23. Januar 2003 · Quelle: Märkische Allgemeine

Keiner tut Dir was”, sagten die Täter bevor

POTSDAM Ali Ibrahim weiß nur noch wenig von dem Tag, an dem er fast
erschla­gen wor­den wäre. Nicht ein­mal an die leere Bier­flasche, die der
22-jährige David E. am 3. August 2002 auf dem Kopf des Mosam­bikan­ers
zertrüm­merte, kann sich der 38-Jährige erin­nern. Auch nicht an die
Worte des
Schlägers, die Ibrahim wenige Stun­den nach der Tat der Polizei zu
Pro­tokoll
gegeben hat­te: “Du Neger, du schwarze Sau, du Negersau.” Ali Ibrahims
Konzen­tra­tion habe seit seinem Mar­tyri­um “stark nachge­lassen”,
berichtete
seine Bekan­nte Christa M. gestern im Zeu­gen­stand des Pots­damer
Landgerichts.
“Er ver­gisst alles”, sagte die 68-Jährige. Dazu komme seine panis­che
Angst.
In der Dunkel­heit ver­lasse er das Haus nie mehr allein, in seinem
Zim­mer
schließe er sich ein, immer wieder springe er auf und rüt­tele an der
Türklinke. 13 Jahre ken­nt Christa M. den Mann aus Mosam­bik inzwis­chen.
Doch
als sie ihn am Tag der Tat im Lud­wigs­felder Kranken­haus besuchte,
traute sie
ihren Augen nicht. “Der Kopf war dop­pelt so groß wie nor­mal, ich hätte
ihn
nicht erkan­nt, ich sah nur, dass es ein Afrikan­er war.” “Guten Tag”,
sagt
Ibrahim, als er den Gerichtssaal betritt. Er nickt fre­undlich zu den
Bänken
der Zuschauer. Seine Peiniger mussten den Ver­hand­lungssaal zuvor
ver­lassen.
Die Begeg­nung mit den jun­gen Angeklagten kön­nte das Opfer erneut
trau­ma­tisieren, begrün­det der Vor­sitzende Richter, Klaus Przy­bil­la, den
Beschluss der Jugendgericht­skam­mer. Am zweit­en Tag des Prozess­es, in
dem
David E. und vier Jugendliche aus Lud­wigs­felde wegen ver­sucht­en Mordes
angeklagt sind, run­det sich das Bild vom Tag der Tat nur langsam ab.
Deut­lich wird schließlich den­noch, dass Ibrahim von seinen Peinigern
offen­bar in eine Falle gelockt wurde: Er sei nachts allein zu einem
Bil­lard­sa­lon unter­wegs gewe­sen, als David E. und der 16-jährige Daniel
L.
ihn ansprachen. Am Wald­sta­dion, mein­ten sie, werde eine Par­ty mit Musik
gefeiert. Zahlre­iche Aus­län­der seien eben­falls dort. Ibrahim ahnte
nichts
Gutes, ging aber wider­willig mit. “Kein­er tut dir was”, beruhigten ihn
die
bei­den jun­gen Män­ner, während sie ihn, ein­er links, ein­er rechts,
sozusagen
abführten. Zunächst habe er Hil­fe rufen wollen, “aber da war nie­mand”.
Der
Weg endete im Wald, die Par­ty war erlogen, Ibrahim wurde geschla­gen,
getreten, stun­den­lang — er ver­lor das Bewusst­sein. Als er neun Stun­den
später, gegen 14 Uhr, auf der Toi­lette des nahen Ärztehaus­es erwachte,
nackt, wusste er nicht, wie er dort hin­ge­langt war. Ali Ibrahim
bedeck­te
seine Scham mit Toi­let­ten­pa­pi­er und schleppte sich zum Kranken­haus.

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