28. Juni 2002 · Quelle: taz

Kein bisschen zu Hause

Wenige Spä­taussiedler hal­ten es im Land Brandenburg
länger als drei Jahre aus. Kon­tak­te zu Einheimischen
aufzubauen ist schwierig, und Arbeit gibt es kaum. Ein
Besuch in Neuruppin

(Christoph Schulze) Es ist Nach­mit­tag und die Sonne scheint durch
die Gar­di­nen in den zweit­en Stock im
Fam­i­lien­zen­trum im nordbrandenburgischen
Neu­rup­pin. Die Ein­rich­tung des Zim­mers ist so
typ­isch deutsch, dass es sich fremd anfühlt. Es
ist das erste Mal, dass hier ein Nach­mit­tag für
die Aussiedler Neu­rup­pins stat­tfind­en soll, und
Organ­isatorin Gali­na Güthenke, 33, hat sich alle
Mühe gegeben: Spiel­sachen für die Kinder
liegen auf dem dick­en Tep­pich bere­it, ein
Video in rus­sis­ch­er Sprache läuft im Fernsehen,
um die Kaf­fee-und-Kuchen-Tafel stehen
biedere Sofas. 

Nur: Die Rus­s­land­deutschen fehlen. Lediglich
drei oder vier sind gekommen.
Schätzungsweise leben 900 im Landkreis
Ost­prig­nitz-Rup­pin, genaue Zahlen kennt
nie­mand, da Aussiedler in den Sta­tis­tiken nicht
geson­dert aufge­führt sind. “So ein Tre­ff muss
sich erst herum­sprechen”, sagt Güthenke
opti­mistisch, während sie Kaf­fee eingießt und
rus­sis­che Süßigkeit­en anbi­etet. Sie selb­st ist
Ukrainer­in, seit neun Jahren in Deutsch­land und
als SAM-Kraft im Fam­i­lien­zen­trum angestellt.
Aus eigen­er Erfahrung ken­nt sie die
Schwierigkeit­en ihrer Klien­tel, sich in einem
Deutsch­land zurechtzufind­en, das wenig mit
ihrem urspünglichen Deutsch­land­bild zu tun
hat. Da gab es diesen jun­gen Kerl, der ankam
und stolz alle möglichen Volk­slieder rauf und
runter sin­gen kon­nte, und Goethe kon­nte er
auch zitieren. Trotz­dem gelingt es ihm bislang
nicht, Fuß zu fassen: kein ausreichendes
Deutsch für einen Job, Sozial­hil­fe, zu Hause
sitzen, mis­strauis­che Blicke von den Leuten in
der Nachbarschaft. 

Plöt­zlich kommt ein Mann in das
Fam­i­lien­zen­trum geschneit, und augenblicklich
wird Gali­na Güthenke zur Kaffee-Eingießerin
degradiert. Michael Möbius ist — auch auf
SAM-Basis angestellt — als Net­zw­erk­man­ag­er im
Kreis­sozialamt für Aussiedler­fra­gen zuständig.
Den Ter­min wollte er nicht ver­passen und freut
sich sichtlich über die Pressepräsenz. “Viele
Spä­taussiedler gehen ganz schnell nach ihrer
Ankun­ft hier weg in die westlichen
Bun­deslän­der, wo sie Ver­wandte haben und
wo es Arbeit­splätze gibt”, referiert er aus dem
Stand. “Nur 30 Prozent der uns zugewiesenen
sind nach drei Jahren noch hier.” Wirkliche
Inte­gra­tion sei so schw­er mach­bar. Auch werde
seine Arbeit von manchen Behör­den torpediert,
sagt Möbius. Doch es gebe dur­chaus auch
pos­i­tive Beispiele: “Ein Russlanddeutscher,
studiert­er Biolo­gielehrer, hat sich
gewis­ser­maßen hochgear­beit­et. Der ist jetzt
Chauf­feur vom Landrat.” 

In der Zeit, in der Net­zw­erk­man­ag­er Möbius
gere­det hat, ist ein junges Paar in das Zimmer
gekom­men und schaut sich ein
englis­chsprachiges Foto­buch über die
Schön­heit­en Kiews an. Seit knapp einem
hal­ben Jahr wohnen Dim­itrij und Vik­to­ria Gert in
Neu­rup­pin, vor einem Jahr kamen sie in die
Bun­desre­pub­lik. Den 900-stündigen
Sprachkurs haben sie absolviert, trotz­dem ist
die Hil­fe von Gali­na Güthenko nötig, um sich
mit den bei­den zu unter­hal­ten. Erstes Thema:
die Fußball-WM. “Als Rus­s­land spielte, war ich
für Rus­s­land, wenn Deutsch­land spielt, bin ich
für Deutsch­land”, sagt Dim­itrij, Jahrgang 1976,
und fügt hinzu: “In mein­er Brust schlägt ein
Dop­pel­herz.” Er wirkt schüchtern, erzählt wenig
und leise, schaut lieber auf den Teller vor sich
als seinen Gesprächspart­nern ins Gesicht.
Seine Frau Vik­to­ria redet, so gut es geht,
deutsch. Aus Sim­fer­opol in der Krim stammen
bei­de, er hat deutsche Wurzeln, sie nicht. “1993
haben wir uns ken­nen gel­ernt, eine Fre­undin hat
uns verkup­pelt”, lacht die 23-Jährige. 1995
fol­gte die Heirat, vor drei Jahren kam Sohn
Daniel zur Welt. 

Und vor einem Jahr fäll­ten die bei­den die
Entschei­dung, nach Deutsch­land zu gehen.
“Viele Ver­wandte waren schon hier, das Leben
ist wirtschaftlich gese­hen viel leichter als in der
Ukraine”: Wie die meis­ten Spä­taussiedler der
let­zten Jahre kamen Dim­itrij und Vik­to­ria Gert
weniger auf der Suche nach einer
ursprünglichen Heimat, son­dern aus
ökonomis­chen Grün­den nach Deutsch­land. Es
fiel nicht leicht, alles aufzugeben. Doch in den
Briefen der Ver­wandten stand vieles Gute über
die Bun­desre­pub­lik. Die Prob­leme wur­den nicht
erwäh­nt. “Wir hät­ten nie gedacht, dass es so
schw­er ist mit der Sprache”, sagt Vik­to­ria, “und
wir wür­den gerne arbeit­en und nicht immer nur
zu Hause sitzen.” Sie hat in der Ukraine eine
EDV-Aus­bil­dung gemacht, er verkaufte
Heizun­gen. Jet­zt lebt das Ehep­aar von
Sozial­hil­fe, Vik­to­ria möchte sich zur
Kos­metik­erin umschulen lassen, Dimitrij
ver­sucht, für ein paar Jahre bei der
Bun­deswehr unterzukom­men. Fre­unde haben
sie noch keine gefun­den, seit sie in Neuruppin
sind. Und dann sind da diese Blicke manchmal,
auf der Straße, wenn rus­sisch gere­det wird:
“Beim Einkaufen unter­hal­ten wir uns nicht
miteinan­der. Damit wir nicht zu sehr auffallen.” 

Doch nicht auf­fall­en, Ärg­er ver­mei­den, das ist
schwierig. Als die nur 30 Kilo­me­ter ent­fer­nt von
Neu­rup­pin liegende Stadt Witt­stock zur
Sprache kommt, wird die Stimmung
bedrück­end. Dort wurde Kajrat B., ein aus
Kasach­stan stam­mender Russlanddeutscher,
vor ein paar Wochen von deutschen Rassisten
ermordet. Vik­to­ria und Dim­itrij kan­nten ihn gut.
“Als wir in Freyen­stein bei Witt­stock wohnten,
da haben wir oft mit Kajrats Fam­i­lie gefeiert. Es
ist unbe­grei­flich.” Das Ehep­aar hat sich bisher
noch nicht getraut, bei der Mut­ter von Kajrat
anzu­rufen. Es bleibt der schwache Trost in
Neu­rup­pin zu wohnen und nicht auch nach
Witt­stock gekom­men zu sein, wo es schlimmer
mit den Nazis ist. Rechte Deutsche terrorisieren
Deutschstäm­mige aus der ehema
ligen UdSSR.
Dabei ist es für manchen Aussiedler eine
Belei­dung, als Russe und nicht als Deutscher
beze­ich­net zu werden. 

Zukun­ft? Vik­to­ria ist opti­mistisch: “In fünf
Jahren, da möchte ich gut Deutsch sprechen
kön­nen, eine schöne Arbeit haben, in einer
größeren Stadt wohnen. Noch ein Kind wäre
auch sehr schön.” Dim­itrij nickt. 


Sprachkurse reduziert


Das neue Zuwan­derungs­ge­setz erschw­ert die Inte­gra­tion von Russlanddeutschen

“Die Sprache, dass ist das offensichtliche
Prob­lem bei der Arbeit mit Aussiedlern”, sagt
Wolf­gang Bautz. Der Chef der Brandenburger
Ini­tia­tive Ekis (“Entwick­lung kommunaler
Inte­gra­tionsstruk­turen”) hat beobachtet, dass
“bei den Ankömm­lin­gen der let­zten Jahre die
Bindung zur deutschen Kul­tur und damit auch
der Sprache immer los­er gewor­den ist”. 

Mit Deutschkursen wird ver­sucht, den
zuse­hends ver­siegen­den Strom von
Spä­taussiedlern eine Grund­lage für das Leben
in der Bun­desre­pub­lik anzu­bi­eten. 900
Unter­richtsstun­den umfasste das Programm
bish­er — zu wenig, um sich solide
Deutschken­nt­nisse anzueignen, fan­den viele
Kri­tik­er. Doch durch das neue
Zuwan­derungs­ge­setz wird der Umfang der
Kurse noch weit­er ver­ringert, auf ger­ade mal
600 Stun­den. Ekis, eine Ini­tia­tive der
Arbeit­er­wohlfahrt, berät Kom­munen in
inte­gra­tionspoli­tis­chen Fra­gen. Die Kürzung der
Sprachkurse schätzt Bautz als “sicher­lich nicht
erle­ichternd für die Eingliederung in die
deutsche Gesellschaft” ein. Ohne­hin ste­he es
schlecht um die Inte­gra­tion von Aussiedlern,
die Bran­den­burg zugeteilt wer­den: Kaum einer
lässt sich nieder, die meis­ten ziehen wegen der
besseren Lage auf dem Arbeits­markt so bald
wie möglich in die alten Bundesländer.
Ras­sis­tisch motivierte Über­griffe auf Aussiedler
tun ihr Übriges, um Rus­s­land­deutsche aus
Bran­den­burg fernzuhal­ten. Seit 1991 wurden
rund 46.000 Deutschstäm­mige in Brandenburg
aufgenom­men, im Schnitt bleibt nur ein Drittel. 

“Es gibt zwar eine Vielzahl integrativer
Pro­jek­te”, berichtet Wolf­gang Bautz, “doch die
Qual­ität lässt oft zu wün­schen übrig.
Inte­gra­tion braucht Zeit, doch die einzelnen
Maß­nah­men sind fast immer nur für ein oder
zwei Jahre finanziert.” Meist würde zudem
ver­sucht, etwas für Aussiedler zu machen statt
mit Aussiedlern. Ein Beispiel für
rus­s­land­deutsches Leben in Bran­den­burg ist
Flug­platz. 600 Men­schen leben dort, die
meis­ten in “sozial schwachen Verhältnissen”,
die Hälfte sind Aussiedler. Der eigentümliche
Name des Örtchens bei Jüter­bog geht auf
seine Geschichte als NS-Flugschule und
Luft­stützpunkt der Roten Armee in der DDR
zurück. Ein Gemein­schaftswerk, beste­hend aus
Vertretern von Kirchen und Kom­mune, ist
Träger der Sozialar­beit. “Es sieht trost­los hier
aus”, meint James Schel­len­berg, der
kanadis­che Pfar­rer. Die ehrgeizig angefangene
Kon­ver­sion der Mil­itärge­bäude dro­ht zu
scheit­ern. Der Großin­vestor aus Han­nover hat
vor drei Jahren Insol­venz angemeldet, und
seit­dem bewegt sich nichts mehr. 

Pfar­rer Schel­len­berg ist Mit­glied der
paz­i­fistis­chen Freikirche der Men­non­iten, wie
etwa 5 bis 10 Prozent der Aussiedler auch. Er
find­et, es sei in Deutsch­land schwieriger,
Ein­wan­der­er zu sein, als in sein­er kanadischen
Heimat. “Es ist, beson­ders natür­lich in unserem
abgele­ge­nen Dorf, ver­lock­end, sich an die
Land­sleute zu hal­ten. Aber so lernt man
natür­lich nicht Deutsch. Da braucht es
Eigeninitiative.”

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