8. März 2006 · Quelle: Junge Welt

Mehr Hitlerverarsche!

Die Kam­er­aderie geht ja nicht ins The­ater, jeden­falls nicht in ein Staat­sthe­ater. Sie besucht allen­falls Schmierenop­eretten, damit der Schweiß der Jagd auf Undeutsches rasch­er trock­net. »Mein Kampf« des A. H. liest diese Bagage der Verir­rten und Elen­den unkom­men­tiert. Und ganz böse wird dies Alt-und Jungvolk, wenn Hak­enkreu­z­ler­größen belei­digt wer­den. Sie mit Spott zu über­schüt­ten, schmerzt beson­ders – braune Kehlen schreien dann nach Rache. Aber was soll ein Stück wie George Taboris »Mein Kampf«, das den recht­en Vol­lid­ioten gern ihren Hitler aus­treiben würde, auf dem The­ater, wo die mod­erne »Führer«-Klientel abwe­send ist? Will es das denn? Es ist anders.

Wer einen ver­höh­n­ten Hitler rechtzeit­ig sieht und begreift, der geht bess­er gewapp­net in die Pause auf den Schul­hof, wo die Recht­srock-CDs getauscht wer­den, von der Landser-Band und ähn­lichem. Antifaschis­tis­che Kun­st zu zeigen, müßte zur heili­gen Pflicht wer­den. Wider das Kleinre­den des großdeutschen Ver­brecher­tums! Wider die Hatz auf Aus­län­der! Der Staat muß die Lehr-und Aus­bil­dungspläne ändern, zum Beispiel: Kein Schüler oder Stu­dent schließt die Lehranstalt ab, ohne den Chap­lin-Film »Der große Dik­ta­tor«, den Stan­ley-Kramer-Streifen »Das Urteil von Nürn­berg« und zehn DEFA-und Mos­film­streifen zum The­ma gese­hen zu haben. So wie einst der DDR-Bub, das DDR-Mädel »Der Unter­tan« von Hein­rich Mann sehen und lesen mußten. Erziehung des Men­schengeschlechts!

Wie Chap­lins Film zeigt auch Taboris Farce, die am Fre­itag in Cot­tbus Pre­miere hat­te: Kaum ist die Krea­tur aus dem Schoß, fängt sie zu knur­ren und zu heulen an – wie ein Hund, aber der poten­tielle Mörder in ihr ist Men­sch wie du. In Hitler, dem Anstre­ich­er, bellt der Ver­brech­er nicht, bevor der Juden­has­s­er dem Juden sich anver­wan­delt, sich sein­er Dien­ste bedi­ent, mit ihm pak­tiert. Auch Hunde sind sen­ti­men­tal.

Eine schauer­lich-süßliche Jugend­sto­ry enthüllt sich auf der Bühne, bis­sig, spöt­tisch. Hitlers Mal­tal­ent wird belei­digt. Die Wiener Kun­stakademie lehnt die Auf­nahme des ver­meintlich ästhetis­chen Heißs­porns ab. Das bringt den napoleonisch geifer­n­den Adolf auf Abwege. Die Rat­te fällt in den Armenkeller von Juden und nährt sich an der gerin­gen Habe Schlo­mos.

Hitler und Schlo­mo Her­zl, so der volle Name – das ist der Kern der Geschichte. Regis­seur Christoph Schroth, über Jahre Inten­dant des Cot­tbuser Staat­sthe­aters, kostet die Kon­stel­la­tion in vollen Zügen aus. Hohn­gelächter, vor­witzig wie hin­ter­gründig, auf den späteren Usurpa­tor ist Leit­mo­tiv. Kon­turen des poten­tiellen Massen­mörders schauen in jed­er Phase, jedem Winkelzug durch. Spielort ist eine mar­o­de Keller­be­hausung mit Stahldop­pel­bet­ten, Tisch, Stühlen, Tür zum WC und aus­gestopftem Huhn, das sog­ar gack­ern kann und freilich auf die Schlacht­bank muß. Wer rein will in den Keller, muß die Treppe herunter steigen. Manch­mal ein Draht­seilakt. Für Tage neues Heim Hitlers, das bald auf seine Befehle wartet.

Schlo­mo ver­sorgt den exzen­trischen Jüngling mit Brot, auch mit geistiger Nahrung. Zu seinem Unglück emp­fiehlt er ihm gar, in die Poli­tik zu gehen. Welch Ini­tial der eige­nen Aus­rot­tung. Auf der Gren­ze liegt bekan­ntlich der frucht­bare Ort. Tabori scheut sich nicht, dem Puck­ern im Hitler­schen Winkel­herz Sprüche jüdis­ch­er Weisheit anzuheften, eine Verbindung, die nötig ist, um das Absurde der Vorgänge hochzutreiben.

Zum Zuge kom­men hochmo­tivierte, vorzügliche Schaus­piel­er. Die Schlo­mo-Rolle spielt Wolf-Dieter Lingk, immer etwas gebückt, fast untertänig, freilich ungle­ich schlit­zohriger, gescheit­er als sein satirisches Gegenüber. Die Weisheit ein­er ungeschützten Welt wohnt in dieser Rolle. Was dieser schein­bar unbe­holfe Bücher­jude alles ertra­gen muß. Doch immer weiß er sich aus der Affäre zu ziehen. Plas­tisch die Szene mit dem split­ter­nack­ten Gretchen (Tere­sa Waas): Wie es dem ver­schämten, vor Selb­stvor­wür­fen zit­tern­den Schlo­mo die Fußnägel abkaut. Gretchen wird eine vom BdM, aber sie lernt, das böse Spiel im Keller zu durch­schauen, und ver­weigert sich schließlich, mit den Wölfen zu heulen.

Rest­los verquarkt der Charak­ter, den der hochbe­gabte Kai Börn­er als Junghitler gibt. Eine Leis­tung, die, anders als Chap­lins geschmei­di­ger Dik­ta­tor, das Infan­tile, Jun­gen­hafte der Fig­ur wie das Maschinelle des Kör­pers und der Gesten her­ausar­beit­et. Da rollt schon der ferne Mörder mit den Augen, da bellt aus dem Mund schon das Raubti­er. Das ganze verquol­lene Vok­ab­u­lar im Hitler­schen Dun­stkreis zeigt sich auch bei Himm­lis­chst, Syn­onym für Himm­ler, von Jonas Hart­mann frech-mil­i­tant ans Pub­likum direkt adressiert, und bei Frau Tod (Susanne Thiede), der Nymphomanin des Ster­bens. Ihr Gang, den verzweifel­ten Schlo­mo zurück­lassend, mit Hitler und Himm­ler die Stahltreppe hin­auf in die Hölle, die Hand zum Hit­ler­gruß erhoben, gehört zu den ein­dringlich­sten Szenen der Auf­führung.

»Mein Kampf« ist ent­lar­ven­der als das meiste Kün­st­lerische, das von Hitler han­delt. Taboris Wurf von 1987 kon­terkari­ert schla­gend jenes unsägliche Meis­ter­w­erk, das sich »Der Unter­gang« schimpft, ein Film, der so jäm­mer­lich ist wie sein Haupt­darsteller Bruno Ganz, der mit dieser Rolle vor der Welt bewiesen hat, wie elend verkom­men doch die Krea­tur Schaus­piel­er ist, wenn sie nicht mehr drauf­schaut, was sie da eigentlich spielt.

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