30. März 2003 · Quelle: BM

Kyritz erklärt sich zur “Stadt des Friedens”

(M. Lukasche­witsch) Kyritz — In Pots­dam gehen tausende von Schülern gegen den Irak-Krieg auf die
Straße, in Eisen­hüt­ten­stadt haben sich Müt­ter auf den Weg zur US-Botschaft
nach Berlin gemacht, und selb­st im Städtchen Anger­münde protestierten
gestern rund 500 Jugendliche — doch die Wiege der Bran­den­burg­er
Friedens­be­we­gung liegt im äußer­sten Nord­west­en des Lan­des, in Kyritz. Ein­er
9000-Ein­wohn­er-Stadt an der Lan­des­gren­ze zu Meck­len­burg-Vor­pom­mern. Kyritz
nen­nt sich jet­zt “Stadt des Friedens”, die erste in Bran­den­burg.

Die Stadtverord­neten haben sich ein­stim­mig hin­ter eine entsprechende
Frieden­sres­o­lu­tion gestellt, die bere­its in 100 amerikanis­chen Städten von
den dor­ti­gen Stadtvätern ver­ab­schiedet wor­den ist. “City for Peace” — Kyritz
ste­ht nun in ein­er Rei­he mit Rom, Lon­don, Brüs­sel und Wien. “Wir wollen in
dem Net­zw­erk der inter­na­tionalen Friedens­be­we­gung dabei sein”, sagte Thomas
Settgast, Vor­sitzen­der der Kyritzer Stadtverord­neten­ver­samm­lung und
SPD-Frak­tion­s­mit­glied.

Der Wun­sch nach Frieden in der Krisen­re­gion am Golf eint die Men­schen der
Stadt, wie wohl seit der Wende im Jahr 1989 nicht mehr. “So viel Men­schen
sind seit­dem nicht mehr auf der Straße gewe­sen.” Bis zu 500 ver­sam­meln sich
seit Anfang Dezem­ber jeden Mon­tag auf dem Mark­t­platz. “Sie organ­isieren sich
selb­st”, staunt Jür­gen Frey­er, der für die CDU-Frak­tion im Kyritzer
Stadt­par­la­ment sitzt. “Wir sind da spon­tan hinge­gan­gen”, sagt Rent­ner
Hans-Joachim Holzapfel. Ans Revers eine weiße Friedenss­chleife geheftet,
macht er sich jeden Mon­tag auf den Weg. Was ihn beson­ders freut: keine
plat­ten Parolen, kein laut­starkes Scharf­machen: “Der Protest ver­läuft ganz
still und andächtig”, hat auch Settgast beobachtet. Er gehe quer durch die
Bevölkerung, Jung ste­ht neben Alt, Müt­ter und Väter mit Kindern. Sie
ver­sam­meln sich im Schat­ten der Kirche St. Marien. Im gesamten Land­kreis
läuten dann die Glock­en für eine Vier­tel­stunde. Sie alle lehnen Gewalt als
Mit­tel zur Kon­flik­tlö­sung ab. “So ein­fach ist das und schein­bar doch so
schw­er für manche Staat­slenker”, sagt Rent­ner Holzapfel, der noch den
Bomben­hagel auf Dres­den im Zweit­en Weltkrieg als 11-Jähriger mit­bekom­men
hat. Und noch etwas Beson­deres: In Kyritz gibt es keine schrille
Antikriegspro­pa­gan­da, gewalt­bere­ite Frieden­sak­tivis­ten. “Eine Friedens­de­mo
mit Knüp­pel in der Hand ist wohl fehl am Platze”, sagt Settgast.

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