3. Januar 2003 · Quelle: märkische allgemeine

Klubs haben keine Zuchtmeister

Nach dem grauen­vollen Mord an dem 17-jähri­gen Schüler Mar­i­nus Schöberl im Vor­jahr in Pot­zlow (Uck­er­mark) ist dem Jugend­klub des Ortes vorge­wor­fen wor­den, sich indif­fer­ent gegenüber recht­sradikalen Jugendlichen ver­hal­ten zu haben. Mit dem Leit­er des Mobilen Beratung­steams gegen Recht­sex­trem­is­mus und Frem­den­feindlichkeit im Land Bran­den­burg, Wol­fram Hülse­mann, sprach Klaus Bischoff über Chan­cen und Gren­zen der Jugen­dar­beit.

Haben die Ver­ant­wortlichen des Pot­zlow­er Jugend­klubs ein­fach weggeschaut?

Hülse­mann:

Nein, das haben sie nicht. In diesem Haus wird pro­fes­sionell und mit hohem Engage­ment gear­beit­et. Recht­sex­trem­is­mus wird dort wed­er gefördert noch toleriert. Die Vor­würfe, die nach dem Mord an Mar­i­nus erhoben wur­den, ent­behren jed­er Grund­lage.

Dür­fen Jugend­häuser ihre Türen für Recht­sex­trem­is­ten öff­nen und wenn ja, wie sollen diese jun­gen Leute dort behan­delt wer­den?

Hülse­mann:

Recht­sex­trem­is­ten, die in ein­er Partei oder Kam­er­ad­schaft organ­isiert sind, haben in einem Jugend­klub nichts zu suchen. Denn sie kom­men dort nicht hin, weil sie arg­los ihre Freizeit ver­brin­gen wollen — sie kom­men als Pro­pa­gan­dis­ten. Diese Leute müssen aus­ge­gren­zt wer­den. Genau genom­men gren­zen sie sich selb­st aus. Mehr oder weniger dif­fus recht­sex­trem­istisch ori­en­tierten Jugendlichen dage­gen müssen wir wie allen Her­anwach­senden mit Ein­füh­lungsver­mö­gen, Anerken­nung und Wärme begeg­nen. Gle­ichzeit­ig müssen wir sie mit ihrer Hal­tung kon­fron­tieren, über die sie in den sel­tensten Fällen nachgedacht haben. In Gesprächen etwa über die Geschichte ihres Dor­fes und sein­er Bewohn­er oder wenn es um alltägliche Fra­gen geht, kön­nen da manche Anknüp­fungspunk­te auf­tauchen. Bei all dem ste­ht außer Frage, dass jed­er Besuch­er des Klubs die — auch unter Mitwirkung von Vertretern der Jugendlichen — fest­gelegten Regeln des Haus­es einzuhal­ten hat. Es darf natür­lich keine Nazi-Agi­ta­tion geben, die Musik dieser Szene wird nicht gespielt, bes­timmte mar­tialis­che Klei­dung nicht getra­gen.

Kann es den Sozialar­beit­ern gelin­gen, die Szenen frem­den­feindlich­er Radaubrüder aufzubrechen?

Hülse­mann:

Die Jugen­dar­beit ist nicht die Reparatur­bri­gade der Nation. Eine sich aus demokratis­chen Wertvorstel­lun­gen ablei­t­ende Jugen­dar­beit darf die jun­gen Leute päd­a­gogisch nicht erdrück­en, also über­päd­a­gogisieren, wie das häu­fig in der DDR geschah. Sozialar­beit­er sind keine außer­schulis­chen Zucht­meis­ter. Sie respek­tieren in einem hohen Maße die Selb­st­bes­tim­mung der jun­gen Men­schen, tra­gen ihrem Autonomiebedürf­nis Rech­nung. Wirk­lich erfol­gre­ich ist das aber nur, wenn auch die Eltern­häuser und die Schule ihrer Ver­ant­wor­tung nachkom­men. Alle — und darauf kommt es mir an — Eltern, Lehrer und Jugend­päd­a­gogen, müssen eine wichtige Frage stellen: Sichert das gegen­wär­tige poli­tis­che Han­deln auf sämtlichen Ebe­nen der her­anwach­senden Gen­er­a­tion erkennbare Per­spek­tiv­en?

Manche Berlin­er haben, wenn sie ins Umland fahren, Angst vor recht­sradikalen Schlägern. Geht es in Ost­deutsch­land so gewalt­tätig zu oder ist das ein Klis­chee?

Hülse­mann :

Es ist lei­der so: Die Gefahr Opfer ein­er Straftat zu wer­den, bleibt für fremd, für nicht nor­mgerecht Erscheinende im Osten größer als im West­en. Wen­ngle­ich das Risiko sta­tis­tisch auch in Bran­den­burg min­i­mal ist. Zudem gehen die Täter im Osten oft­mals bru­taler als im West­en vor. Was mich beson­ders beden­klich stimmt: Zu wenige Men­schen erre­gen sich über Tat­en dieser Art. Viele nehmen Über­griffe ein­fach hin, scheinen abges­tumpft, zeigen keine Empfind­ung, keine Regung für das Opfer, dessen Leben beschädigt oder gar aus­gelöscht wird.

Es gibt die Aktion Tol­er­antes Bran­den­burg, die Regionalen Arbeitsstellen für Aus­län­der­fra­gen, Jugen­dar­beit und Schule, das Aktions­bünd­nis gegen Gewalt, Recht­sex­trem­is­mus und Frem­den­feindlichkeit, den Lan­despräven­tion­srat und kom­mu­nale Koor­di­na­toren. Ist das nicht ziem­lich viel Aufwand für ein eher mageres Ergeb­nis?

Hülse­mann:

Da soll­ten Sie nicht alles in einen Topf wer­fen. Jedes Bünd­nis, jede Insti­tu­tion hat eigene Auf­gaben. Das aus Kirchen, Ver­bän­den und Gew­erkschaften beste­hende Aktions­bünd­nis etwa macht deut­lich, was in diesem Lande gel­ten soll, ermutigt zu demokratis­ch­er Mitver­ant­wor­tung gegen das Erstarken von Recht­sex­trem­is­mus und Ras­sis­mus. Und es zeigt auf, wo die Gren­zen der Tol­er­anz liegen. Unser Mobiles Beratung­steam ermutigt Kom­munen, Ver­bände und Schulen vor Ort in ihrem demokratis­chen Engage­ment, oft­mals in kon­flik­tre­ichen Sit­u­a­tio­nen.

Ist es denn wenig­stens an eini­gen Orten gelun­gen, mit der Dom­i­nanz der Recht­sex­trem­is­ten aufzuräu­men?

Hülse­mann:

Ja, gewiss. Wir sind weit­er als vor eini­gen Jahren. Wo eine starke rechte Szene existiert, gibt es ver­mehrt eine Gegen­be­we­gung. Zum Beispiel haben Lübben­er Jugendliche gesagt: Wir über­lassen unsere Stadt nicht den Recht­sradikalen. Sie haben sich mit Erwach­se­nen zusam­menge­tan, sind öffentlich aktiv gewor­den und haben das Kli­ma in der Stadt spür­bar verän­dert. Und den­noch müssen wir sagen, dass da noch ein langer Weg vor uns liegt.

Hat sich die Arbeit Ihres Mobilen Beratung­steams nach Bil­dung der Großen Koali­tion in Pots­dam verän­dert?

Hülse­mann:

Nein. Wir haben auch der CDU-Seite unsere Arbeit dargestellt und wir erfahren in dankenswert­er Weise im Innen­min­is­teri­um ein hohes Maß an Wertschätzung.

Nach dem Rück­tritt der Lan­des­beauf­tragten gegen Extrem­is­mus, Uta Leich­sen­ring, Ende ver­gan­genen Jahres hat die CDU gefordert, die gesamte bish­erige Arbeit gegen Recht­sex­trem­is­mus zu über­denken. Was hal­ten Sie davon?

Hülse­mann:

Darüber sollte man ständig nach­denken. Schließlich wird für diese Tätigkeit auch viel Geld aus­gegeben. Es ist immer wichtig zu über­legen, wie wir unsere Anstren­gun­gen ver­stärken, Syn­ergieef­fek­te erzie­len kön­nen.

Sie sind The­ologe, nicht Poli­tik­er. Warum engagieren Sie sich so inten­siv gegen den Extrem­is­mus von rechts?

Hülse­mann:

Welche Wirkung eine men­schen­ver­ach­t­ende Ide­olo­gie auch auf spätere Gen­er­a­tio­nen ausübt, hat mich schon seit frühen Jahren beschäftigt. Ich habe mir stets verge­gen­wär­tigt, dass in Nazi-Deutschl and Men­schen der Ver­nich­tung preis­gegeben wur­den und die Nach­barn haben zugeschaut; vielle­icht am Ende noch die Möbel bil­lig erwor­ben. Später in der DDR fand die Auseinan­der­set­zung mit diesem Geschehen nur man­gel­haft statt. Wie auch? Bei meinen Lehrern war deren Erziehung in Hitler­ju­gend oder Mil­itär unverkennbar. Ich erin­nere mich deut­lich: Wenn es Ärg­er gab, dann brüll­ten sie. Dazu kamen Rit­uale wie das Marschieren oder Stramm­ste­hen beim Fah­ne­nap­pell. Viele von uns wur­den damals autoritär deformiert. Demokratie als poli­tis­che Wertege­mein­schaft sichert nach mein­er Überzeu­gung am ehesten humane Lebens­gestal­tung. Das aber geschieht nicht im Selb­st­lauf. Es gibt keine Recht­fer­ti­gung dafür, die demokratis­che Ord­nung außer Kraft zu set­zen. Entwed­er wir hal­ten es miteinan­der aus oder wir kriegen es nicht hin.

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