27. November 2001 · Quelle: Ruppiner Anzeiger

Neuruppiner Asylbewerberheim in der Kritik

NEURUPPIN Der Flüchtlingsrat Bran­den­burg übte herbe Kri­tik am Zus­tand des Asyl­be­wer­ber­heims in Neu­rup­pin. Dieser sei “katas­trophal”, schreibt Dominique John vom Flüchtlingsrat in seinem Bericht. Zweimal hat­te in den ver­gan­genen Wochen das Heim besucht. John fasst sein Ein­drücke zusam­men. “Ins­ge­samt ist das Heim baulich und hygien­isch in einem nicht ver­ant­wort­barem Zus­tand.” Karl Wiese­mann, Betreiber der Ein­rich­tung, sagte dazu: “Ich weiß gar nicht, wovon Herr John spricht. Der Bericht spot­tet jed­er Beschrei­bung.” Die Stätte sei ein “ver­gle­ich­bares gutes Haus” zu anderen Heimen. Auch ein Vertreter der Mobilen Heim­ber­atung in Pots­dam, die Gutacht­en für das Lan­des-Gesund­heitsmin­is­teri­um erstellt, kön­nen dies bestäti­gen. Doch dort war trotz mehrma­liger Ver­suche gestern nie­mand zu erre­ichen.

Es kann kein Zuhause sein”
Flüchtlingsrat übt scharfe Kri­tik am baulichen Zus­tand des Neu­rup­pin­er Asyl­be­wer­ber­heims
NEURUPPIN “Es ist in einem katas­trophalen Zus­tand”, schreibt Dominique John vom Flüchtlingsrat Bran­den­burg übers Asyl­be­wer­ber­heim in Neu­rup­pin. Unter anderem kri­tisierte er, die Heim­be­wohn­er hät­ten, “hät­ten ihre Bet­ten raus­geschmis­sen, weil diese vol­lkom­men unbrauch­bar waren”.

Zweimal hat­te Dominique John in den ver­gan­genen Wochen die Stätte an der Erich-Dieck­hoff-Straße besucht, sich mit den Bewohn­ern unter­hal­ten. John schreibt in seinem Bericht: “Die Heim­be­wohn­er bekla­gen sich ins­beson­dere über den schmutzi­gen Zus­tand und darüber, dass es im Win­ter sehr kalt sei.” Schmutzig war es gestern im Heim nicht. Bei einem zwei Stun­den zuvor angemelde­ten Rundgang mit dem Sozialar­beit­er des Heimes, Klaus Ran­dahn, waren lediglich Klei­dungsstücke zu find­en, die die Bewohn­er im Duschraum zurück­ge­lassen hat­ten. Auch waren die Zim­mer nicht kalt. “Die Stauw­erke heizen hier genau­so wie im Neubauge­bi­et”, so Ran­dahn, Von 5 bis 23 Uhr werde voll aufge­dreht, in den anderen Stun­den die Fer­n­wärme gedrosselt. Dass die Asyl­be­wer­ber nicht in Bet­ten schlafen, liege auch an der Kul­tur in der sie aufgewach­sen sind. So sei es für den jun­gen Mann aus dem Tschad nor­mal, auf ein­er Matratze auf dem Boden zu liegen, erk­lärt der Sozialar­beit­er. Der Mann, seit 5 Monat­en in Neu­rup­pin unterge­bracht, nickt. Wenn er sich damit wohl füh­le , kön­nen auch fünf Colabüch­sen in seinem Zim­mer ste­hen, meinte Ran­dahn, der den Bericht von Dominique John für “unsach­lich” hält. Die Bettgestelle sind im Keller gelagert. Denn: “Wenn die Leute sie in den Flur stellen, ste­hen sie im Weg.”

163 Asyl­be­wer­ber seien in dem Heim unterge­bracht. Die oberen drei Stock­w­erke des fün­f­stöck­i­gen Haus­es wer­den bewohnt. “Die Zim­mer sind äußerst spar­tanisch ein­gerichtet”, schreibt John. Tat­säch­lich gehören “drei Bet­ten, ein Schrank ein Tisch und ein Kühlschrank zur Grun­dausstat­tung”, sagt Ran­dahn. Viel ist das nicht, aber “es kann auch kein richtiges Zuhause sein”. Doch in einem anständi­gen Zus­tand soll es sein, beklagt der Vertreter des Flüchtlingsrates Bran­den­burg und kri­tisiert: “Schon ein kurz­er Gang durch einige Zim­mer zeigt, dass das Haus feucht ist, etliche Fen­ster kaputt sind und ins­ge­samt einen äußerst schmutzi­gen Ein­druck macht.” Es habe schon ein­mal eine Pfütze vor dem Fen­ster gegeben, berichtet Klaus Ran­dahn. Aber nur deshalb, weil ein Bewohn­er das Fen­ster geöffnet hat­te, selb­st außer Haus war und es gereg­net hat­te. Dass die Fen­ster nicht in bestem Zus­tand sind, weiß auch der Sozialar­beit­er. “Es zieht ein wenig durch.” Allerd­ings wer­den derzeit im Asyl­be­wer­ber­heim neue Fen­ster einge­baut, 115 Stück waren es bis gestern, so Ran­dahn. Schmutzig war das Zim­mer ein­er viet­name­sis­chen Fam­i­lie nicht. “Bei mir ist immer Ord­nung”, meint Nguyen Thi Huyen. seit drei Jahren wohnt sie im Heim. Die offen­bar verun­sicherte kleine Frau ist im acht­en Monat schwanger. “Es stand in den let­zten Monat­en zuviel in der Presse”, sagt Klaus Ran­dahn. Die Viet­namesin schaut mis­strauisch und zeigt nur wider­willig ihr Zim­mer. Denn auch hin­ter ihr ver­birgt sich eine Geschichte, die Dominique John in seinem Bericht fest­ge­hal­ten hat. Sie sei von Frau Dauksch gestoßen wor­den, “weil sie der Heim­lei­t­erin nicht erlauben wollte, an ihrem Zim­mer ein neues Schloss anzubrin­gen”. Einen ähn­lichen Vor­fall habe es schon im Okto­ber gegeben. Damals musste die Viet­namesin mit Unter­leib­ss­chmerzen ins Kranken­haus gebracht wer­den. Laut John habe sie die Schmerzen auf “sit­u­a­tions­be­d­ingten Stress” zurück­ge­führt. Im Bericht heiß es weit­er: Ursprünglich hat­te sie Anzeige gegen die Heim­lei­t­erin erstat­ten wollen, nahm davon aber Abstand, “weil sie nicht noch mehr Schwierigkeit­en haben möchte”. Frau Dauksch war gestern krankheits­be­d­ingt nicht im Asyl­be­wer­ber­heim anzutr­e­f­fen. Der Heim­lei­t­erin wurde von den Bewohn­ern vor allem “Ras­sis­mus” und “Bösar­tigkeit” vorge­wor­fen, schreibt John. Ran­dahn dazu: “Wer hier arbeit­et, kann nicht aus­län­der­feindlich sein.”

“Ins­ge­samt ist das Heim baulich und hygien­isch in einem nicht ver­ant­wort­baren Zus­tand”, urteilt Dominique John. “Ich weiß gar nicht, wovon er spricht”, meinte Betreiber Karl Wiese­mann dazu. “Der Bericht spot­tet jed­er Beschrei­bung.” Das Neu­rup­pin­er Asyl­be­wer­ber­heim sei ein “ver­gle­ich­bar gutes Haus” gegenüber anderen Ein­rich­tun­gen. Auch erk­lärte er, dass die Mobile Heim­ber­atung in Pots­dam, die Gutacht­en für das Gesund­heitsmin­is­teri­um des Lan­des erstelle, “regelmäßig zu uns kommt” und die Ein­rich­tung lobe. Dort war gestern trotz mehrma­liger Ver­suche nie­mand zu erre­ichen.

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