14. August 2003 · Quelle: Jungle World

Lichtblick in Schwedt: … Direktverbindung nach Berlin, alle zwei Stunden.

In Schwedt wurde ein Schüler von Neon­azis gequält. Dabei soll es dort gar nicht mehr so schlimm sein mit dem Recht­sex­trem­is­mus. von ralf schroed­er
Enri­co S., Bauar­beit­er, 19 Jahre alt, weiß, wie man zupackt. Er ist vorbe­straft wegen Sachbeschädi­gung und wegen des Ver­wen­dens ver­fas­sungswidriger Kennze­ichen. Am 20. Juli, gegen ein Uhr in der Nacht, zieht er gemein­sam mit seinen 16jährigen Kam­er­aden Daniel D. und Ramon B. los. Sie wollen sich beweisen, was seit Jahren nie­mand bezweifelt: dass Jungs wie sie in Schwedt das Sagen haben.

Sie find­en ihr Opfer am Stad­trand. Fast vier Stun­den lang mal­trätieren sie den 16jährigen Tom. »Schläge gegen Kopf und Kör­p­er« heißt es sach­lich in der örtlichen Presse. Der als »linke Zecke« Beschimpfte wird geprügelt und gewürgt, in die Gen­i­tal­ien getreten und mehrfach mit dem Hin­terkopf gegen eine Holzbank geschla­gen. Sie pack­en ihn an den Füßen und hal­ten seinen Kopf im nahen Kanal unter Wass­er. Erst als Tom aus Angst zu erstick­en wild mit den Beinen stram­pelt, lassen ihn die Nazis los.

Der Sprech­er der Staat­san­waltschaft Frank­furt (Oder), Michael Neff, kann nach weni­gen Tagen Fah­n­dungser­folge melden. Die Täter sind gefasst und geständig, der Prozess ist in Vor­bere­itung. Er meint, die drei Jugendlichen hät­ten »den Schüler auf bru­tal­ste Weise ein­schüchtern« wollen. Doch als Enri­co S. und seine Fre­unde Tom ein­prügel­ten, er sei »kein richtiger Deutsch­er«, ging es wohl nicht nur um Dro­hun­gen. Die Ansage, »wir machen dich kalt«, war dur­chaus wörtlich zu nehmen.

Der Bürg­er­meis­ter Peter Schauer (SPD), seit der Wende im Amt, spricht von einem bedauer­lichen Einzelfall. Seine Press­esprecherin Ute-Cori­na Müller, eben­falls schon lange bei der Stadtver­wal­tung beschäftigt, freut sich, dass die Sit­u­a­tion nicht mehr so drama­tisch sei wie Anfang der neun­ziger Jahre: »Inzwis­chen wer­den wir im Ver­fas­sungss­chutzbericht nicht mehr so eingestuft.« Schließlich kann Burkhard Heise, der Press­esprech­er der Polizei, wie schon vor zehn Jahren mildernde Umstände für die Täter anführen: »Die Verdächti­gen waren angetrunk­en.« Die Geschichte scheint sich zu wieder­holen.

Bis Mitte der neun­ziger Jahre wuchs die Neon­azi-Szene in Schwedt beständig. Sie war stark, mil­i­tant und bestens organ­isiert. Mehrere Tote und Schw­er­stver­let­zte in Schwedt und Umge­bung gin­gen auf ihr Kon­to. Allein die Autonome Antifa ver­suchte, den Recht­sex­trem­is­ten etwas ent­ge­gen­zuset­zen. Ein hoff­nungslos­er Ver­such.

Die meis­ten Antifas gin­gen früher oder später ins Berlin­er Exil, während sich die Neon­azi-Szene als hege­mo­ni­ale Jugend­kul­tur etablierte. Da bedurfte es gar nicht mehr der alten Kader­struk­turen, auch die optis­chen Merk­male – weiße Schnürsenkel und kahle Schädel – nah­men ab. Dass auch die Über­fälle in den ver­gan­gen Jahren zurück­gin­gen, hat­te zwei Gründe: Es gab fast keine Aus­län­der mehr, und es gab fast keine Linken mehr.

Inzwis­chen ist es die Jugen­dini­tia­tive Poli­tik und Kri­tis­che Kul­tur (PUKK), die sich dem all­ge­meinen Trend wider­set­zt. Seit Jahren leis­tet sie alter­na­tive Kul­tur­ar­beit, organ­isiert Konz­erte und Ver­anstal­tun­gen. Das Unmögliche wurde möglich. Es gibt wieder eine kleine alter­na­tive Szene in Schwedt: ein paar Punks und Goth­ics am Gym­na­si­um, die Skater und Hip-Hop­per aus dem »Ghet­to« und die so genan­nten Kif­fer vom Knochen­park, ein Grüp­pchen Jugendlich­er, zu dem auch Tom gehört. Aber nur ein Mit­glied von PUKK kann sich vorstellen, nach dem Abitur in der Stadt zu bleiben. »Aber dann wäre ich ja ziem­lich allein. Hmm, also eigentlich nicht.«

All jene machen den Nazis den öffentlichen Raum stre­it­ig, den sie jahre­lang unange­focht­en beset­zt hiel­ten. Die Reak­tion kam prompt. Als sich im Jahr 2002 die Über­griffe häuften, ini­ti­ierte der Bürg­er­meis­ter einen Run­den Tisch. Die Ver­anstal­tung ver­lief nach dem bekan­nten Schema: Man vere­in­barte eine Tele­fon­kette, beschloss, dass Demon­stra­tio­nen »für etwas« bess­er seien als »gegen etwas« und dass möglichen Nazi­aufmärschen deeskalierend zu begeg­nen sei. Ein Polizeis­prech­er wies abschließend darauf hin, dass eine »Bedro­hung durch Link­sex­trem­is­ten« auch nicht auszuschließen sei.

Kein Grund also für die Recht­en, sich zurück­zuhal­ten. Im Früh­jahr 2003 kommt es zu ein­er Welle von Angrif­f­en auf alter­na­tive Jugendliche. Während es tagsüber meist bei Pöbeleien und Rem­peleien bleibt, fahren abends mit Recht­sex­trem­is­ten beset­zte Autos durch die Stadt und greifen Leute von der Straße ab, die ihnen als »links« erscheinen. In der Nacht zum 1. Mai über­fall­en mehr als 20 Nazis das Schwedter Park­café, in dem ger­ade ein Konz­ert stat­tfind­et. Flüch­t­ende Konz­ertbe­such­er wer­den durch die Stadt gejagt, gestellt und ver­prügelt. Erst als alles vor­bei ist, wird die Polizei aktiv. Sie nimmt die Per­son­alien der Opfer und ihrer Fre­unde auf.

Mit dem grausamen Über­fall auf Tom find­et die Serie von Angrif­f­en ihren vor­läu­fi­gen Höhep­unkt. Fast genau ein Jahr zuvor wurde in Pot­zlow, nördlich von Schwedt, der 16jährige Mar­i­nus Schöberl geprügelt, über Stun­den mal­trätiert und mit anti­semi­tis­chen Parolen beschimpft. Mar­i­nus über­lebte nicht. Seine Leiche versenk­ten die Täter in ein­er Jauchegrube. Dass Tom mehr Glück hat­te, ist Zufall.

Mit Unter­stützung kann die kleine alter­na­tive Szene den­noch nicht rech­nen. Der Bürg­er­meis­ter hat schon bekan­nt gegeben, dass der zehn Quadrat­meter große Raum, in dem sich PUKK trifft, am Ende des Jahres nicht mehr zur Ver­fü­gung ste­ht. Und im Herb­st sind Bürg­er­meis­ter­wahlen. Das The­ma des recht­sex­trem­is­mus und die Förderung alter­na­tiv­er Jugend­kul­turen ste­hen im Wahlkampf nicht auf dem Pro­gramm. Schwedt bleibt sich treu.

Auch für die Jugendlichen von PUKK ändert sich nach dem Angriff auf Tom nicht viel: »Wir passen gut auf, gehen abends nicht allein raus. Aber wir lassen uns keine Angst machen.« Gibt es keinen Licht­blick? Doch: Schwedt hat gle­ich zwei Bahn­sta­tio­nen und eine Direk­tverbindung nach Berlin, alle zwei Stun­den.

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