28. Februar 2003 · Quelle: Opferperspektive

Keine Bagatellisierung, bitte!

In dem kleinen Dorf Rohrlack schickt ein 24-jähriger Skin­head an einen 41-jähri­gen Freiberu­fler einen Dro­hbrief, darin die Worte: “Ich werde dich platt machen.”
Dreiein­halb Wochen später, Mitte Feb­ru­ar, ein zweit­er Brief, in dem er Peter F. belei­digt und aus­führt: “Ihr Juden erhebt eure Stimme immer, wenn es Per­so­n­en gibt,
die eine andere poli­tis­che Ein­stel­lung haben, die eur­er nicht entspricht. Ihr Juden seid doch sel­ber Schuld für den wach­senden Anti­semitismus in Deutsch­land.” Dann
wieder eine ver­steck­te Dro­hung: “Das, was du in der Ver­gan­gen­heit von dir gegeben hast, haben jet­zt auch andere Men­schen mit­bekom­men, die vielle­icht mit diesem The­ma
nicht so zurück­hal­tend umge­hen wer­den.” Der Kon­flikt eskaliert, als der Skin­head wegen des ersten Dro­hbriefs am 20. Feb­ru­ar verurteilt wird. In der Nacht ran­daliert
er vor dem Haus von Peter F. Völ­lig betrunk­en zieht er eine Waffe und richtet sie auf Peter F. Wenige Tage später find­et die Polizei bei ein­er Haus­durch­suchung bei
dem Skin­head Muni­tion, die unter das Kriegswaf­fen-Kon­trollge­setz fällt. Peter F. hat Angst, weil er weiß, wie unberechen­bar und gewalt­tätig Nico D. sein kann.

 

Am Mittwoch fand nun eine Ver­samm­lung in Rohrlack statt, bei der Peter F. anbot, den Kon­flikt mit Nico D. außer­halb des Gerichts zu lösen. Denn Nico D. braucht Hil­fe, um
sich unter Kon­trolle zu brin­gen. Bürg­erin­nen und Bürg­er aus Rohrlack haben sich bere­it erk­lärt, im Not­fall Peter F. zu Hil­fe zu kom­men und Nico D. zurück­zuhal­ten.

 

Das ist bemerkenswert, weil diese Form von Zivil­courage in Bran­den­burg nicht die Regel ist. Die Bürg­erin­nen und Bürg­er von Rohrlack delegieren ihre Ver­ant­wor­tung für
die Kon­flik­te in ihrem Dorf nicht an ferne Instanzen. Sie wollen selb­st zu ein­er Lösung beitra­gen. Das kön­nte als pos­i­tives Beispiel wirken.

 

Es set­zt allerd­ings voraus, dass man ver­ste­ht, um was für einen Kon­flikt es sich han­delt. Seine Gefährlichkeit gewin­nt die Bedro­hung durch den anti­semi­tis­chen und
recht­sex­tremen Inhalt. Es ist ger­ade kein nor­maler Nach­barschaftsstre­it, bei dem neben­bei “Jugendliche mit Nazi-Sym­bol­en andere provoziert haben”, wie die MAZ
bagatel­lisierend schreibt. Aus­lös­er und Motor des Kon­flik­ts ist eine brisante Verbindung von ide­ol­o­gis­chen und per­sön­lichen Motiv­en, die ent­flocht­en wer­den
müssen.

 

Eine Lösung ist auf den Weg gebracht. Die kann jedoch mit Ver­harm­lo­sun­gen nicht funk­tion­ieren. Es ist lei­der ein schlechter Rat der MAZ, aus Angst um den Ruf des
Dor­fes die Augen vor dem Anti­semitismus von Nach­barn zu ver­schließen oder in dieser Sit­u­a­tion dem Opfer Pro­fil­ierungssucht zu unter­stellen.

 

Kay Wen­del

Opfer­per­spek­tive e.V., Pots­dam

 

Hin­ter­gründe

Siehe Infori­ot-Archiv.

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