20. April 2005 · Quelle: MAZ

Molotow-Cocktails flogen auf Antifa-Bühne

Zwei 22-Jährige müssen sich wegen ver­sucht­en Mordes
oder Bei­hil­fe vor dem Pots­damer Landgericht ver­ant­worten

(MAZ, 19.4.) POTSDAM “Alarm!” Es war am 14. Juli 2001, nachts gegen 3.45 Uhr, als Lars P.
aus dem Schlaf schreck­te. Eigentlich hat­te er sich vorgenom­men, unbe­d­ingt
wach zu bleiben — er und seine Fre­unde woll­ten auf eine Bühne auf­passen.
Dafür waren sie extra zur Fes­t­wiese nach Königs Wuster­hausen
(Dahme-Spree­wald) gekom­men. Am näch­sten Tag sollte hier ein
anti­ras­sis­tis­ches Ope­nair-Fes­ti­val stat­tfind­en. Aber das wirk­lich etwas
passieren würde, damit rech­neten sie nicht.

Nun aber loderten genau neben dem 18-Jähri­gen Flam­men — ein Molo­tow-Cock­tail
war auf die Bühne gewor­fen wor­den, mehrere flo­gen daneben. Zum Glück gelang
es Lars P. und seinen Fre­un­den, die bren­nende Flüs­sigkeit mit ein­er Decke zu
löschen. Der Schreck aber blieb — bis heute.

Gestern begann vor der Jugend­strafkam­mer des Pots­damer Landgerichts der
Prozess gegen zwei der mut­maßlichen Brand­s­tifter: Sebas­t­ian D. und Jeaninne
P., bei­de 22 Jahre alt. Sebas­t­ian D. ist angeklagt wegen ver­sucht­en Mordes,
ver­suchter Sachbeschädi­gung und Ver­stoß gegen das Waf­fenge­setz. Die junge
Frau muss sich wegen Bei­hil­fe zum Mord ver­ant­worten. Sie soll sich außer­dem
in der Nacht zum 30. Juli 2001 erneut an einem Bran­dan­schlag mit
Molo­tow-Cock­tails auf ein Wohn­wa­gen­lager von Sin­ti und Roma in Wildau
beteiligt haben. Die Ver­hand­lung fand wegen des recht­sex­trem­istis­chen
Hin­ter­grun­des unter stren­gen Sicher­heitsvorkehrun­gen statt. Besuch­er wur­den
peni­bel durch­sucht und mussten Taschen und Handys abgeben,

Jean­nine P., eine zier­liche junge Frau mit lan­gen schwarzen Haaren und
großen dun­klen Augen, leugnet ihre Beteili­gung auf den Büh­nenüber­fall nicht:
“Ich habe das Tat­fahrzeug gefahren, aber nicht gewor­fen.” Die Idee sei durch
irgen­deinen dum­men Zufall ent­standen: Man habe sich im “Schwarzen Adler” in
Eich­walde getrof­fen, ein­er habe in der Zeitung von dem Antifa-Konz­ert
gele­sen. Da hät­ten sie sich zu viert auf den Weg gemacht, um das
Antifa-Konz­ert zu ver­hin­dern.

Auch Sebas­t­ian D. weiß ange­blich nicht, wie es zu der Verabre­dung kam.
Zumin­d­est aber gibt er zu, dass er selb­st eine Brand­waffe gebastelt und
gewor­fen hat. Erst im let­zten Moment habe er wahrgenom­men, dass auf der
Bühne Men­schen waren. “Da kon­nte ich nicht mehr stop­pen.” Die bei­den
Mit­täter, gegen die geson­dert ermit­telt wird, hat er trotz­dem nicht vom
Wer­fen abge­hal­ten. Und auch aus sein­er recht­en Gesin­nung macht er kein Hehl.
In seinem Nack­en sind eine Pis­tole und der Name ein­er recht­sradikalen Band
ein­tä­towiert. Und natür­lich auch die Zif­fer 18. In der Szene ste­ht sie als
Sym­bol für den 1. und 8. Buch­staben des Alpha­bets: A H — Adolf Hitler.

Dass bei­den dieser Tat über­führt wur­den, ist ein­er anderen Ermit­tlung zu
ver­danken. Tele­fon und Woh­nung des 22-Jähri­gen wur­den abge­hört, weil er
unter dem Ver­dacht stand, am Bau von Rohrbomben beteiligt zu sein. Der
Ver­dacht bestätigte sich nicht. Dafür aber kon­nte ihm die Tat­beteili­gung in
Königs Wuster­hausen nachgewiesen wer­den. Bei allem, was den Angeklagten
nicht ein­deutig bewiesen wer­den kann, heißt es anson­sten von bei­den: “Ich
erin­nere mich nicht. Dazu sage ich nichts.”

Dabei haben die Angeklagten eine Menge zu ver­lieren: Sebas­t­ian D. hat eine
Lehre als Rau­mausstat­ter abgeschlossen, arbeit­ete lange auf Mon­tage im In-
und Aus­land — bis er selb­st kündigte. Derzeit absolviert er ein Prak­tikum
mit der Aus­sicht auf Fes­tanstel­lung. Er lebt mit sein­er Ver­lobten und deren
zwei­jährigem Kind zusam­men.

Jeaninne P. hat das Abitur, studiert im zweit­en Semes­ter Architek­tur in
Cot­tbus und hat bere­its einen vier­jähri­gen Sohn: “Damals wurde ich wegen
mein­er Hal­tung als Faschist ange­se­hen. Heute küm­mere ich mich nicht mehr um
Poli­tik. Ich habe mit Kind und Studi­um genug zu tun.”

Bish­er sind drei Ver­hand­lungstage ange­set­zt. Das Urteil wird am 11. Mai
erwartet.

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