29. September 2003 · Quelle: LR

Neonazi-Stratege spinnt Netz in der Lausitz

Die Recht­en wollen am 13. Dezem­ber erst in Hoy­er­swer­da, dann in Cot­tbus auf­marschieren. Mit dumpfen Parolen gegen die Ost-Erweiterung der Europäis­chen Union wie «Sach­sen bleibt deutsch!» wollen sie offen­bar eine Anti-Polen-Stim­mung schüren und Sym­pa­thisan­ten gewin­nen. Der Ham­burg­er Chris­t­ian Worch, «Vor­denker» und «strate­gis­ch­er Kopf» der deutschen Neon­azi-Szene, ist ein­er der Drahtzieher der Demon­stra­tio­nen. Er spin­nt die Fäden zu Lausitzer «Kam­er­ad­schaften».

Der «Kampf auf der Straße» ist seine Sache. Schon oft hat Chris­t­ian Worch ein­er hin­ter­her trot­ten­den Anhänger­schar von der Lade­fläche des Führungsautos markige Worte eingepeitscht. Und die Män­ner und Frauen in den Springer­stiefeln brüll­ten ihm die Parolen dann artig nach.

Dabei sieht Chris­t­ian Worch anders aus als die meis­ten Men­schen, die ihm hin­ter­her­laufen. Er hat Haare auf dem Kopf und trägt in der Regel unauf­fäl­liges Schuh­w­erk. Doch diese Harm­losigkeit täuscht.

Mehrmals stand Worch schon vor Gericht. Das let­zte Mal ist er 1997 aus der Haft ent­lassen wor­den. Er war für ein Jahr und neun Monate im Gefäng­nis, weil er die «Aktions­front Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivis­ten» trotz deren Ver­bots weit­erge­führt hat­te.

Ver­fas­sungss­chützer beze­ich­nen Worch als «Vor­denker» und «strate­gis­chen Kopf» der Neon­azi-Szene, als eine ihrer Führungs­fig­uren. Seinen «Kampf auf der Straße» beschränkt der Ham­burg­er inzwis­chen längst nicht mehr auf den Nor­den Deutsch­lands. Auch in Sach­sen und Bran­den­burg tram­pelt er immer häu­figer mit seinen Anhängern durch die Innen­städte. Ende let­zten Jahres organ­isierte er Aufmärsche in Pots­dam und Teupitz. Jet­zt will er in Cot­tbus und Hoy­er­swer­da braunes Gedankengut auf die Straße tra­gen. Nach RUND­SCHAU-Infor­ma­tio­nen liegt der Cot­tbuser Polizei eine Voran­frage von ihm für eine Demon­stra­tion vor. Beim Ord­nungsamt Hoy­er­swer­da hat er eine schon angemeldet.

«Wir sind noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekom­men, auch vom Pub­likum, von den Teil­nehmern her nicht. Daran muss noch gear­beit­et wer­den» , hat­te Worch vor gut einem Jahr in einem Inter­view die Strate­gie erk­lärt. «The­men und Aus­drucks­for­men müssen aktu­al­isiert wer­den und den Nerv der bre­it­en Masse tre­f­fen, die Bedürfnisse der ein­fachen Men­schen ansprechen.»

In der Lausitz sieht Worch diesen Nerv offen­bar in der Angst vor Ost-Europa. In Cot­tbus und in Hoy­er­swer­da will er gegen «die durch die EU-Ost-Erweiterung dro­hende Mass­en­in­va­sion der so genan­nten Ostvolk-Ange­höri­gen» wet­tern. Der «Wider­stand», erk­lärt er im Demon­stra­tionsaufruf, richte sich gegen die «Ver­gabe deutschen Geldes für Polen, Tschechen & Co.», die «Ent­deutschung Sach­sens» und gegen den «Abbau deutsch­er Arbeit­splätze in Bran­den­burg».

Als Red­ner in Cot­tbus und Hoy­er­swer­da kündigt Worch den Wein­heimer Holo­caust-Leugn­er Gün­ter Deck­ert an. Und Gor­don Rein­holz aus Frank­furt (Oder). Der ist in der Lausitz ein alter Bekan­nter. Für eine so genan­nte «Lausitzer Arbeit­slos­enini­tia­tive» hat­te Rein­holz im ver­gan­genen Dezem­ber eine Demo in Hoy­er­swer­da angemeldet, an der 100 Recht­sex­treme aus Sach­sen und Bran­den­burg teil­nah­men.
Der bran­den­bur­gis­che Ver­fas­sungss­chutz beze­ich­net Rein­holz als einen «Neon­azi» , der sich inten­siv um den «Märkischen Heimatschutz» küm­mert. Diese Grup­pierung will sich als «Sam­mel­beck­en für neon­azis­tis­che Kam­er­ad­schaften» pro­fil­ieren und soll 50 Mit­glieder zählen.

Rein­holz taucht auch im Impres­sum der «Mit­teldeutschen Jugendzeitung» (MJZ) auf. Mit dem Blatt, das auch an Cot­tbuser Schulen verteilt wird, soll Nach­wuchs für «freie Kam­er­ad­schaften» geködert wer­den. Nach Erken­nt­nis­sen der Ver­fas­sungss­chützer mis­chen bei dieser Pos­tille etliche recht­sex­trem­istis­che Grup­pierun­gen aus Sach­sen und Bran­den­burg wie die «Schle­sis­chen Jungs» aus Niesky, die «Kam­er­ad­schaft Schle­sien» aus Weißwass­er, die «Lausitzer Front» aus Guben und eine «Kam­er­ad­schaft Cot­tbus» mit. Die «Freien Aktivis­ten Hoy­er­swer­da» waren bis Anfang des Jahres sog­ar Mither­aus­ge­ber der MJZ.

«Diese Grup­pierung spielte eine zen­trale Rolle bei den Ver­net­zungs­be­stre­bun­gen der recht­sex­trem­istis­chen Kam­er­ad­schaftsszene in Ost­sach­sen» , erk­lärt Alrik Bauer vom säch­sis­chen Ver­fas­sungss­chutz, der das Poten­zial der recht­sex­trem­istis­chen Skin­head- und Kam­er­ad­schaftsszene in Hoy­er­swer­da auf 50 bis 70 Per­so­n­en schätzt. Nach dem Wegzug eines führen­den Aktivis­ten nach Meck­len­burg-Vor­pom­mern hät­ten deren Aktiv­itäten aber deut­lich nachge­lassen.

Worch galt lange als Verbindungs­mann der NPD zu den freien Kam­er­ad­schaften. Sein Ver­hält­nis zu dieser Partei ist aber merk­lich abgekühlt. Inzwis­chen kocht Worch offen­sichtlich mehr und mehr sein eigenes recht­es Süp­pchen, das er mit dem Wort «echter Nationaler Wider­stand» umschreibt.

«Bei diesem Begriff han­delt es sich nur bed­ingt um eine Organ­i­sa­tions­beze­ich­nung» , erk­lärt Ver­fas­sungss­chützer Alrik Bauer. «Er ste­ht auch für die Ver­net­zungs­be­stre­bun­gen aller recht­sex­trem­istis­chen Kräfte, gle­ichgültig ob Einzelper­so­n­en, Parteien, Kam­er­ad-schaften oder andere Organ­i­sa­tio­nen.» Vor allem recht­sex­trem­istis­che Kame-rad­schaften ver­stün­den sich aber als Teil dieses «Nationalen Wider­standes».

Das verbindet sie mit Worch, der nicht müde wird, sie zu Demos auf die Straße zu treiben.
Ver­anstal­tungsver­bote pflegt er bis vor das Bun­desver­fas­sungs­gericht anzufecht­en. Mehrfach haben Ver­fas­sungsrichter Worch schon Recht gegeben. In ein­er Eilentschei­dung stell­ten sie fest, eine Ver­samm­lung könne «nicht schon deshalb ver­boten wer­den, weil poli­tisch missliebige Mei­n­un­gen geäußert wer­den» . Wie eine Trophäe trägt Worch sei­ther diesen Beschluss bei Demos vor sich her.

«Das poli­tis­che Poten­zial von Demon­stra­tio­nen ist gewaltig», hat Worch ein­mal gesagt. «Dafür reicht es natür­lich nicht, wenn ein paar hun­dert oder besten­falls wenige tausend Men­schen auf die Straße gehen. Sind es hinge­gen zig­tausende oder hun­dert­tausende, entste­ht echte Gegen­macht.»

Das gilt natür­lich auch umgekehrt. Beim let­zten Mal, als Recht­sex­treme durch Hoy­er­swer­da marschierten, stellte sich allerd­ings nur eine einzige Frau mutig gegen den Nazi-Zug.

(Infori­ot) Mehr zur Nazide­mo in Cot­tbus und Hoy­er­swer­da: www.asncottbus.org.

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