26. Februar 2004 · Quelle: Yahoo News

Neuer Schwung

(Yahoo News) Pots­dam (ddp-lbg). Das Ver­brechen geschieht am 16. Juni 1996. Der far­bige Brite Noel Mar­tin wird in Mahlow von jun­gen Recht­sex­trem­is­ten über­fall­en und aufs Schw­er­ste ver­let­zt. Seit­dem ist der Bauar­beit­er vom Hals abwärts gelähmt und an den Roll­stuhl gefes­selt. 2001 verabre­den er und der dama­lige Bran­den­burg­er Min­is­ter­präsi­dent Man­fred Stolpe (SPD) die Ein­rich­tung eines Fonds, der Begeg­nun­gen junger Leute aus den Regio­nen Mahlow und Birm­ing­ham, dem Wohnort Mar­tins, befördern soll. Doch richtig in Schwung kommt das Pro­jekt nicht. Erst zwei Bran­den­burg­er Schü­ler­grup­pen besuchen Noel Mar­tin. Er sei «ent­täuscht», dass der Fonds nicht schneller zum Tra­gen kommt, sagt Mar­tins Beauf­tragte Robin Herrnfeld. 

Das soll nun anders wer­den. Die «Stiftung Großes Waisen­haus zu Pots­dam» will dem «Noel-und-Jaque­line-Mar­tin-Fonds» endlich «Leben ein­hauchen», wie Geschäfts­führer Jür­gen Pankonin sagt. Denn «das Pro­jekt ist bis­lang nicht opti­mal gelaufen». Die Stiftung ver­wal­tet seit kurzem den Fonds mit 25 564,60 Euro aus Lan­desmit­teln und will unter anderem unter Hinzuziehung weit­er­er Part­ner zusät­zliche Gelder ein­wer­ben. Am 9. März wird es zudem in Mahlow ein Tre­f­fen mit Gemein­den, Ini­tia­tiv­en gegen Rechts und Schulen aus der Region geben, bei dem die Aus­gestal­tung des Fonds auf der Tage­sor­d­nung ste­ht. Die regionalen Grup­pen sollen dabei ermuntert wer­den, selb­st den Jugen­daus­tausch zu organ­isieren, sagt Pankonin. Soll­ten diese aber «nicht aus den Puschen kom­men», dann werde die Stiftung allein tätig werden. 

Denn Hand­lungs­be­darf beste­ht, betont Pankonin unter Ver­weis auf den Dezem­ber 2003. Damals über­fie­len vier Jugendliche in Mahlow einen Aussiedler, ver­let­zten ihn lebens­ge­fährlich und raubten ihn aus. Die Staat­san­waltschaft rech­nete sie dem Neon­azi-Milieu zu. 

Die Vorstel­lun­gen, was die Stiftung fördert, seien «so klar noch nicht», erk­lärt der Geschäfts­führer. Die Ein­rich­tung, die sich Pankonin zufolge auss­chließlich über eigene Ver­mö­gen­sein­nah­men finanziert, will «flex­i­bel» über Anträge befind­en. Für eine «preiswerte Reise» nach Eng­land wür­den die Mit­tel aber nicht lock­er gemacht. Die mit­fahren­den Jugendlichen müssten sich schon die Mühe machen, die Mul­ti­kul­tur Birm­ing­hams ken­nen zu ler­nen. Zudem müsse der Antrag­steller eine Eigen­beteili­gung auf­brin­gen. Aus­drück­lich hebt Pankonin her­vor, dass auch solche Schüler und Jugendlichen mit­machen sollen, die ras­sis­tisch eingestellt sind. Diese kön­nten durch interkul­turelle Jugen­dar­beit sen­si­bil­isiert oder gar zum Umdenken bewogen wer­den. Eine Auf­fas­sung, die sich mit der Noël Mar­tins deckt. 

«Frem­den­feindlichkeit kann nur dadurch abge­baut wer­den, dass man junge Men­schen zusam­men­führt», unter­stre­icht Pankonin. Mit dieser Überzeu­gung will er Eltern aus Birm­ing­ham kon­fron­tieren, die in der Ver­gan­gen­heit Vor­be­halte gegen einen Besuch ihrer Kinder in Mahlow und Umge­bung mit der Angst vor recht­sex­trem­istis­chen Über­grif­f­en begrün­det hat­ten. Der Geschäfts­führer ver­weist darauf, dass Mar­tin mit der Stiftung «Großes Waisen­haus zu Pots­dam» als Fonds-Ver­wal­terin «ein­ver­standen» ist. Der Brite habe auch ein «ganz großes Inter­esse», noch in diesem Jahr wieder nach Bran­den­burg zu kom­men«. 2001 war er zum fün­ften Jahrestag des Anschlags dort gewesen. 

Her­rn­feld bestätigt den Wun­sch Mar­tins, im Som­mer nach Mahlow zu reisen und dabei eventuell Jugendliche aus Birm­ing­ham mitzunehmen. Doch die Finanzierung sei »noch völ­lig unklar”. Noel Mar­tin liege nach wie vor am Herzen, Jugendlichen zu zeigen, was ihm vor fast acht Jahren passiert ist, um zu ver­hin­dern, dass so eine bru­tale Gewalt­tat gegen Aus­län­der wieder geschieht. 

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