3. November 2008 · Quelle: Junge Welt

»Kampfansage an alle Gegner des Bombodroms«

Ein Gespräch mit Bar­bara Lange:
Bar­bara Lange ist Sprecherin der Aktion­s­ge­mein­schaft Freier Him­mel e. V., die seit 2002 die Proteste in Meck­len­burg-Vor­pom­mern gegen eine mil­itärische Nutzung der Kyritz-Rup­pin­er-Hei­de organ­isiert

Am Woch­enende wur­den Pläne pub­lik, wonach die Bun­deswehr das Bom­bo­drom bei Witt­stock im Nor­den Bran­den­burgs kün­ftig nicht nur als Bomben­ab­wurf­platz, son­dern auch als Übungs­gelände für Boden­trup­pen nutzen will. Ihnen liegt das Pla­nungspa­pi­er der Hardthöhe vor. Was ste­ht drin?

Beson­ders alarmierend ist die Fest­stel­lung, daß die Exis­tenz des Bun­deswehr­stan­dorts Sanitz/Bad Sülze in Nord­pom­mern wesentlich bes­timmt sei durch die Übungsmöglichkeit­en auf dem Bom­bo­drom. Genau­so erschüt­ternd ist für uns die Bezug­nahme auf den Stan­dort Laage, wo man bekan­ntlich 36 Eurofight­er sta­tion­ieren will. Auch die sollen ange­blich nur effizient üben kön­nen, wenn ihnen das Bom­bo­drom zur Ver­fü­gung ste­ht.

War es nicht abse­hbar, daß umliegende Stan­dorte ins Nutzungskonzept des Bom­bo­droms ein­be­zo­gen wer­den sollen?

Nicht alles ist neu an dem Pla­nungspa­pi­er, auch das Vorhaben, bis zu 1000 Mann starke Boden­trup­pen trainieren zu lassen, hat­te sich bere­its herumge­sprochen. Daß die Exis­tenz ander­er Stan­dorte aber von der Inbe­trieb­nahme des Bom­bo­droms abhän­gen würde, davon war niemals die Rede. Das ist eine mas­sive Dro­hung in Rich­tung Lan­desregierung, ihren Protest gegen die mil­itärische Nutzung aufzugeben. Wenn nicht, so die Botschaft, kön­nte näm­lich auch die Nutzung Laages als zivil­er Flughafen ein Ende haben, und das Land wäre um einen Wirtschafts­fak­tor und etliche Arbeit­splätze ärmer. Daß es soweit kommt, glaube ich nicht. Ich habe eher den Ver­dacht, daß das Junk­tim zwis­chen Witt­stock, Laage und Bad Sülze nur kon­stru­iert ist, um den Druck auf die Lan­despoli­tik zu erhöhen.

Kün­ftig soll Witt­stock sog­ar zum zen­tralen Übungsplatz der NATO in West€pa aus­ge­baut wer­den. Beugt sich die Bun­desregierung damit ihrer­seits inter­na­tionalem Druck?

Auch wenn dem so sein sollte, darf das die Protest­be­we­gung nicht beein­druck­en. Im Gegen­teil: Daß Witt­stock nun offen­bar mit aller Macht und gegen den Protest der Lan­despar­la­mente und ‑regierun­gen der drei Anliegerlän­der Berlin, Bran­den­burg und Meck­len­burg-Vor­pom­mern durchge­set­zt wer­den soll, ist eine Kamp­fansage an alle Geg­n­er. Witt­stock wird dargestellt als das einzi­gar­tige und ide­ale Gelände, auf dem, so wörtlich, »uneingeschränkt« bei Tag und bei Nacht geübt wer­den kann. Es würde also nicht nur die geplanten 1700 Luftein­sätze jährlich geben, dazu würde auch noch am Boden kräftig gefight­et. Das ist ein Hor­rorszenario.

Aber warum das Ganze? Schließlich schöpft die Bun­deswehr ihre Übungska­paz­itäten im Aus­land nur zu einem Vier­tel aus.

Über solche Fak­ten schweigen sich die Ver­ant­wortlichen aus. So auch darüber, daß die deutsche Luft­waffe ihren Übungs­be­trieb in Goose Bay in Kana­da vor drei Jahren nicht wegen Geld­man­gels eingestellt hat, son­dern weil die dort geübten Ein­satzszenar­ien nicht mehr zeit­gemäß waren. Um Sinn oder Unsinn geht es aber nicht. Es gibt ein­fach den unbe­d­ingten Willen der Bun­deswehr und des Vertei­di­gungsmin­is­teri­ums, Witt­stock zum zen­tralen Übungsplatz für nationale und inter­na­tionale Trup­pen auszubauen.

Das Bun­desvertei­di­gungsmin­is­teri­um hat das umge­hend demen­tiert. Was hal­ten Sie davon?
Getretene Hunde jaulen auf. Das Min­is­teri­um hat allerd­ings lediglich eine erweit­erte Nutzung bestrit­ten, nicht aber, das Gelände zum nationalen und inter­na­tionalen Übungsplatz machen zu wollen. Eben­so wenig wurde der Darstel­lung wider­sprochen, daß Laage und andere Stan­dorte mit Witt­stock ste­hen und fall­en. Das ange­bliche Demen­ti ist mit größter Vor­sicht zu genießen.

Das Oberver­wal­tungs­gericht Berlin-Bran­den­burg wird Mitte 2009 über die Nutzung des Gelän­des entschei­den. Baut der Vertei­di­gungsmin­is­ter schon für ein gün­stiges Urteil vor?

Im Gegen­teil: Er hat Angst vor der abse­hbaren Nieder­lage. Deshalb liefert er jet­zt rei­hen­weise neue Begrün­dun­gen nach, die er bei früheren Ver­hand­lun­gen schuldig geblieben war. Dabei wurde uns sog­ar seit­ens des Min­is­teri­ums wieder­holt bestätigt, daß es ohne Witt­stock kein Sicher­heit­srisiko für Deutsch­land gibt. Daran hat sich nichts geän­dert.

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