8. Februar 2005 · Quelle: Berliner Zeitung

Lenins Heimkehr

(Katrin Bischoff; Berlin­er Zeitung) POTSDAM. Als er noch an der Hegelallee/Ecke Schopen­hauer-straße in Pots­dam stand, wurde er von Spaziergängern kaum wahrgenom­men auf dem ver­wilderten Grund­stück. Dann wurde das Are­al verkauft, die Bauar­beit­en an den mar­o­den Häusern began­nen und er ver­schwand über Nacht. Die Entrüs­tung in der Lan­deshaupt­stadt war groß. Er solle gefäl­ligst wieder nach Pots­dam kom­men, hieß es.

Die Rede ist von Lenin, oder bess­er von der zwei Meter großen Bronzes­tat­ue, die vor dem ein­sti­gen Haus der sow­jetis­chen Offiziere stand. “Wladimir Iljitsch kommt zurück”, verkün­dete nun Baus­tadträtin Elke von Kuick-Frenz. Ende dieses Jahres, spätestens aber Anfang 2006 werde die Stat­ue wieder den anges­tammten Platz ein­nehmen. Auch Ober­bürg­er­meis­ter Jann Jakobs (SPD) soll für die Heimkehr des bronzenen Grün­ders der Sow­je­tu­nion ges­timmt haben. Das find­et die CDU allerd­ings ganz furcht­bar. Der Stre­it um Lenin ist ent­facht.

Keine Nippes­fig­ur

Eber­hard Kapuste von der CDU dro­ht damit, Lenin zu einem poli­tis­chen The­ma zu machen. “Wenn die Lenin-Stat­ue geblieben wäre, kön­nte ich meinen Frieden machen. Aber so, wo sie doch nun schon ein­mal weg ist?” Kapuste ist Vor­sitzen­der des Kul­tur­auss­chuss­es der Stadtverord­neten­ver­samm­lung. Er glaubt, dass sich Pots­dam mit der Rück­kehr des Denkmals lächer­lich machen würde. “Man muss daran denken, dass Lenin das, was Stal­in im großen Stile getan hat, vor­bere­it­et hat”, sagt Kapuste. Auch unter Lenin seien zahlre­iche Men­schen umge­bracht wor­den. “Lenin ist keine Nippes­fig­ur.” Das Schlimme sei, dass die Auf­stel­lung der Stat­ue ver­mut­lich sehr öffentlich­wirk­sam geschehen, also alle Welt dabei auf Pots­dam schauen werde. “Ein­fach pein­lich”, sagt der CDU-Mann. Und vor allem äußerst hin­der­lich bei der Bewer­bung der Stadt um den Titel Kul­turhaupt­stadt Europas im Jahr 2010.

Der bronzene Lenin war im Sep­tem­ber des ver­gan­genen Jahres vom neuen Eigen­tümer des Grund­stücks, der Nord­deutschen Boden AG, ent­fer­nt wor­den. Der Grund war völ­lig unpoli­tisch. Denn durch die Bauar­beit­en dro­hte das Denkmal beschädigt zu wer­den. Außer­dem hat­ten Unbekan­nte schon die Sock­elver­schraubung gelock­er — ver­mut­lich, um Lenin bei Nacht und Nebel mitzunehmen. Also schaffte der Investor das umstrit­tene Denkmal in ein Mag­a­zin nach Old­en­burg — ohne die zuständi­ge untere Denkmalauf­sichts­be­hörde zu informieren. “Das war ein Fehler”, gibt Pro­jek­ten­twick­ler Dirk Onnen zu.

Er ahnte nicht, welche Reak­tio­nen der Abtrans­port Lenins in Pots­dam aus­lösen würde. “Wir haben die Befind­lichkeit­en der Men­schen hier unter­schätzt. Es sah wohl so aus, als würde aus­gerech­net ein West­ler den Pots­damern den Lenin nehmen”, sagt Onnen. Dabei habe er den Bronze-Lenin niemals weg­w­er­fen oder im heimis­chen Garten auf­stellen wollen. Und ver­spricht nun: “Lenins Rück­kehr wird jeden­falls nicht geheim gehal­ten.” Das genau ist die Befürch­tung des Kul­tur­auss­chuss-Vor­sitzen­den Kapuste.

Keine Man­gel­ware

Andreas Kalesse dage­gen sieht die Diskus­sion um Lenin eher gelassen, eben­so die geplante Heimkehr der zwei Meter großen Stat­ue in die Lan­deshaupt­stadt. Er ist der Stadtkon­ser­va­tor und sagt: “Pots­dams Lenin ste­ht schließlich in der Denkmalliste.” Also gehöre dieser Lenin auch wieder nach Pots­dam. Kalesse war es, der nach der Wende die Bedeu­tung des Denkmals von ein­er Kun­sthis­torik­erin unter­suchen ließ. “So eine Lenin-Stat­ue gab es zuhauf, sie war keine Man­gel­ware. Und sie ist auch kein Kunst­werk”, sagt er.

Der Bronze-Lenin habe jeden­falls keine kün­st­lerische Bedeu­tung. “Aber, mein Gott, die Pots­damer lieben ihn nun mal. Warum soll er da nicht wieder an seinen alten Platz zurück­kehren”, fragt Stadtkon­ser­va­tor Kalesse.

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