2. Oktober 2004 · Quelle: LR

Lübbenau gedenkt seinem Widerstandskämpfer

Vor dem Altar ste­ht ein Kreuz aus Kiefern­holz, die sicht­bare Erin­nerung an den Lausitzer Wider­stand­skämpfer Wil­helm Friedrich Graf zu Lynar. Darauf ste­ht: geboren 3. Feb­ru­ar 1899, gefall­en 29. Sep­tem­ber 1944. Der damals 45-Jährige gehörte zu ein­er Gruppe von 5000 Men­schen, die nach dem gescheit­erten Atten­tat auf Hitler vor 60 Jahren ihr Leben lassen mussten. Lynar wurde abgeurteilt und hin­gerichtet. Am Mittwochabend gedacht­en in der Lübbe­nauer Niko­laikirche etwa 100 Men­schen dem Grafen,
in ihrer Mitte auch seine Fam­i­lie.

“Dieser Gottes­di­enst ist umstrit­ten”, sagt Pfar­rer Michael Oel­mann gle­ich zu Beginn sein­er Predigt, den die Lübbe­nauer Schützengilde gemein­sam mit der evan­ge­lis­chen und katholis­chen Kirche organ­isiert
hat­te. “Manche erin­nern sich nicht gern, was vor 20, 40 oder 60 Jahren war. Erin­nerung ist nicht immer bequem.” Damit spielte Oel­mann nicht nur auf die Tat­sache an, dass sich einige Mit­glieder des Gemein­dekirchen­rates dage­gen aus­ge­sprochen haben, mit den Uni­formierten
einen Gottes­di­enst abzuhal­ten.

Auch den Stre­it um eine Straßenum­be­nen­nung in Lübbe­nau the­ma­tisierte der Pfar­rer sehr direkt. Vor kurzem hat­te die Stadtverord­neten­ver­samm­lung
entsch­ieden, dem Wider­stand­skämpfer im Stadtzen­trum eine Straße zu wid­men. So soll die jet­zige Post­straße, die Markt und Bahn­hof verbindet,
nach Lynar benan­nt wer­den. Kurz nach dieser Entschei­dung gab es eine Unter­schrifte­nak­tion, die sich aus Kosten­grün­den gegen eine Umbe­nen­nung aussprechen. Mehr als 1200 Men­schen unterze­ich­neten das Protestschreiben.

Für Michael Oel­mann ist es undenkbar, sich des Grafen zu Lynar nicht zu erin­nern: “In seinem Haus wurde geistig gebaut — an einem neuen Deutsch­land. Sein­erzeit war selb­st pas­siv­er Wider­stand lebens­ge­fährlich.” Oel­mann begrüßte es aus­drück­lich, dass die
Schützengilde, dessen Ehren­mit­glied der Wider­stand­skämpfer ist, sich dieser Erin­nerung nicht ver­schließt. Die Schützen legten zum Gedenken
einen Kranz nieder. “Wir haben alle gemerkt, wie wichtig Erin­nerung ist”, sagt Ernst Krüger­mann, der Haupt­mann der Schützengilde zu Lübbe­nau. “Auch nach 60 Jahren berührt eine Lebens­geschichte noch unser
Gewis­sen.” Der prämierte Film der Vetschauer Gym­nasi­astin­nen Anne Kolouschek und Clau­dia Miehle über das Leben des Grafen Lynar unter­strich Krüger­manns Aus­sage.

“Jet­zt kön­nen die Ver­schwör­er des 20. Juli 1944 aus dem kul­turellen Gedächt­nis der Stadt Lübbe­nau, aber auch der gesamten Lausitz nicht mehr gestrichen wer­den”, so Michaek Oel­mann. Die nach dem Grafen Lynar
benan­nte Straße sei nun auch äußeres Zeichen, dass sich Lübbe­nau zu diesem Mann bekenne: “Ich bin stolz, bald auf ein­er Straße zu gehen, die
seinen Namen trägt”, rief der Pfar­rer der Gemeinde zu.

Auch Lübbe­naus Bürg­er­meis­ter Hel­mut Wen­zel befür­wortet die Straßenum­be­nen­nung. “Geschichte wird viel zu schnell aus­ge­blendet. Vielle­icht ist es oft bess­er, sich per­sön­lich zurück­zunehmen”, sagte er
in Rich­tung der Umbe­nen­nungs­geg­n­er. Allerd­ings: “Es geht ihnen nicht um das Anliegen, das unter­stützen sie. Sie fühlen sich lediglich per­sön­lich betrof­fen.” Es gehe also nicht darum, die Erin­nerung an Lynar aus­blenden
zu wollen, son­dern um ganz per­sön­liche Inter­essen. Die will Wen­zel den Protestieren­den gern zugeste­hen, ver­weist jedoch gle­ichzeit­ig auf die Entschei­dung der Stadtverord­neten: “Das war ein knap­per, aber
demokratis­ch­er Entschluss.” Was er sein­er Ver­wal­tung und dem Par­la­ment jedoch ankrei­det: “Die Zeit war zu kurz, um das The­ma zu disku­tieren. Da kön­nen wir uns fra­gen, wieso wir das nicht eher kom­mu­niziert haben.”

Für Gui­do Graf zu Lynar, dem Sohn des früheren Adju­tan­ten des Gen­er­alfeld­marschalls Erwin von Wit­zleben, ist die Straßen­wid­mung eine späte Anerken­nung: “Ich empfinde das als große Ehre und Bestä­ti­gung,
dass wir Lynars nicht mehr als böse Junker gese­hen wer­den, son­dern als gute Bürg­er.” Sein Dank gilt vor allem der Schützengilde, die die Erin­nerung an seinen Vater am Leben hält.

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