8. Februar 2004 · Quelle: LR

Nach Gangster-Rap Gewalt im Glad-House

Er gilt als der härteste Gang­ster-Rap­per Deutsch­lands. Viele sein­er Texte
sind eine schn­od­derige Ode an die Gewalt. «Als Berlin­er boxt man sich halt
gern» , hat «Bushi­do» ein­mal in einem Inter­view gesagt. «Wenn du in einem
Ghet­to leb­st, ist der Sinn des Spiels, dass du immer der Erste bist, der
zuschlägt.» Bei «Bushi­dos» Gast­spiel im Cot­tbuser Glad-House, dem Auf­takt
ein­er geplanten Hip-Hop-Ver­anstal­tungsrei­he, ist in der Nacht von Mittwoch
auf Don­ner­stag aus diesem Spiel blutiger Ernst gewor­den.

Eigentlich soll der ver­bale Schlagab­tausch zwis­chen Rap­pern und Pub­likum als
Ven­til wirken, Aggres­sio­nen abbauen, ver­hin­dern, dass sich «echte Ker­le»
immer gle­ich die Rübe ein­hauen. Doch einige rasteten nach dem hefti­gen
Wort­ge­wit­ter, das von der Bühne auf sie niederg­ing, aus. Noch während des
Auftritts kam es zu ersten Wort­ge­fecht­en. So bat «Bushi­do» zum Beispiel
Hip-Hop-Radiomod­er­a­tor André Lan­gen­feld auf die Bühne, um «ihm die Fresse zu
polieren» . «Die haben getan, als ob sie die Größten wären. Das war alles
sehr pro­vokant» , sagt Lan­gen­feld. «Und dann spiel­ten Alko­hol und
Aggres­sio­nen im Pub­likum eine große Rolle.»

Das Feuer­w­erk wüster Beschimp­fun­gen und Belei­di­gun­gen, das immer wieder über
die Köpfe hin­weg pras­selte, war für Lan­gen­feld aber «nur Show, Getue. Ich
habe das gar nicht so ernst genom­men» , sagt er. Andere im Pub­likum fühlten
sich indes «von der Band extrem provoziert» , wie die Polizei später zu
Pro­tokoll nehmen sollte. «Fakt ist, dass eine Gruppe aggres­sive Stim­mung
ver­bre­it­et hat im Saal» , bestätigt Ulf Hen­nicke, Leit­er des
Glad-House-Ver­anstal­tungs­büros. «So hat sich das Ganze langsam
aufgeschaukelt.» Und nach dem Konz­ert war noch lange nicht Schluss.

An der Bar flog dem Cot­tbuser Dirk F., wie Unbeteiligte bestäti­gen, eine
Flasche an den Kopf. Zudem sollen Band­mit­glieder den Dis­put gesucht und ihn
bedrängt haben, wie er später aus­sagen wird. Es kam zu Hand­grei­flichkeit­en.
Schließlich zog der 32-Jährige ein Schnitzmess­er, stach wild um sich,
ver­let­zte drei Män­ner im Alter von 18 bis 26 Jahren, die den Stre­it zum Teil
schlicht­en woll­ten — wohl aus Angst, vielle­icht auch, weil ihn die
Erin­nerung in diesem Moment ein­holte. Denn ange­blich soll Dirk F. vor zehn
Jahren selb­st Opfer ein­er Messer­at­tacke gewe­sen sein. Damals ver­let­zte ihn
eine Gruppe Recht­sex­tremer lebens­ge­fährlich.

«Dirk F. hat bei der Vernehmung erk­lärt, dass er in Notwehr gehan­delt hat» ,
sagt die Cot­tbuser Staat­san­wältin Cäcil­ia Cramer-Krah­forst. «Ein Haft­be­fehl
gegen ihn ist nicht erlassen wor­den. Dafür gibt es keinen Grund.» «Die
Aggres­sion» , sagt ein­er der Ver­let­zten, der am Don­ner­stag operiert wurde,
«ging an diesem Abend ein­deutig von Aggro-Berlin aus. Das ist eben nicht
Hip-Hop, nicht in dieser Form.»

Die Ver­anstal­ter sind schock­iert. Die geplante Ver­anstal­tungsrei­he
«Ton­spielzeug­tage — Ein Klang Par­ty» ist abge­sagt wor­den. «Wir woll­ten
Hip-Hop aus ver­schiede­nen Städten und ver­schiede­nen Nation­al­itäten
präsen­tieren, ger­ade weil diese Musik immer mit Gewalt in Verbindung
gebracht wird, um zu verdeut­lichen: Es geht auch mit Tol­er­anz» , erk­lärt
Glad-House-Leit­er Jür­gen Dulitz. «Doch wenn Gewalt zur
Selb­stver­ständlichkeit wird, wer­den wir diese Szene als Kul­turhaus nicht
mehr bedi­enen kön­nen. Dieses Aus­maß war erst­ma­lig und ein­ma­lig.»

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