29. Juni 2004 · Quelle: Ruppiner Anzeiger

Neuruppins Bürgermeister Theel stellte Strafanzeige gegen Altnazi

NEURUPPIN Wegen eines ange­blich in ein­er Auflage von 8000 Exem­plaren ver­bre­it­eten Flug­blatts hat Bürg­er­meis­ter Otto Theel (PDS) eine Anzeige gegen den 89-jähri­gen Wil­helm L. wegen Ver­leum­dung sein­er Per­son und der Stadtver­wal­tung gestellt. Entsprechende Infor­ma­tio­nen des Polizeiprä­sid­i­ums Pots­dam und der hiesi­gen Staat­san­waltschaft bestätigte der Bürg­er­meis­ter gestern auf RA-Nach­frage.

Im Flug­blatt vom 10.Juni geht es um die Schließung des Bunkers im Jahr 2000. Der Jugendtr­e­ff war wegen sein­er recht­sex­tremen Besuch­er und deren Aktiv­itäten geschlossen wor­den. Theel, so heißt es in dem Flug­blatt, habe Wil­helm L. als „von selt­samen Ideen besesse­nen Rat­ten­fänger“ beze­ich­net.

 

 

Geistiger Brun­nen­vergifter“

Nach Ein­satz bei Wil­helm L.: Entset­zte Eltern und dicke Akten / Polizeis­prech­er: Zugriff, bevor Sicherun­gen durch­bren­nen“

NEURUPPIN Über Wochen hat­te die Polizei die Woh­nung des 89-jähri­gen Wil­helm L. observiert. Die Beamten wussten, dass bei dem als recht­sex­trem gel­tenden Rent­ner Kinder und Jugendliche ein- und aus­ge­hen. Von den Aktiv­itäten am 10.Juni jedoch war die Polizei über­rascht.

An die 60 junge Rup­pin­er seien an diesem Tag in die Woh­nung des Mannes gekom­men und hät­ten sie wieder ver­lassen. Jed­er wohl mit einem konkreten Ziel. Denn an diesem Tag wur­den in ganz Neu­rup­pin – selb­st in den Außen­bezirken – mehrere Tausend von Wil­helm L. unterze­ich­nete Flug­blät­ter verteilt.

Das Beobacht­en der Woh­nung set­zte sich fort, bis die Beamten – man spricht von mehreren Dutzend – am ver­gan­genen Fre­itag zugrif­f­en. Auf den ersten Blick kön­nte man meinen, dass die Durch­suchung der Woh­nung des oft als Nazi-Opa beze­ich­neten Rent­ners keinen Erfolg hat­te. In der Tat erk­lärt Pots­dams Polizeis­prech­er Rudi Son­ntag ganz offen, dass der Ein­satz keine Reak­tion auf einen direk­ten Anfangsver­dacht für eine Straftat war. Auch habe eine erste Durch­sicht der beschlagnahmten Akten keine ein­deuti­gen Hin­weise auf Volksver­het­zung oder ähn­liche Delik­te ergeben, wobei die gesamte Auswer­tung noch Wochen in Anspruch nehmen kann. Der polizeiliche Ein­satz hat­te einen anderen Grund. Seit Jahren ver­sam­melt L. in sein­er Woh­nung Kinder und Jugendliche. Die spie­len dort nicht nur Pool Bil­lard. Wenn sie sich in alterss­chwachen Ses­seln lüm­meln, soll L. ihnen seine nation­al­sozial­is­tis­chen Märchen erzählt haben. „Er kann Kinder bee­in­flussen und ist ganz gefährlich“, warnt der Polizeis­prech­er. Deshalb beste­he der Ver­dacht, das als Folge der Indok­tri­na­tion Straftat­en verübt wer­den kön­nten. Die Polizei habe hier, so Son­ntag, vor­beu­gend gehan­delt.

Als ehe­ma­liger Sol­dat der Nazi-Wehrma­cht und Absol­vent ein­er SS-Schule erzäh­le Wil­helm L. den jun­gen Neu­rup­pin­ern Kriegs­geschicht­en und berichte, wie in der Hitler-Dik­tatur mit Juden, Polen und anderen Aus­län­dern umge­sprun­gen wurde. Son­ntag: „Er hat erzählt, wie man heute mit diesen Men­schen umge­hen sollte. Das sind typ­is­che nation­al­sozial­is­tis­che, aus­län­der­feindliche und juden­feindliche Ein­stel­lun­gen.“

Eltern wun­derten sich, wenn plöt­zlich im Zim­mer ihres Sprösslings die Nazi-Zeit ver­her­rlichende Plakate und Sprüche prangten. Nicht nur deshalb spricht Son­ntag von einem „geisti­gen Brand­s­tifter für unsere Jugend“. Als jüngst drei Jugendliche und zwei Her­anwach­sende ver­nom­men wur­den, die beschuldigt sind, den Jerusalemhain und den Fehrbelliner jüdis­chen Gedenkstein mit Nazi-Parolen beschmiert zu haben, stellte sich bei eini­gen eine Verbindung zu Wil­helm L. her­aus. Diese hät­ten von L. verteilte Ausweise der „Heimat­treuen Jugend“ besessen und sich oft im Dun­stkreis des Rent­ners aufge­hal­ten. Es sei auch nicht auszuschließen, dass sie das weit­er­hin tun. Zum Zeit­punkt der Schän­dun­gen im März hätte L. noch Ein­fluss auf jet­zt Beschuldigte gehabt. „Die Saat hat gewirkt“, meint Son­ntag und recht­fer­tigt nochmals den Ein­satz vom Fre­itag: „Das war ein Zugriff bevor bei jeman­den die Sicherun­gen durch­bren­nen.“

Mit der Durch­suchung der Woh­nung von L. war es nicht getan. Die dort aufge­grif­f­e­nen vier 13-jähri­gen Kinder und zwei Jugendlichen wur­den nach Hause gebracht. Manche Eltern seien aus allen Wolken gefall­en, als sie erfuhren, wo sich ihr Nach­wuchs nach­mit­tags aufhält. „Das waren nicht nur Kinder aus sozial schwachen Fam­i­lien. Da war auch ein Kind eines Unternehmers dabei“, berichtet der Polizeis­prech­er. Er set­zt darauf, dass diese Eltern kün­ftig mehr auf den Umgang ihrer Kids acht­en. Schon der Umstand, dass die Kinderz­im­mer durch­sucht wur­den, dürfte höchst unan­genehm gewe­sen sein.

Der Ein­satz am Fre­itag, so hofft die Polizei, hat so manchem die Augen geöffnet. Man geht davon aus, dass diese Kinder nicht so schnell wieder bei dem Rent­ner erscheinen. Damit kön­nte L. an Ein­fluss ver­lieren. Soweit bekan­nt, hat er es vorn­hem­lich auf sehr junge Men­schen abge­se­hen, die er mit sein­er anti­demokratis­chen Ide­olo­gie bee­in­flussen will. In der Regel ver­lören dessen Besuch­er mit dem Älter­w­er­den das Inter­esse, in die Woh­nung an der Kloster­straße zu kom­men. 13- bis 15-Jährige sind laut Son­ntag in ihren Ein­stel­lun­gen noch nicht gefes­tigt. Men­schen wie Wil­helm L. kön­nen sie nach­haltig neg­a­tiv bee­in­flussen. Sie kön­nen aber auch noch aus diesem Sumpf recht­sex­tremer Ide­olo­gien gerettet wer­den, wenn Eltern oder Polizei ein­greifen. Davon ist es abhängig, ob die Saat von Wil­helm L. aufge­ht oder verdör­rt.

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