7. Juni 2010 · Quelle: AR_P//U (Antifaschistische Recherche_Potsdam//Umland)

Marcel Guse: Portrait eines nationalsozialistischen Stadtverordneten

Pots­dam- Im fol­gen­den Text wer­den wir die poli­tis­che Lauf­bahn und die dahin­ter ste­hende offen nation­al­sozial­is­tis­che Ide­olo­gie des NPD-Stadtverord­neten Mar­cel Guse beschreiben.
Inner­halb kurz­er Zeit entwick­elte sich Mar­cel Guse zu ein­er aktiv­en Per­sön­lichkeit der neon­azis­tis­chen Szene Pots­dams und des Umlan­des. Zurzeit ver­fol­gt er eifrig das Ziel der „Zusam­men­führung der vie­len zer­streuten nationalen Kräfte“ in Pots­dam, sowie „die Gewin­nung neuer Mit­stre­it­er“ für die NPD.

HERKUNFT
Seine poli­tis­che Lauf­bahn begann der Nieder­sachse bei der Bran­den­burg­er DVU. So beteiligte er sich spätestens seit dem Jahr 2008 an ver­schiede­nen DVU-Stän­den in Tel­tow-Fläming. An der Seite des ehe­ma­li­gen DVU- Stadtverord­neten Gün­ther Schwem­mer sam­melte er z.B. Unter­schriften gegen das geplante Asyl­suchen­den­heim im Pots­damer Stadt­teil Schlaatz und organ­isierte die monatlich stat­tfind­en­den Stammtis­che der DVU. Der recht großmäulig und selb­st­be­wusst agierende Guse trat außer­dem zusam­men mit NPD-Bun­desvor­standsmit­glied Man­fred Börm (Raum Lüneb­urg) als selb­st ernan­nter Per­so­n­en­schützer auf, als Udo Voigt verge­blich ver­suchte ein „Gruß­wort“ an die Pots­damer Stadtverord­neten­ver­samm­lung im Zuge der Kom­mu­nal­wahlen 2008 zu richt­en. Börm ist langjähriges Mit­glied der NPD und leit­et einen so genan­nten „Ord­nungstrupp“, welch­er NPD-Ver­anstal­tun­gen absichert. In den 70er Jahren wurde er wegen des bewaffneten Angriffs auf ein NATO-Lager verurteilt und war bis zu deren Ver­bot Mit­glied der „Wik­ing-Jugend“ und der ter­ror­is­tis­chen „Wehrsport­gruppe Wolf“. Der plöt­zliche Tod Schwem­mers Ende Mai 2009 ver­half Guse zu ein­er Posi­tion in der ersten Rei­he und dem einzi­gen DVU-Sitz im Pots­damer Stadt­par­la­ment. Er rück­te nach und set­zte da an, wo Schwem­mer aufge­hört hat­te. Im Stadt­par­la­ment stellte er nun Anfra­gen zur man­gel­nden Denkmalpflege von Kriegs­gräbern für deutsche Sol­dat­en, forderte die Aufk­lärung über die Partei „die Linke“ und deren ange­bliche SED Ver­gan­gen­heit, äußerte seine Angst vor „hem­mungslos­er Über­frem­dung“ und provozierte in Sitzun­gen, gab sich jedoch der DVU-Lin­ie treu. Darüber hin­aus beteiligte sich Guse, dessen Alter deut­lich unter dem Durch­schnitt der DVU liegt, maßge­blich an der Grün­dung der DVU-Jugen­dor­gan­i­sa­tion „Junge Rechte“. Das Grün­dungstr­e­f­fen fand am 5. Juli 2009 unweit von Pots­dam statt und Guse wurde zum stel­lvertre­tenden Bun­desvor­sitzen­den ernan­nt. Er ver­fasste Flug­blät­ter im Namen der DVU und verteilte diese. Zur Wahlkamp­fab­schlusskundge­bung der DVU am 20. Sep­tem­ber 2009 trat er neben der Bran­den­burg­er DVU-Frak­tionsvor­sitzen­den Liane Hes­sel­barth als Red­ner auf und ver­suchte zum Schluss Aufmerk­samkeit durch hero­is­ches Schwenken der Deutsch­land­fahne zu erhaschen.

AKTUELL
Kurz nach­dem die (schlecht­en) Wahlergeb­nisse der DVU bekan­nt gegeben wur­den,   verkün­dete Mar­cel Guse auf der nation­al­is­tis­chen Web­site „gesamtrechts“ seinen Über­tritt zur NPD. Er beteuerte, dass er dies nicht auf­grund der Wahlergeb­nisse tue. In sein­er Erk­lärung heißt es: „Das ist geschehen, weil die NPD für Recht­sex­treme die besseren Möglichkeit­en bietet, Poli­tik zu machen.” Außer­dem sagte er gegenüber der Taz: “Die NPD ist die Zukun­ft, die DVU nur noch ein zweite CSU.” Seit­dem ist die DVU in Pots­dam nicht mehr in Erschei­n­ung getreten. Die Domain ihres Stadtver­ban­des ste­ht mit­tler­weile zum Kauf im Inter­net. Mit dem Über­tritt sitzt Guse nun als NPDler in der Pots­damer            Stadtverord­neten­ver­samm­lung und fällt immer wieder durch anti­semi­tis­che   Zwis­chen­rufe oder anderes neon­azis­tis­ches Ver­hal­ten auf .

Im Jan­u­ar 2010 grün­de­ten u.a. Mar­cel Guse und Daniel Hintze, unter dem Dach des Kreisver­ban­des Hav­el-Nuthe, den Pots­damer NPD-Stadtver­band, dessen Vor­sitz durch Guse beset­zt ist. Auf dem Foto der Grün­dungs­feier ist zu sehen, wie Mar­cel Guse dem Vor­sitzen­den des NPD-KV Hav­el-Nuthe, Michel Müller, die Hand schüt­telt. Dieser ist ein vorbe­strafter Gewalt­täter und saß mehrfach wegen poli­tisch motiviert­er Gewalt­de­lik­te auf der Anklage­bank.
Ein erster NPD-Stammtisch mit weit­eren Vertreter_innen aus Pots­damer Neon­azi-Grup­pierun­gen ließ nicht lange auf sich warten, und diente zur lokalen Ver­net­zung der Neon­azi-Szene. Dabei zeigt Guse kein­er­lei Berührungsäng­ste bei der Zusam­me­nar­beit mit offen nation­al­sozial­is­tis­chen Kam­er­ad­schaften in Pots­dam. Warum auch? Er selb­st tritt offen ein für die Forderung nach einem „Nationalen Sozial­is­mus!“. Er verteilte mit den „Freien Kräften“ gemein­sam Fly­er gegen das Asyl­suchen­den­heim am Schlaatz, er besucht mit ihnen Demon­stra­tio­nen und ver­linkt ihre Home­pages auf der Seite der NPD Hav­el-Nuthe.

IDEOLOGIE
Auch virtuell ist Guse neon­azis­tisch unter­wegs. Auf der Home­page des NPD- Kreisver­ban­des Hav­el-Nuthe sind viele sein­er selb­st ver­fassten Berichte (u.a. über die Stadtverord­neten­ver­samm­lun­gen) veröf­fentlicht. Dabei ist er sich auch nicht zu fein Adolf Hitler “aus aktuellem Anlass” zum Geburt­stag zu grat­ulieren.
In dem einen oder anderen Bericht sind auch Zitate vom neon­azis­tis­chen Lie­der­ma­ch­er Frank Ren­nicke und sog­ar von Joseph Goebbels zu find­en. “Der Idee [der NSDAP] entsprechend sind wir die deutsche Linke. Nichts ist uns ver­has­ster als der rechtsste­hende nationale Besitzbürgerblock.”[1] Wobei er den in Klam­mern geset­zten Teil durch Sternchen erset­zte, wohl aus Angst vor Repres­sion. So veröf­fentlicht er auch biographis­che Anek­doten über seinen Groß­vater, bei dem er meinte auf alten Fam­i­lien­fo­tos einen „Dop­pel­blitz am Kra­gen“ erkan­nt zu haben: „Ich bin so stolz auf Opa Erich” [2]. Nur zwei Wochen zuvor schrieb er: „In tiefer Dankbarkeit verneigen wir uns vor den tapfer­en deutschen Sol­dat­en aller Waf­fen­gat­tun­gen und vor den europäis­chen Kriegs­frei­willi­gen, die auf deutsch­er Seite kämpften und im großen Völk­er­rin­gen ihr Leben in die Waagschale legten. Ewig lebt der Toten Tatenruhm!“[3] Dieser Ide­olo­gie fol­gend, fordert er auch die Rev­i­dierung der Oder-Neiße-Gren­ze mit recht drastis­chen Worten. Ihm sei es egal, ob „ein pol­nis­ch­er Präsi­dent (…) samt Gefolge ins Gras beißt“, da ihn nur die Frage inter­essiere, „wann kehrt die Heimat mein­er Vor­fahren wieder heim ins Reich“. Diese Aus­sage war dann wohl selb­st der NPD Hav­el-Nuthe zu ein­deutig und so nahm sie den Text nach weni­gen Tagen wieder von ihrer Seite. Auch son­st macht Guse aus seinem Herzen keine Mörder­grube. So schreibt er über einen Aus­flug von Pots­damer Neon­azis nach Berlin, dass diese in Zweier­rei­hen durch das Bran­den­burg­er Tor gelaufen seien, „dies­mal noch ohne Fack­eln und dazuge­hörigem Fah­nen­meer“. [4] Auch die bei Neon­azis übliche Wel­tun­ter­gangsstim­mung fehlt bei Guse nicht: „Die Zeichen ste­hen auf Sturm. Die Zeichen ste­hen auf Bürg­erkrieg. Nur eine deutsche Volks­ge­mein­schaft kann einen solchen Bürg­erkrieg gewin­nen.“ [5]. Mit Abstand am offen­sichtlich­sten tritt die nation­al­sozial­is­tis­che Ide­olo­gie Gus­es allerd­ings zu Tage, wenn er seine Texte Mal um Mal mit der Forderung nach einem „Nationalen Sozial­is­mus“ been­det.


ÖFFENTLICHE AUFTRITTE

Auf den Neon­azi-Demon­stra­tio­nen in Neu­rup­pin Ende März und am 01. Mai in Berlin war zu beobacht­en, dass Guse auch in Sit­u­a­tio­nen auftritt, in denen es zu Gewalt­tätigkeit­en von Seit­en der Demonstrationsteilnehmer_innen kommt. So war er, in bei­den Fällen bek­lei­det mit schwarzen Leder­hand­schuhen, in Rangeleien und Schub­sereien mit Polizist_innen bzw. Journalist_innen involviert. Die Sit­u­a­tion in Neu­rup­pin wurde später auf der Home­page der NPD mit den Worten beschrieben, dass der „Nationale Wider­stand zum Sturm auf die Vater­land­slosen überg­ing (…)”. Sich zunehmend steigernde, offene Gewalt­tätigkeit gehört also eben­falls in das Ver­hal­tensreper­toire des Mar­cel Guse.

FAZIT
Dieser Text zeigt die ein­deutig nation­al­sozial­is­tis­chen Aktiv­itäten Mar­cel Gus­es auf. Er ist in Pots­dam eine ide­ol­o­gis­che Führungs­fig­ur der lokalen neon­azis­tis­chen Szene. Seine p
oli­tis­chen Inhalte sind men­schen­ver­ach­t­end. Sein Werde­gang und seine bish­er for­mulierten poli­tis­chen Ziele deuten darauf hin, dass er sein Leben nach dieser Ide­olo­gie aus­richtet und fol­glich anzunehmen ist, dass er nicht nur die Stadtverord­neten­ver­samm­lung als Bühne nutzt, son­dern auch andere soziale Bere­iche. So soll­ten sowohl die Abend­schule, die er besucht, als auch die soziale Wohnein­rich­tung für Senior_innen Kur­sana Res­i­den­zen GmbH/ Haus Gabriel in Pots­dam, bei der angestellt ist, sich dieser Gefahr bewusst sein.

[1] hxxp://www.npd-havel-nuthe.de/?p=2529
[2] hxxp://www.npd-havel-nuthe.de/?p=2621
[3] hxxp://www.npd-havel-nuthe.de/?p=2325
[4] hxxp://www.npd-havel-nuthe.de/?p=2248
[5] hxxp://www.npd-havel-nuthe.de/?p=2112
[6] hxxp://www.npd-havel-nuthe.de/?p=2529

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Beiträge aus der Region

Pots­dam – Unter dem Mot­to „SOS an den EU-Außen­gren­zen! Pots­dam – ein sicher­er Hafen!?“ laden Ini­tia­tiv­en anlässlich des „Tag des Flüchtlings“ am 27.09.2019 zu einem Aktion­stag ein.
Im Gedenken an Micha tre­f­fen wir uns am Sam­stag den 31. August 2019 zu ein­er Gedenkkundge­bung um 17 Uhr am Stein der Inter­na­tionalen Brigaden „Tre­ff­punkt Freizeit“ in Pots­dam.
Pots­dam — Unter dem Mot­to “Wer schweigt, stimmt zu. Gegen Recht­sruck und für eine sol­i­darische Gesellschaft” zog ein bunter Zug antifaschis­tis­ch­er Kräfte vom Babels­berg­er Luther­platz durch Zen­trum Ost bis zum Platz der Ein­heit in der Pots­damer Innen­stadt.

Opferperspektive

Termine für Potsdam

NSUwatch Brandenburg

Termine für Berlin

Netzwerk Selbsthilfe

Suche

  • Kategorien


  • Regionen



Inforiot