28. Dezember 2011 · Quelle: iNFORiOT

Naziattacke auf Fußballteam

Hallenturnier in Frankfurt/Oder: Tennis Borussia Berlin musste Teilnahme vorzeitig abbrechen / Bus mit Spielern und Fans wurde bei Abfahrt angegriffen

INFORIOT Am Dien­stag (27. Dezem­ber) kam es in Frankfurt/Oder zu Auss­chre­itun­gen von recht­en und neon­azis­tis­chen Fußball­hooli­gans. Ein vom FC Union Frank­furt aus­gerichtetes Ama­teur-Hal­len­turnier in der Bran­den­burg-Halle vor ins­ge­samt rund 550 Fans diente ein­er Gruppe von schätzungsweise ins­ge­samt 50 Recht­en als Kulisse für ihre Ran­dale.

Im Fokus der Aggres­sio­nen standen die Spiel­er und Fans von Ten­nis Borus­sia Berlin II. Ten­nis Borus­sia (TeBe) ist für seine linksalter­na­tive Fan­szene bekan­nt. Auf der Angreifer­seite waren lokale Neon­azis und Hooli­gans des FFC Vic­to­ria aus Frankfurt/Oder.

Polizei ignori­ert drei Notrufe
Inner­halb kürzester Zeit nach ihrem Ein­tr­e­f­fen sei die etwa 30-köp­fige Berlin­er Fan­gruppe immer wieder von recht­en Hools provoziert und beschimpft wor­den. Auch Gewalt­tätigkeit­en wur­den angekündigt. Dies wird von mit­gereis­ten Berlin­er Augen­zeu­gen berichtet. Daraufhin alarmierten die Berliner­In­nen nach eige­nen Angaben per Notruf die Polizei. Erst­mals um 19:48 Uhr und als nichts passierte noch zwei weit­ere Male — vor­erst ergeb­nis­los.

Berlin­er Turnier­ab­bruch
Die Aggres­sio­nen der Recht­en seien sodann immer mas­siv­er gewor­den. Eine Gruppe ver­suchte sog­ar zu den Berlin­er Fans auf der Tribüne zu stür­men und wurde erst im let­zten Moment von Secu­ri­ty-Kräften aufge­hal­ten.

Um eine Eskala­tion zu ver­mei­den, hät­ten Spiel­er und Fans von Ten­nis Borus­sia gemein­sam entsch­ieden, vorzeit­ig abzureisen. Von den Secu­ri­ty-Kräften mussten die Berliner­In­nen aus der Halle begleit­et wer­den. Erst in diesem Moment traf die Polizei mit zunächst zwei und dann sechs Beamten ein — rund einein­vier­tel Stun­den nach dem ersten Notruf der Berlin­er Fans.

Angriff unter “Juden!”-Rufen auf den Bus von Ten­nis Borus­sia
Beim Ein­laden des Equip­ments in den Bus kam es zur Attacke. Rund 35 rechte Hooli­gans stürmten auf den Bus zu, war­fen mit einem Ben­ga­lo-Feuer­w­erk­skör­p­er sowie mit Flaschen und Steinen und schossen min­destens ein­mal mit Sig­nal­mu­ni­tion. Um eine Abfahrt des Berlin­er Busses zu ver­hin­dern, wurde das Aus­fahrt­stor des Gelän­des von den Recht­en zugestoßen. Die Angreifer riefen “Jude! Jude!”, “Zeck­en!” und “Deutsch­land — Hooli­gans!”

Die Recht­en ver­sucht­en in den fol­gen­den Minuten immer wieder, den Bus und die Berlin­er Fans und Spiel­er direkt zu attack­ieren. Diese stell­ten sich schützend vor ihren Bus. Die sechs Polizeibeamten posi­tion­ierten sich in Nähe der Berlin­er Fans zwis­chen die bei­den Grup­pen.

Stadt unter Polizeis­chutz ver­lassen
Erst nach einiger Zeit zogen sich die Recht­en allmäh­lich zurück. Unter Polizeibegleitung musste der Berlin­er Bus die Stadt ver­lassen. Wie durch ein Wun­der gab es bei der Attacke keine Ver­let­zten.

Reak­tio­nen von Presse und Polizei
In einem Presse­bericht der “Märkischen Oderzeitung” über das Turnier wird der Angriff nicht erwäh­nt und lediglich die “tolle Kulisse” und der “würdi­ge Rah­men des Spek­takels” her­vorge­hoben. Dieser Umstand wird im Blog publikative.org kri­tisiert. (Ergänzung 30. Dezem­ber: Inzwis­chen ist ein län­ger­er Artikel zum The­ma erschienen.)

In ein­er Mel­dung der Polizei erscheint die rechte Ran­dale indes eher als wech­sel­seit­ige Auseinan­der­set­zung, bei der die Polizei “beschwichti­gend” ein­greifen musste. Immer­hin ist dort fest­ge­hal­ten, dass es die “FCV-Fans” waren, die den auswär­ti­gen Bus ange­grif­f­en haben.

Die Fan­abteilung von Ten­nis Borus­sia (“Aktive Fans”) hat sich mit­tler­weile zu Wort gemeldet. Gefordert wird eine “umfassende Aufk­lärung der skan­dalösen Vor­fälle”.

Bedro­hungsszenario war der Polizei offen­bar vor­ab bekan­nt

Pikant ist, dass Ten­nis Borus­sia offen­bar schon im Vor­feld zu dem Gast­spiel in Frankfurt/Oder von der Berlin­er Polizei in Hin­blick auf eine mögliche Gefährdung hingewiesen wor­den ist. Dies ist aus der Fan­szene zu vernehmen.

Anscheinend gab es also eine eigentlich real­is­tis­che Gefahren­prog­nose der Polizei — und den­noch keine Präsenz vor Ort. Und selb­st nach den Notrufen der Berlin­er Fans trat sie ver­spätet und viel zu per­son­alschwach auf.

Der Ten­nis Borus­sia Fan­blog “Lila Kanal” kom­men­tiert:

Ins­ge­samt sind die Sicher­heitsvorkehrun­gen als Skan­dal schlechthin zu beze­ich­nen: Um eine Sit­u­a­tion zu ver­mei­den, in der sich die TeBe-Anhänger sel­ber vertei­di­gen müssen, hat­te man bere­its im Vor­feld vehe­ment auf das durch den Anhang des FFC Vik­to­ria aus­ge­hende Gefahren­poten­zial hingewiesen. Auch die “Ein­satz­gruppe Hooli­gans” (EGH) der Berlin­er Polizei war im übri­gen zu der gle­ichen Ein­schätzung gekom­men (..). Umso über­raschen­der, dass dann in der Halle wed­er Berlin­er noch Frank­furter Sicher­heit­skräfte anwe­send waren, son­dern lediglich eine Secu­ri­ty, deren Mit­glieder ganz offen­sichtlich mit mehreren der Neon­azis per­sön­lich bekan­nt waren. Die angekündigte Polizeipräsenz fand also nicht nur nicht statt, son­dern das zuständi­ge Prä­sid­i­um in Frank­furt reagierte nicht ein­mal auf mehrere Anrufe, die von ein­er mas­siv­en Zus­pitzung der Sit­u­a­tion berichteten und dringlichst polizeiliche Unter­stützung anforderten. (..) Let­ztlich ist es nur dem besonnenen Han­deln der Tebe-Fans zu ver­danken, dass bis zum Erscheinen der Polizei nie­mand zu Schaden kam.

Frank­furter Naz­i­hools wer­den wieder aktiv­er
Seit einiger Zeit tritt die neon­azis­tis­che Fan­szene des FFC Vic­to­ria in Frank­furt wieder ver­stärkt in Erschei­n­ung. Zulet­zt gab es im Novem­ber Auss­chre­itun­gen und anti­semi­tis­che Sprechchöre beim Gast­spiel des SV Babels­berg 03 in Frank­furt. Ende Sep­tem­ber hat­ten Frank­furter Fans schon bei der Bah­nan­reise zu einem Spiel in Neu­rup­pin ran­daliert.

(Zu früheren Aktiv­itäten Frank­furter Naz­i­hools siehe einen älteren Beitrag der antifaschis­tis­chen Recherchegruppe Frankfurt/Oder.)

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