17. August 2005 · Quelle: Strandi

Märkischer Bote” in 700 Briefkästen

Am Mor­gen des 24.07.2005 fan­den ca. 700 Bad Freien­walder Haushalte eine Aus­gabe des Märkischen Boten in ihren Briefkästen. “Märkisch­er Bote”: Ein “Unab­hängiges Mit­teilungs­blatt für den Nor­dosten Bran­den­burgs” oder nationale Pro­pa­gan­da des Märkischen Heimatschutzes?

Zumin­d­est lässt es das Titel­blatt ver­muten, denn groß auf der ersten Seite ist Pro­pa­gan­da für die größte faschis­tis­che Jugen­dor­gan­i­sa­tion in Bran­den­burg, dem MHS, geschal­tet. Vom Staatss­chutz im Visi­er und von Gor­don Rein­holz als Agi­ta­tor geleit­et, ist die ca. 45 Mann große Gruppe wohl auch die gefährlich­ste.

Als Impres­sum ist nur ein Post­fach angegeben, schade eigentlich, denn an ein solch­es ist eine Zustel­lung von Strafanzeigen nicht möglich. Als Ver­ant­wortlich­er zeich­net wieder Gor­don Rein­holz, bei dem im Jahre 2003 Adressen und Kon­tak­t­dat­en von Polizis­ten, Richtern, Staat­san­wäl­ten, Jour­nal­is­ten, Wis­senschaftlern und Linken bei ein­er Haus­durch­suchung gefun­den wur­den. In Polizei-Kreisen nen­nt man solche Samm­lun­gen “Schwarze Lis­ten”. Man ver­mutet, dass dort unlieb­same Geg­n­er eingeschüchtert wer­den soll­ten, oder Schlim­meres.

Schon auf der ersten Seite lässt sich deut­lich erken­nen, dass lib­erale The­men, meist abgeschaut aus anderen Medi­en, immer mehr zu einem Blick­fang für Recht­sex­treme wer­den. Die Stadt Eber­swalde wird dort als Aus­beuter des kleinen Men­schen durch Pri­vatisierung dargestellt. Aus dem Zusam­men­hang geris­sen will man erk­lären, dass aus­ländis­che Indus­trie­un­ternehmen deutsche Fir­men schluck­en kön­nten und die Preise um das dreifache steigen kön­nten. Dies beweist den Schwachsinn, denn Kartel­lkon­troll­maß­nah­men wür­den so eine über­triebene Erhöhung nicht hin­nehmen, hier ver­sucht das Blatt durch Lügen die Men­schen zu bee­in­flussen.

Die Aus­län­der­feindlichkeit und der EU-Hass zeigt sich gle­ich daneben. Für die Erhöhung der Kosten für die Her­stel­lung in der Land­wirtschaft wird das Regel­w­erk der EU ver­ant­wortlich gemacht, obwohl jede Kuh durch­schnit­tlich von der EU mit 2 bis 3 Euro pro Tag sub­ven­tion­iert wird und die Land­wirtschaft gefördert wird. Für die drück­enden Preise wird dazu noch die EU-Oster­weiterung ver­ant­wortlich gemacht, das man dort nur ver­sucht den Stan­dart der EU zu erre­ichen und über­haupt erst mal konkur­ren­zfähig zu wer­den, wird ein­fach aus­ge­blendet. Die Ver­ant­wor­tung wird schlicht auf das Aus­land abgeschoben.

Als näch­stes nimmt man sich die Fam­i­lien­poli­tik vor. In diesem Artikel soll gezeigt wer­den, wie sehr doch die Poli­tik für Fam­i­lien ver­sagt hat, von realen Zahlen­beispie­len und Fak­ten kann gar nicht die Rede sein. Ange­blich muss man sich in den näch­sten Jahren nach den Schulen richt­en “…die noch beste­hen bleiben…”. Das Schulge­setz sieht vor, dass jed­er Schüler das Recht auf Bil­dung hat und haben sollte und sich somit nicht unter seine Leis­tun­gen degradieren lassen muss. Als Grund für den Geburten­rück­gang sieht der Autor die immer weit­er zurück­ge­hen­den sozialen Leis­tun­gen für “deutsche Fam­i­lien”. Dort ist nicht die Rede von Bil­dung für alle, son­dern nur die Förderung deutsch­er Fam­i­lien, darf man daraus schließen, dass andere Fam­i­lien weniger wert sind? Die Has­s­wörter find­en immer weit­er ihren Höhep­unkt. Es ist die Rede von “volks­feindlich­er Poli­tik” und “dem deutschen Volk”. Als Grund für ihre Ver­ar­mung wird ein völ­lig undurch­sichtlich­es Steuer und Abgaben­sys­tem kon­stru­iert, bei dem wenige Arbeit­nehmer für viele Arbeit­slosen­geldempfänger und Rent­ner aufkom­men müssten. Die Real­ität sieht anders aus: Das Geld zirkuliert nicht zwis­chen den kleinen Men­schen, wie in ihren absur­den Tagträu­men, son­dern es verteilt sich von unten nach oben, etwa 4% der Men­schen besitzen ca. 50% des Kap­i­tals in Deutsch­land.

Im gegenüber­liegen­den Artikel wird der Sozial­pass, der in Schwedt vor kurzem einge­führt wurde, als Armut­szeug­nis aus­gelegt. Dass dieser Ausweis den wirk­lich Hil­febedürfti­gen zugute kommt, wird nicht erwäh­nt. Stattdessen wird eine Pauschale für alle Bürg­er gefordert und die Abschaf­fung aller öffentlichen Ein­rich­tun­gen. Wir fassen zusam­men: im vorigen Artikel beschw­ert man sich über die Schließung von öffentlichen Ein­rich­tun­gen und hier fordert man dazu auf. Bei diesem Schwachsinn fehlen einem die Worte.

Die Bru­tal­ität des Märkischen Heimatschutzes zeigt sich auch auf der näch­sten Seite: Umrahmt mit Stachel­draht prangen die Worte “EU — Nein Danke”. Wirk­lich Kri­tik an der Ver­fas­sung kommt hier nicht zum Aus­druck, wieder wird ein sach­lich­es The­ma von Faschis­ten okkupiert. Das die PDS dieses The­ma schon vor Monat­en aufge­grif­f­en hat und die unsozialen Artikel und den viel zu sehr auf den Markt aus­gerichteten Text kri­tisierte und sie jet­zt nur noch abkupfern, wird natür­lich nicht erwäh­nt. Aus Kri­tik an ein­er Ver­fas­sung wird hier EU-Hass und Frem­den­feindlichkeit. Der ganze Artikel strotzt nur von Ras­sis­mus, der große Gedanke ein­er ein­heitlichen Ver­fas­sung, bei der alle Mit­glieder gle­ich gestellt wer­den, wird hier aus­ge­blendet und als Unter­jochung des deutschen Volkes dargestellt, so wird pauschal­isiert, dass “…eine EU-Ver­fas­sung über dem Grundge­setz ste­ht…”. Frei stellen sie sich gegen den Gedanken ein­er ein­heitlichen EU: “Wir die nationale und soziale Oppo­si­tion in Deutsch­land, sagen NEIN zur EU und zur EU-Ver­fas­sung.” Ein­deutig nation­al­is­tisch und ein­deutig ver­fas­sungswidrig.

Der Höhep­unkt find­et sich im let­zten Artikel, wo wieder ein­mal die deutschen Opfermythen hochge­hal­ten wer­den. Schon in den ersten Zeilen kommt her­aus, dass sich der 8. Mai für sie nur als Trauer­trag bege­hen lassen kann. 20 Mil­lio­nen sow­jetis­che Kämpfer der ruhm­re­ichen roten Armee star­ben im großen vater­ländis­chen Krieg. Sie befre­it­en uns von Hitler und dem Faschis­mus in Europa. Dies kann nur als Tag der Befreiung gefeiert wer­den. Den­noch “eine noch nie da gewe­sene Demü­ti­gung unseres Volkes das mit Ver­bis­senheit und dem Mut der Verzwei­flung sich gegen die Nieder­lage stemmte.” Hier wird das deutsche Opfer­tum hochge­hal­ten und die Gräber der gefal­l­enen Befreier wer­den mit Füßen getreten. Die Ehrung der Opfer soll hier als staatlich ange­ord­net dargestellt wer­den und eine wirk­liche Dankbarkeit gab es schein­bar in ihren Augen nicht.

Danach wird ein Ver­gle­ich von Japan nach Deutsch­land gezo­gen und wieder find­et sich eine Verk­lärung der Geschichte, ange­blich gedenkt man dort der Nieder­lage am 15. August, dass man dort den Angrif­f­en der ersten Atom­bombe gedenkt und auch inter­na­tion­al um die Opfer trauert und Schuldeingeständ­nisse zugibt, wird nicht erwäh­nt. Für sie sind diese Tage Mah­nung der Geschichte, was sie für uns auch sein soll­ten.

In diesem Artikel möchte ich auch Platz­man­gel nicht alle Artikel ansprechen, aber die größten und gefährlich­sten des braunen Mobs habe ich hier dargestellt, es kann nur heißen, dass man sich solchen Leuten offen ent­ge­gen­stellt und sie schon in den Anfän­gen verurteilt. Nie wieder darf von Deutsch­land eine faschis­tis­che Gefahr aus­ge­hen. Dies kann nur mit Aufk­lärung erre­icht wer­den und dem fes­ten Glauben an eine wirk­liche Demokratie, die sich mit Faschis­mus und deren Argu­menten auseinan­der set­zt und sie im Keim ent­larvt und sie nicht über­stre­icht und als klein und unbe­deu­tend abtut.

Stran­di

zusät­zliche Quellen:

www.nadir.org/nadir/periodika/aib/archiv/64/27.php

www.politische-bildung-brandenburg.de/extrem/freie.htm

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Beiträge aus der Region

Anger­münde – Jüdis­che Fried­höfe sind oft die einzi­gen Zeu­gen des regen jüdis­chen Lebens in Bran­den­burg vor sein­er Ver­nich­tung.
Die Ver­anstal­tung find­et am 29.10.2019 um 18 Uhr im Rathaus statt.
Bernau – Das Net­zw­erk für Weltof­fen­heit lädt zum Erzählcafé am 01.11.2019 um 19.00 Uhr in der Galerie Bernau. Der Abend dient zum Aus­tausch von erlebten Geschichte(n) zu 1989 aus unter­schiedlichen per­sön­lichen Per­spek­tiv­en.
Biesen­thal – Am 20.10.2019 find­et um 16:00 Uhr im Kul­tur­bahn­hof Biesen­thal eine Lesung von Man­ja Präkels Debütro­man “Als ich mit Hitler Schnap­skirschen aß” mit anschließen­der Diskus­sion statt.

Opferperspektive

Termine für Potsdam

NSUwatch Brandenburg

Termine für Berlin

Netzwerk Selbsthilfe

Suche

  • Kategorien


  • Regionen



Inforiot