund gestellt. Ich meine hinge­gen, daß die soziale und ökol­o­gis­che Entwick­lung immer mitgedacht wer­den muß. Am Son­ntag hat­ten wir zum Beispiel noch eine Ver­anstal­tung zum The­ma Min­dest­lohn, zu der auch Kol­le­gen aus Polen, Tschechien und Öster­re­ich gekom­men waren. Solche gemein­samen Diskus­sio­nen sind gut, um ein gegen­seit­iges Ver­ständ­nis zu entwick­eln. Unter anderem kon­nten wir sehen, daß es ander­swo sehr wohl Min­destlöhne gibt und man sich fra­gen muß, weshalb es hier nicht gehen soll. Ich denke, daß es wichtig ist, daß sich die sozialen Bedin­gun­gen in Europa annäh­ern, damit wir nicht mehr gegeneinan­der aus­ge­spielt wer­den kön­nen.

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