30. Juni 2005 · Quelle: Berliner Zeitung

Massengrab wird nicht geöffnet

FRANKFURT (ODER). Auf einem schäbi­gen Gelände unweit des Polizeipräsidiums
von Frank­furt (Oder) wer­den die Gebeine von min­destens 1 300 deutschen
Wehrma­chtssol­dat­en ver­mutet — begraben unter Asphalt, Beton­plat­ten und
Unkraut. Das ver­bor­gene Mas­sen­grab haben der Stadthis­torik­er Joachim
Schnei­der und Rolf Hüb­n­er vom Volks­bund Deutsche Kriegs­gräber­für­sorge anhand
sow­jetis­ch­er Akten nachgewiesen. Nie­mand zweifelt dies an, doch der Umgang
mit dem Fund stürzt Frank­furt (Oder) in einige Nöte. 

Ober­bürg­er­meis­ter Mar­tin Patztelt (CDU) hat jet­zt vorgeschla­gen, “die Toten
in Frieden ruhen zu lassen”. Zuord­nen ließen sie sich ohne­hin kaum noch. Der
gläu­bige Katho­lik schlug weit­er vor, eine Gedenkplat­te auf dem Ödland
anzubrin­gen. Außer­dem plant er, die zen­trale Frank­furter Gedenk­feier zum
Volk­strauertag dieses Jahr dort stat­tfind­en zu lassen. So will die Stadt
ver­mei­den, das Mas­sen­grab zu öff­nen. Nicht zulet­zt wohl, weil eine
umfassende Suchak­tion nach Schätzun­gen über eine Mil­lion Euro kosten würde.
Dage­gen protestiert nun Rolf Hüb­n­er von der Kriegs­gräber­für­sorge: “Das ist
Bauland. Da kann man doch keine Kriegstoten liegen lassen”, sagt Hübner
empört. “Wir sind doch ein Kulturstaat .” 

Die deutschen Sol­dat­en waren zumeist während des stra­paz­iösen Rücktransports
aus sow­jetis­ch­er Gefan­gen­schaft gestor­ben oder im dama­li­gen Frankfurter
Auf­fanglager umgekom­men. Sie waren in den Jahren 1946 bis 1950 eilig
ver­schar­rt wor­den. Bei der Auflö­sung des Fried­hofes zu Beginn der 70er-Jahre
hat­ten es die DDR-Behör­den dann schlicht ver­säumt, auch diese Gebeine auf
den Frank­furter Haupt­fried­hof umzu­bet­ten. Nach der Wende über­nahm eine
Ham­burg­er Fir­ma das Gelände, das zulet­zt als Lager­fläche genutzt wor­den war.
Schon Anfang der 90er-Jahre sollen Kanalar­beit­er dann bei Grabungsarbeiten
auf men­schliche Skelett­teile gestoßen sein. Die Fir­ma ist inzwischen
insol­vent. Doch eine Skizze mit Lage­plan, in dem die Knochenfunde
eingeze­ich­net waren, erre­ichte den His­torik­er Joachim Schnei­der schon vor
Jahren. Eine anonyme Zuschrift ohne Absender. 

Noch keine Suchanfragen 

“Das war der Aus­lös­er für unsere Unter­suchun­gen”, sagt Schnei­der. Mit Hilfe
der Namenslis­ten aus dem Moskauer Mil­itärhauptarchiv kon­nten Schnei­der und
seine Mit­stre­it­er nach­weisen, dass über 3 000 deutsche Kriegsheimkehrer in
den ersten Nachkriegs­jahren auf dem Fried­hof an der Liecht­en­berg­er Straße
begraben wur­den. Umge­bet­tet wur­den aber nur die Gebeine von etwa 1 800
Heimkehrern. Nach den Berech­nun­gen von Schnei­der liegen die Gebeine von
genau 1 377 deutschen Sol­dat­en unter der Brache. Eigentlich rechnet
Schnei­der sog­ar mit ein­er noch höheren Zahl. “Für das Jahr 1945 fehlen uns
die Akten, obwohl ger­ade in dieser Zeit viele Heimkehrer ver­stor­ben sein
müssten”, sagt Schnei­der. Denn die Sow­jets haben zunächst die schwer
kranken, arbeit­sun­fähi­gen Wehrma­chtssol­dat­en ent­lassen. Genau diese Menschen
aber hät­ten den Trans­port häu­fig nicht überlebt. 

Hin­terbliebene haben wegen des wahrschein­lichen Mas­sen­grabes aber noch keine
neue Ver­mis­sten-Suchan­fra­gen gestellt. Wed­er beim Such­di­enst des Deutschen
Roten Kreuzes in München noch beim Volks­bund. “Es gab nur vereinzelte
Nach­fra­gen”, sagt Hein­rich Rehberg vom DRK-Such­di­enst. “Die direkten
Ver­wandten inter­essiert meist, wie der Ver­mis­ste zu Tode gekom­men ist.” Im
Falle der Kriegsheimkehrer, die in Frank­furt (Oder) star­ben, habe man die
Todesum­stände meist schon in den ver­gan­genen Jahrzehn­ten rel­a­tiv genau
beschreiben können. 

Nach bald sechzig Jahren lassen sich die Gebeine nur noch schw­er zuordnen,
zumal die Heimkehrer keine Erken­nungs­marken mehr gehabt haben. Und
DNA-Ver­gle­iche mit Men­schen­knochen sind beson­ders aufwändig und kostspielig,
sagen Experten. Das Bauland indes ist mit einem ver­muteten Massengrab
prak­tisch wert­los geworden.

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