20. April 2005 · Quelle: LR

Miryam hat überlebt

(LR, 19.4.) Miryam Yaron war ganze sieben Jahre alt — als sie mit ihrer Fam­i­lie im April
1945 auf der Ver­lader­ampe von Bergen-Belsen in einen der drei Züge gepfercht
wurde. Es sollte von dem einen Todeslager in ein anderes gehen — nach
There­sien­stadt. Doch die zehn­tägige Irrfahrt über Soltau, Uelzen,
Wit­ten­berge, Nauen, Berlin, Lübben, Cot­tbus, Sen­ften­berg, Schip­kau endete in
Tröb­itz. Sie, ihre Eltern und die Schwest­er über­lebten die Tor­tour unter
Hunger, Durst, Kälte und den ständi­gen Bombe­nan­grif­f­en, doch der kranke
Vater ver­starb fern sein­er hol­ländis­chen Heimat. 

Miryam Yaron lebt heute in Israel — sie besuchte gestern nach 60 Jahren das
erste Mal die Stätte ihrer Befreiung aus dem “Todeszug” , der ent­lang der
Gleise eine Spur von Mas­sen­gräbern hin­ter­lassen hat. “Neben mir starben
ständig Men­schen in den Wag­gons” , erin­nert sich die Frau — und auch daran:
“Es waren sehr viele Kinder darunter, manche waren noch viel jünger als
ich.” Wer es von den über 2 000 Men­schen im Zug bis Tröb­itz schaffte und
frei kam, als sow­jetis­che Sol­dat­en am 23. April 1945 die Waggontüren
öffneten, hat­te das Ster­ben noch nicht über­standen: In Tröb­itzer Erde ruhen
viele Juden aus zahlre­ichen Län­dern der Welt — Opfer von Unter­ernährung und
Krankheit. 

Gle­ich neben der Kirche, wo in zwei Mas­sen­gräbern 160 Men­schen begraben
sind, und auf dem jüdis­chen Fried­hof, auf dem 125 Frauen, Män­ner und Kinder
ruhen, ist gestern ihrer und daran, was im Zweit­en Weltkrieg Menschen
Men­schen ange­tan haben, gedacht wor­den. Etwa 50 Juden, ehe­ma­lige Häftlinge
aus dem “Ver­lore­nen Trans­port” und viele begleit­et von jün­geren Angehörigen,
besucht­en die Gräber, legten Steine nieder oder streuten gar mitgebrachte
Erde aus Israel darauf. Hier begeg­neten sich die Juden und die Tröbitzer,
die es “als unsere Ehre und Verpflich­tung anse­hen, die Gedenkstät­ten zu
pfle­gen” , wie es Bürg­er­meis­ter Dieter Schäfer ver­sicherte — und daran
erin­nerte, dass damals auch 26 Tröb­itzer den Tod fan­den. Solche Begegnungen
seien wichtig, um das Schreck­liche wach zu hal­ten, “damit sich so etwas
nicht wieder­holt” , betonte Prof. Johan­na Wan­ka, Brandenburgs
Kul­tur­min­is­terin, in ein­er kurzen Rede. Sie böten den Über­leben­den eine
Chance, der Ver­söh­nung ein Forum zu geben, so die Min­is­terin. Zu den
Teil­nehmern der Gedenkver­anstal­tung gehörten gestern neben Bürg­ern aus dem
Ort auch Vertreter des Kreis­es, des Amtes, der Kirchen und von Parteien. Und
als Isaac Shaf­fer von der jüdis­chen Gemeinde in Berlin das Totenge­bet sang
und sprach, erin­nerte Chanoch Man­del­baum, ein­er der Über­leben­den, vor den
großen Tafeln mit den Namen aller 553 Toten des “Ver­lore­nen Trans­portes” in
bewe­gen­den Worten noch ein­mal an die sechs Mil­lio­nen jüdis­chen Opfer im
Zweit­en Weltkrieg, von denen viele “zur Massen­schlach­tung in die
Ver­nich­tungslager ver­schleppt” wor­den seien. Und alle waren vere­int in der
Hoff­nung: Nie wieder!

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