30. März 2003 · Quelle: Berliner Zeitung / Tagesspiegel

Manchmal laufen Passanten ein paar Kilometer mit

(Berlin­er Zeitung, Jens Blanken­nagel) FRANKFURT (ODER). Die jüng­ste “Mut­ter” ist ein Mann — ein ganz junger.
Johannes Gan­erke ist 14 Jahre alt und über­ragt die kleine Gruppe, die am
Fre­itag kurz hin­ter Frank­furt (Oder) am Straßen­rand aus dem Nebel auf­taucht,
fast um Haupteshöhe. Vorn tra­gen zwei ältere Frauen ein blaues Tuch mit
Picas­sos weißer Taube und dem Spruch “Müt­ter gegen den Krieg”. Trotz der
mor­gendlichen Kälte hat sich der Gym­nasi­ast der Friedensstafette der Frauen
angeschlossen. “Es ist mir egal, dass ich heute der einzige Mann bin,
gestern waren ja auch Väter dabei.” Es gehe ums Prinzip, es gehe um den
Frieden. “Ich will ein­fach zeigen, dass der Krieg mir nicht egal ist”, sagt
er.

Die Leute brauchen einen Anstoß

Am Vortag waren 50 Leute in Eisen­hüt­ten­stadt los­ge­laufen. Bis zum ersten
Etap­pen­ziel in Frank­furt blieben 20 dabei. “Junge, Alte, Chris­ten, Rote und
Grüne, Män­ner und Frauen”, sagt die Ini­tia­torin Brigitte Grimm. Mit dem 120
Kilo­me­ter lan­gen viertägi­gen Fuß­marsch nach Berlin wollen die
Frieden­sak­tivis­ten ein Zeichen set­zen und Unter­schriften sam­meln, die sie am
Son­ntag bei ein­er Protestkundge­bung vor der US-Botschaft in Berlin übergeben
wer­den. “Mit 114 Unter­schriften sind wir los­ge­zo­gen, in Frank­furt hat­ten wir
bere­its 427″, sagt Brigitte Grimm. Die Lehrerin rief zu dem Marsch auf, weil
ihr die am ersten Kriegstag begonnene Mah­nwache vor dem The­ater ihrer
Heimat­stadt zu wenig war. Tage nach­dem sie die Idee hat­te, fiel ihr ein,
dass sie den Weg schon ein­mal gegan­gen ist, in umgekehrter Rich­tung. 1945,
als Vier­jährige mit ihrer Mut­ter und den Geschwis­tern, nach­dem sie die
Bomben­nächte in Berlin über­lebt hat­ten.

“Wir haben nicht die Illu­sion, dass wegen uns der Krieg been­det wird”, sagt
Brigitte Grimm. Aber sie erzie­len Aufmerk­samkeit. “Jed­er Aut­o­fahrer, der uns
sieht, denkt sich: Die machen was. Warum tue ich so wenig? Bin ich zu
gle­ichgültig oder zu bequem?”, sagt sie.

Die Res­o­nanz sei durch­weg pos­i­tiv. Nur ein einziger Aut­o­fahrer habe den Kopf
geschüt­telt. Die anderen hupen und winken. Pas­san­ten ste­hen an den Straßen,
klatschen oder schließen sich für ein paar Kilo­me­ter an. “Am Don­ner­stag war
es sehr warm, eine Frau gab uns zehn Euro und sagte: ‚Kauft euch Eis “,
erzählt Friedrun Köhn. Sie ist eine der drei Frauen, die bis Berlin
durch­laufen wollen. Alle Sta­tio­nen: am Fre­itag bis Fürsten­walde, am
Sonnabend bis Erkn­er, am Son­ntag bis Berlin.

Ständig klin­gelt ein Handy. Die Friedens­marschier­er wer­den gefragt, wo sie
sind, wann ihnen Unter­schriften­lis­ten übergeben wer­den kön­nen, wann man sie
zum Essen ein­laden könne. “Wir wollen am Son­ntag um 12 Uhr an der
Friedens­glocke in Berlin-Friedrichshain sein”, sagt die
PDS-Kreistagsab­ge­ord­nete Hel­ga Böh­nisch. Auch aus anderen Teilen
Bran­den­burgs wollen dann Frauen dazukom­men.

Friedrun Köhn hat ein ein­fach­es Motiv für ihre Teil­nahme. “Krieg löst keine
Prob­leme”, sagt sie. Ihre Eltern gaben ihr ihren Vor­na­men als
Friedenssym­bol. “Ich wurde 1945, drei Wochen vor der Bom­bardierung in
Dres­den geboren”, sagt sie. Ihre Fam­i­lie habe damals alles ver­loren. “Als
sie aus dem Luftschutzkeller kamen, hat­ten sie nur ihr Leben, einen Kof­fer,
einen Kinder­wa­gen und ein Baby.” Immer, wenn ihr Vater von den Angrif­f­en
erzählte, habe er gezit­tert. “So etwas schafft eine Grund­hal­tung”, sagt sie.

“Der Friedenswille ist bei den Men­schen da”, sagt Brigitte Grimm. “Aber die
Leute brauchen einen Anstoß. Jemand muss sie fra­gen: Machst du mit?”
Vielle­icht rege ihr Marsch ja zu ein­er Friedensstafette von Rügen bis zum
südlich­sten Zipfel Deutsch­lands an.

Hupen, Winken und zehn Euro für die “Müt­ter gegen den Krieg”

Am Son­ntag wollen die Teil­nehmerin­nen der Eisen­hüt­ten­städter
Friedensstafette in Berlin sein

(Tagesspiegel) Frank­furt (Oder). Das Radio hat­te für den Fre­itag Sonne ver­sprochen, und nun
ste­hen Brigitte Grimm und ein Dutzend andere Frauen auf dem leeren
Frank­furter Rathaus­platz im kalten Nebel. Gestern auf der ersten Etappe
ihrer “Friedensstafette Eisen­hüt­ten­stadt-Berlin” haben sie noch geschwitzt.
Jet­zt wär­men sie sich an dem Gedanken, heute wieder die Land­straßen ent­lang
zu laufen statt zu Hause taten­los die Kriegsnachricht­en zu ver­fol­gen. Heute
Abend wollen sie im gut 30 Kilo­me­ter ent­fer­n­ten Fürsten­walde ankom­men. Und
Son­ntag an der US-Botschaft in Berlin.

“Müt­ter gegen den Krieg” nen­nt sich die Ini­tia­tive, die es auch in anderen
Städten gibt und die bei diesem Krieg damit begann, dass Brigitte Grimm,
Lehrerin im Ruh­e­s­tand, ihre ein­stige Kol­le­gin Friedrun Köhn anrief und zum
Marsch nach Berlin überre­dete. Das war am Mon­tag. Am Don­ner­stag sind sie in
Eisen­hüt­ten­stadt ges­tartet, haben sich abends nach Hause fahren lassen und
heute früh wieder nach Frank­furt.

Zwei etwa 15-jährige Schüler kom­men über den Rathaus­platz ger­adelt. Sie
wollen ein Stück mitkom­men. Brigitte Grimm, gestählt durch 35 Jahre
Beruf­ser­fahrung, lässt sich die Erlaub­nis der Eltern aushändi­gen und belehrt
die Gruppe über das Ver­hal­ten unter­wegs: möglichst Fuß- und Rad­wege
benutzen, anson­sten unbe­d­ingt links hin­tere­inan­der laufen. So hat es die
Polizei ange­ord­net, der diese Demon­stra­tion allerd­ings kein Begleit­fahrzeug
wert ist.

Einige der Frauen gehen zu ihren Autos, von denen aus sie Verpfle­gung,
Unter­schriften­samm­lung und den Trans­port ermüde­ter Teil­nehmerin­nen
organ­isieren. Die anderen marschieren mit geschul­tert­er Papp-Frieden­staube
los. Die Pas­san­ten schauen über­rascht; manche bleiben ste­hen, einzelne
grüßen. “Jut, wat ihr hier macht!”, ruft ein Mann. Mit jedem Meter Rich­tung
Stad­trand wird die Straße leer­er. Ein aus dem Fen­ster eines Plat­ten­baus
lehnen­der Jung­na­tionaler höh­nt Unver­ständlich­es, Aut­o­fahrer reck­en die
Hälse, lächeln, fahren weit­er. Friedrun Köhn sagt: “Mein Vor­name passt gut
zu dieser Aktion”. Die zweite Ex-Lehrerin ist gut trainiert und geht
vorneweg. “Die Reak­tion der Leute gestern war wirk­lich schön. Ganz oft haben
Aut­o­fahrer gehupt und uns gewunken. Und als wir in Frank­furt anka­men, haben
die Stadtverord­neten ihre Sitzung unter­brochen, um uns zu begrüßen.” Eine
Frau berichtet von ein­er alten Dame, die spon­tan zehn Euro zück­te: “Kauft
euch ein Eis!”

Die Bebau­ung ent­lang der Straße geht von ver­fal­l­enen Alt­baut­en in
Indus­triebrachen über, später kom­men die Auto­händler und Baumärk­te. Dann
hört der Fußweg auf, die Straße heißt jet­zt “Berlin­er Chaussee” — oder “B 5”
für die Aut­o­fahrer. An manchen Bäu­men hän­gen Holzkreuze, die Äck­er links und
rechts der Allee ver­lieren sich im Nebel. Aber den Frauen ist warm gewor­den
auf den ersten fünf Kilo­me­tern, auch wenn sie ein wenig ent­täuscht sind. Die
meis­ten Aut­o­fahrer brem­sen nur erschrock­en oder sind längst vor­beig­er­auscht,
bevor sie das Trans­par­ent lesen kon­nten. Die acht verbliebe­nen Frauen hal­ten
sich mit Geschicht­en aus dem Film “Good bye Lenin!” bei Laune, während
Brigitte Grimm den weit­eren Ver­lauf des Marsches erläutert: Ankun­ft in
Fürsten­walde, Mah­nwache, zurück im Auto. Am Sonnabend zu Fuß nach Erkn­er,
wobei ein früher Start die Chance auf ein Mit­tagessen bei einem kar­i­ta­tiv­en
Vere­in in Hangels­berg böte. Die Ein­ladung haben sie ger­ade bekom­men.

Noch sechs Stun­den bis Fürsten­walde, knapp drei Tage bis Berlin.

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