15. Januar 2003 · Quelle: Tagesspiegel / Berliner Zeitung

Mit beiden Fäusten reingeschlagen

(Tagesspiegel, Frank Jansen) Neu­rup­pin. Im Prozess zum gewalt­samen Tod des Aussiedlers Kajrat B. hat ein weit­er­er Angeklagter ein Teilgeständ­nis abgelegt. Er habe sich auf einen Rus­s­land­deutschen gekni­et und mit bei­den Fäusten „reingeschla­gen“, sagte Ralf A. (21) gestern vor dem Landgericht Neu­rup­pin. Die Staat­san­waltschaft Neu­rup­pin wirft Ralf A. und drei weit­eren jun­gen Män­nern Totschlag vor, dem fün­ften Angeklagten gefährliche Kör­per­ver­let­zung. In der Nacht zum 4. Mai 2002 war der 24-jährige Aussiedler Kajrat B. in Witt­stock bei ein­er Schlägerei so schw­er ver­let­zt wor­den, dass er knapp drei Wochen später starb. Ein Begleit­er, der eben­falls aus Kasach­stan stam­mende Max­im K., wurde auch ver­prügelt, kam aber mit dem Leben davon.

Am ersten Prozesstag in der ver­gan­genen Woche ges­tand bere­its der Angeklagte Marko F. (21) Schläge und Tritte. Außer­dem wurde F. von dem Mitangeklagten Michael H. (22) belastet. Ralf A. meinte auch, ver­mut­lich habe Marko F. den Aussiedler getreten. Unklar blieb, wer den schw­eren Feld­stein auf Kajrat B. gewor­fen hat. Ralf A. sagte wie Marko F. und Michael H., er habe nicht gese­hen, was mit dem Stein geschehen ist. Laut Anklage hat Marko F. den Brock­en auf Kajrat B. gewor­fen und auch auf Max­im K. Dieser wurde am recht­en Hüft­ge­lenk getrof­fen.

Warum es über­haupt zu der Auseinan­der­set­zung kam, kon­nte Ralf A. nicht erk­lären. Nach sein­er Erin­nerung bat ein­er der Aussiedler in nor­malem Ton­fall um eine Zigarette. Irgend­wann habe der Mann eine Flasche in der Hand gehal­ten und es sei zu ein­er Rangelei gekom­men. Ralf A. bestätigte eine frühere Aus­sage, die Rus­s­land­deutschen hät­ten fliehen wollen, seien aber von den Beschuldigten ver­fol­gt wor­den – in der Absicht „ihnen welche zu klatschen“. Die Staat­san­waltschaft schließt nicht aus, dass die Gruppe aus frem­den­feindlichen Motiv­en han­delte.

Der Angeklagte Mike Sch. (20) äußerte sich gestern nur knapp. Er sei betrunk­en gewe­sen und könne sich an die Auseinan­der­set­zung nicht erin­nern.

“Mama, du wirst sehen, alles wird gut”

Mut­ter des getöteten Kajrat Batesov sagte im Prozess aus

(Berlin­er Zeitung, Katrin Bischoff) NEURUPPIN. Sie hat gespürt, dass Kajrat etwas Furcht­bares zus­toßen würde.
Sie hat in jen­er Nacht, als ihr Sohn tödlich ver­let­zt wurde, in ihrem Zim­mer
im Heim für Spä­taussiedler in Freyen­stein bei Witt­stock nicht schlafen
kön­nen. Es war die erste Nacht, die der 24-jährige Kajrat Batesov nicht bei
sein­er Fam­i­lie ver­brachte. Der Rus­s­land­deutsche hat­te in Witt­stock eine
eigene Woh­nung erhal­ten, die er ren­ovieren wollte. Am näch­sten Mor­gen kam
die Polizei. Kajrat liege auf der Inten­sivs­ta­tion, teil­ten die Beamten der
Frau mit.
Rais­sa Bateso­va sitzt an diesem Dien­stag im Saal 2 des Landgerichts in
Neu­rup­pin. Sie weint, als sie über ihren toten Sohn erzählt. “Es fällt mir
sehr schw­er im Angesicht der Leute zu sprechen, die beschlossen haben, dass
Kajrat nicht mehr leben soll”, sagt die Frau. Sie schaut die fünf jun­gen
Män­ner auf der Anklage­bank nicht an. Die 20 bis 22 Jahre alten Angeklagten
müssen sich für den Tod des Spä­taussiedlers ver­ant­worten. Ihnen wird
Totschlag, ver­suchter Totschlag und gefährliche Kör­per­ver­let­zung
vorge­wor­fen. Kajrat Batesov wurde vor ein­er Diskothek im Witt­stock­er
Stadt­teil Alt Daber von einem 17 Kilo­gramm schw­eren Stein getrof­fen. Die
Ver­let­zun­gen waren so schw­er, dass der Vater eines fün­fjähri­gen Jun­gen drei
Wochen später daran starb. Sein Fre­und Max­im über­lebte knapp.

“Als Kajrats Sohn, mein Enkel, geboren wurde, waren wir die glück­lich­ste
Fam­i­lie der Welt”, sagt Rais­sa Bateso­va. Das sei 1997 gewe­sen. Zwei Jahre
später sei ihr Mann schw­er erkrankt und gestor­ben. Kajrat habe für die
Fam­i­lie gesorgt. Auch, als sie im Novem­ber 2001 nach Deutsch­land
über­siedel­ten. “Mama, du wirst sehen, alles wird gut”, habe Kajrat gesagt.
Die 44-Jährige erzählt, wie ihr Sohn nach ein­er Woche auf der
Inten­sivs­ta­tion aus dem Koma erwacht sei. Man habe ihn bis zulet­zt kün­stlich
beat­met. “Ich bin OP-Schwest­er, ich wusste, was es heißt, einen Magen- und
Leber­riss zu erlei­den. Ich habe so gehofft, dass er wieder gesund wird”,
sagt sie.

Ein­er von ihnen warf den Stein

Rund zwei Stun­den hören die fünf Angeklagten Kajrats Mut­ter zu. Mit
gesenk­ten Köpfen. Ein­er von ihnen muss den Stein auf Kajrat gewor­fen haben.
Die Anklage geht davon aus, dass es der 21-jährige Marko F. ist. Dafür, sagt
Staat­san­walt Kai Clement, gibt es einen Zeu­gen.
Hans-Wern­er B. hat den Mann gese­hen, der den Stein warf. Er wohnt gle­ich
neben der Diskothek. In jen­er Nacht, sagt der 53-jährige Revier­förster, sei
er durch ein eige­nar­tiges Klatschen wach gewor­den. Er habe aus dem Fen­ster
geschaut und zwei Men­schen auf der Straße liegen sehen. Drei junge Män­ner
hät­ten auf die am Boden Liegen­den einge­treten. Bis ein­er der Schläger
plöt­zlich “einen Riesen­stein über seinen Kopf” gehoben und auf eines der
Opfer geschleud­ert habe.
Rais­sa Bateso­va ist Neben­klägerin in dem Ver­fahren. An die Angeklagten
gerichtet sagte sie: “Denken Sie daran, auch Sie haben alle Müt­ter und die
lei­den alle mit. Sagen Sie die Wahrheit, sagen Sie, was gewe­sen ist. Ich
wün­sche, dass Ihre Müt­ter nicht das durch­machen müssen, was ich erlit­ten
habe und erlei­de.”

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